Ruhe billig!

Selbst bestatten - so illegal wie preiswert

DIE ZEIT, 9. August 2012, http://www.zeit.de/2012/33/WOS-Tote-Tante

Als Anne Burger an der Tür klingelt, hat sie die tote Tante in einer Tüte dabei. »Ich habe alles mitgebracht, bis auf den Spaten«, sagt sie, als ihre Schwester öffnet. Die Schwester nickt. »Wir machen das am besten in der Garage.« Anne Burger und ihre Schwester Ursula Schwarz werden gleich die tote Tante verschwinden lassen. Vor einem Monat starb sie, 94-jährig, ledig, kinderlos; sie schlief nachts ein und wachte am Morgen nicht mehr auf. In den letzten Jahren, als die Kraft nachließ und die Vergesslichkeit zunahm, hatten sich ihre Nichten um sie gekümmert. Und sie kümmern sich auch jetzt um sie.

 

Als die Tante verschied, tauchte die Frage auf, wer die Beerdigung bezahlen soll. Das wenige Geld, das sie früher besaß, war weg, über viele Monate in kleinen Summen überwiesen an eine dubiose Gewinnspielfirma, in der Hoffnung auf den großen Gewinn, der nie kam. Über viele Monate hatten die Nichten versucht, sie davon abzubringen. Doch die alte Frau beharrte darauf, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sie trotzte. Und als es nun darum ging, wie die Tante beerdigt werden soll, trotzten die Nichten. Sie entschieden, die Tante heimlich selbst zu begraben, preisgünstig und jenseits der strengen Regeln des Bestattungsgesetzes. »Wir sind auf die Idee gekommen, weil Freunde von uns die Asche der Mutter unter dem Baum vergraben haben, unter dem sie ihren Mann zum ersten Mal geküsst hatte«, sagt Ursula Schwarz. »Das ist doch schön.«

Das ist aber in Deutschland verboten. Deshalb sind alle Namen in diesem Text geändert. Urnen müssen in einer offiziellen Zeremonie auf Friedhöfen bestattet werden, an allen anderen Orten braucht man eine Sondergenehmigung. In der Regel wird die nur für Seebestattungen erteilt, nicht für ein Plätzchen im eigenen Garten oder auf dem Kaminsims.

In den Nachbarländern sind die Gesetze lockerer. Ein Bestatter überführte die Tante in ein nahegelegenes holländisches Krematorium. Hier können Angehörige die Urnen abholen, was in Deutschland nicht möglich ist – sie müssen nur unterschreiben, dass sie vorschriftsgemäß damit umgehen werden.

 

Anne Burger unterschrieb. Alles, was sie dann tat, entspricht nicht den Vorschriften. Sie packte die tote Tante in eine Tüte und stellte sie hinter den Beifahrersitz ihres VW Golfs. »Ich hab zur Tante gesagt: Jetzt musst du leider hinten sitzen, es geht nicht anders. Das wollte sie sonst nämlich nie.« Dann fuhr sie los, die Tante über die Grenze zurück nach Deutschland schmuggeln. »Ich war vorher extra noch beim Blumenmarkt und habe den Kofferraum voll mit Pflanzen gepackt – falls mich einer anhält und fragt, was ich in Holland gemacht habe.« Die Polizei kontrolliert häufig im deutsch-holländischen Grenzgebiet. Prompt landete Anne Burger in einer Kontrolle, wurde aber durchgewinkt. »Ich seh ja seriös aus«, sagt sie mit rheinischer Melodie.

 

Seriös sehen die beiden Nichten tatsächlich aus, um die sechzig, Akademikerinnen, verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus, in der Freizeit wird Golf oder Tennis gespielt oder mit den Männern zum Skifahren oder Tauchen gereist. Geld für eine gesetzeskonforme Beerdigung wäre eigentlich da. Aber da ist eben dieser Trotz, weil die Tante zu Lebzeiten nicht auf sie hören wollte und ihr Erspartes verspielte. Und da ist eine gewisse Freude am zivilen Ungehorsam. »Es ist schon etwas jeck«, sagt Ursula Schwarz, »aber wir machen uns doch alle jeden Tag mit irgendetwas ein bisschen strafbar.«

 

Auf dem Küchentisch holen die Nichten die Urne aus der Tüte mit dem Aufdruck eines Golfartikelladens. Eine Woche lang hatte sie in Anne Burgers Garderobenschrank gelagert: »Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass die Putzfrau da zufällig reinschaut.« Mit einem Schraubenzieher hebeln sie den Deckel des schwarzen Metallgefäßes auf, auf den Name, Geburts- und Todestag der Tante graviert sind. Mit dem Schraubenzieher rührt Burger in der Asche. Darin liegt der feuerfeste Schamottstein mit einer Nummer. »Der muss raus«, sagt sie und greift hinein. Nicht dass doch jemand die illegale Bestattung entdeckt und zuordnen kann. »Und jetzt gehen wir in die Garage und füllen das um«, erklärt Anne Burger und greift nach der Golftüte. »Die ist doch aus Plastik, die verrottet nicht«, protestiert ihre Schwester, »ich hab noch Papiertüten für Biomüll.«

 

Ursula Schwarz hält die Tüte, Anne Burger schüttet. Es staubt. »Tja, Tante, ein bisschen pietätlos ist das.« Ein schlechtes Gewissen, sagen die Nichten, hätten sie schon. »Aber wir sind auch pragmatisch«, meint Ursula Schwarz. Und nicht so gläubig, dass sie auf einen Geistlichen bei der Beisetzung Wert legten. Nach dem Tod der Tante hatte es ein Seelenamt mit den wenigen Verwandten und Freunden gegeben, danach saßen sie noch im Dorfgasthof zusammen. Das war der offizielle Abschied.

»So ist es die preiswerteste Lösung«, sagt Ursula Schwarz. 1200 Euro kostete die Verschickung nach Holland, dazu kamen 635 Euro Gebühren und 448 Euro für das holländische Krematorium. Mit der heimlichen Do-it-yourself-Beerdigung sparen die Nichten die Friedhofskosten für Beisetzung und Laufzeit der Grabstätte, bis zu 2.000 Euro.

 

Auf dem Friedhof landet die Tante trotzdem, und zwar im Grab ihrer Schwester, die vor zehn Jahren starb. 15 Jahre läuft die Pacht noch, genug Zeit auch für die letzte Ruhe der Tante, finden die Nichten. »Hier hat sie es schön, und ich komme immer beim Joggen vorbei«, meint Ursula Schwarz.

 

Die beiden Frauen packen einen Spaten, einen Sack Blumenerde, 70 Liter Rindenmulch und einen Rhododendron in den Kofferraum des VW und fahren zum Friedhof. Die Tante, nun in der Biomülltüte, muss wieder hinten sitzen. Es ist früher Abend, nicht viel los. »Mütterchen, es kommt Besuch«, sagt Ursula Schwarz vor dem Grab. Anne Burger setzt den Spaten an: »Ich grabe, du guckst!« Sie hebt ein Loch aus, ihre Schwester legt die Tüte hinein, schnell schütten sie Erde darüber. Niemand hat etwas mitbekommen, sie wirken erleichtert. In Ruhe setzen sie dann den Rhododendron ein, verteilen Erde und Rindenmulch auf dem Grab, auf die Stelle, unter der die Tüte liegt, postieren sie einen flachen Granitstein. »So, jetzt vertragt euch«, sagt Ursula Schwarz. Die Frauen stemmen ihre Hände in die Hüften und schauen auf das Grab, ein Name auf dem Stein, zwei Tote darunter. Sie schweigen kurz.

 

»Ist doch schön geworden, oder?«, sagt Anne Burger schließlich. Die Schwester nickt. »Eigentlich müssten wir jetzt ein Bier und einen Korn trinken. Das macht man doch nach einer Beerdigung.«