Ich bin zu cool für Bernd Begemann

oder: Wie mir ein Scheiß-Publikum ein ganzes Konzert versauen kann

 

Ich mag Bernd Begemann. Der lustige dicke Mann hat einen Humor, der mir gefällt, ich höre gerne seine Lieder, dabei schmunzele ich ein bisschen in mich hinein, manchmal gluckse ich auch laut auf, oder ich werde etwas melancholisch und wehmütig. Am liebsten höre ich seine Live-Alben, denn Begebernd versteht es in bester Entertainer-Manier, seine Auftritte mit witzigen Kommentaren und lustigen Improvisationen aufzupeppen.

Was liegt da näher, als endlich mal auf ein Konzert zu gehen? Ich wohne in Hamburg, hier kann man, wenn man möchte, mindestens zweimal im Monat auf ein Bernd-Begemann-Konzert gehen. Dies scheinen ziemlich viele Menschen auch tatsächlich zu tun. Ich hingegen werde es ganz sicher nie wieder tun.

Schuld ist nicht der lustige dicke Mann mit der Gitarre, der fröhlich schwitzend auf der Bühne herumhoppelt. Nein, Schuld ist das furchtbare, unerträgliche, grauenhafte Publikum. Seine „Fans“. Mit diesen Menschen möchte ich mich nicht solidarisieren, nein, ich möchte nicht zu einer Gruppe gehören, deren Teil auch sie sind. Lieber tot sein.

Die typischen Bernd-Begemann-Fans unterteilen sich in drei Klassen.
Klasse eins: Frauen mittleren Alters in Gruppen. Diese Frauen kommen mit ihren Freundinnen, sie haben sich im VHS-Kurs Französisch oder Seidenmalerei kennen gelernt und gehen nun einmal im Monat gemeinsam aus, ohne Männer. Ein paar von ihnen haben sowieso keine Männer. Die Frauen tragen alle freche Igelfrisuren, ausgefallene Brillengestelle und auf ihren Rücken Mini-Rucksäcke. Einzelne Exemplare unter ihnen sind die, die sonst immer im Kino hinter einem sitzen, um alle Witze noch mal zu wiederholen und um einen damit in den Wahnsinn zu treiben. Auf Konzerten scheint das auch zu funktionieren: „Hahaha, Reihenhaus in Fischbek! Hahahaha!“, prusten sie los, und die eigentliche Tragik, nämlich dass sie nach „Genossenschaftswohnung in Steilshoop“ aussehen, wird ihnen dabei leider nicht bewusst.

Klasse zwei: ehrliche Männer jeden Alters mit gebrochenen Herzen. Diese Klasse der Bernd-Begemann-Fans ist die sympathischste, denn sie haben echte Emotionen. Männer können eben seine Gefühle doch zeigen. Diese Männer wissen: Da oben auf der Bühne, da steht jemand, der weiß, wie es ist, von Frauen verletzt zu werden. Der hat das selber schon mitgemacht. Nächtelang durchgesoffen, geklagt, alles versucht und am Ende dann bitter eingesehen: „Ich kann Dich nicht kriegen, Katrin.“ Oder: „Es gibt keine Liebe in deinem Herzen für mich.“ Oder wie es ist, in Christiane, das Mädchen vom CVJM verliebt zu sein. Und so singen sie mit. Und legen all ihre Emotionen hinein. Auch „Es riecht nach gewaschenen Autos, nach Bratkartoffeln und enttäuschter Hoffnung“ intonieren sie so voller Überzeugung, dass man spürt, dass das echt ist. Dabei schließen sie die Augen, schmerzliche Erinnerungen sind ihnen ins Gesicht geschrieben, sie schütteln ihre Köpfe und Schultern im Takt und ja, es mag pathetisch wirken, aber es ist echt.

Klasse drei hingegen ist die allerschlimmste. Und leider auch die größte. Als Teil der Klasse drei kommt man in Paaren. Und verhält sich auch so. Scheinbar wurde am Eingang eine Broschüre verteilt, ein Leitfaden für das Verhalten als Paar im Konzertfall. Regel eins scheint zu sein, dass der Mann seine Freundin von hinten umarmen muss, sie ihren Kopf an seine Schulter lehnt, dabei verträumt die Augen schließt und sie sich gemeinsam asynchron zum Takt der Musik wiegen. Ab und zu muss sie sich umdrehen, dann küssen sie sich lange, mit Zunge und Augen zu. Es ist absurd – da auf der Bühne steht ein Mann, dessen Lieder zu neunzig Prozent von unglücklicher Liebe handeln, was soll das? Wollen sie ihn verhöhnen? Ihn, und all die ehrlichen Männer jeden Alters mit gebrochenen Herzen?! Schweine. Am absurdesten ist jedoch, dass die Paare auch noch mitsingen. Sich tief in die Augen schauen und dabei trällern: „Bis du den Richtigen triffst – nimm mich.“ Denken sie eigentlich nach? Es ist mir ein Rätsel. Dann, nächstes Lied: „Ich habe nichts erreicht außer dir.“ Ja, und das sieht man.
In der Pause gehen die Paare dann zum Merchandising-Stand und kaufen gemeinsam T-Shirts, auf denen „Unsere Liebe ist ein Aufstand“ steht. Leider gibt es keine Shirts, auf denen „Wir sind zweimal zweite Wahl, wir sind ein unattraktives Paar“ steht. Das würden sie sicher auch noch kaufen.

Das schlimmste an diesem Abend war aber eigentlich, dass ich mich die ganze Zeit fragen musste, was das eigentlich über mich selbst aussagt, wenn ich die gleiche Musik mag wie all diese Menschen. Bin ich eigentlich auch so? Oder werde so werden?! Was läuft eigentlich falsch in meinem Leben?
Ich habe Leute immer verachtet, die nur zu Konzerten von bestimmten Bands gehen, weil sie wissen, dass das gerade cool ist. Ist es umgekehrt auch verachtenswert, dass ich nicht mehr zu Konzerten von bestimmten Bands gehe, weil mir das zu uncool ist?
„Ich frage dich – was ist zu tun?“ Und wie fühlt sich eigentlich der Begebernd dabei?