Wo ist Einfalt?

Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 24.10.2009

Das Warten einer alten Frau auf den großen Gewinn

Ilse Hermges hat immer ein Stückchen Wurst im Kühlschrank. Nicht für sich selbst, sondern für den Hund von Hubert Einfalt, den er mitbringt, wenn er sie besuchen wird. Seit drei Jahren wartet Ilse Hermges auf Hubert Einfalt.

Aber er kommt nicht.

Auch heute sitzt die 91-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, in ihrer Wohnung in einem kleinen Ort im Rheinland und horcht, ob es an der Tür klingelt. Auf dem Tisch im Wohnzimmer steht das gute Service, Hutschenreuther, altrosa Porzellan mit Goldrand. Für zwei deckt Ilse Hermges nicht auf. Aber sie hat eine Tasse Kaffee mehr gekocht als sonst, und in der Küche steht noch eine zweite Cremeschnitte. „Jaja, wenn die Hoffnung nicht wäre”, sagt sie und lacht laut auf. „Ich bin eben Optimistin.”

Ilse Hermges und Hubert Einfalt sind sich noch nie begegnet. Trotzdem würde sie ihn erkennen, wenn er vor der Tür stünde. In den Briefen, die er ihr regelmäßig schreibt, ist immer ein Foto von ihm. Manchmal auch zusammen mit dem Schäferhund, der ihn zu seinem Schutz begleitet, wie er schreibt. Denn Hubert Einfalt brächte, wenn er käme, einen Koffer voller Geld. Mal kündigt er 50 000 Euro an, mal 15 000, mal 100 000. Menschen Geld zu überreichen, das ist sein Beruf. Er ist der Gewinndirektor der Firma Friedrich Müller aus Wien.

Acht bis zehn Mal im Monat bekommt Ilse Hermges Post aus Österreich. „Der Herr Einfalt schreibt immer sehr nette Briefe”, sagt sie und legt eines der Schreiben neben den Kuchenteller.
Hubert Einfalt scheint diesen Brief auf einer Schreibmaschine mit verblasstem Farbband verfasst zu haben, einen Tippfehler hat er ausgebessert. Auf dem Foto ist ein Mann Ende vierzig zu sehen, er hält sich mit leidendem Gesichtsausdruck die Wange. Er schreibt, dass er sich bei der Gewinnübergabe verspäte und hoffe, dass Ilse Hermges um 20 Uhr noch nicht im Bett liege. „Es wäre eine Katastrophe, wenn Sie mir bei Gewinn Ihrerseits dann nicht öffnen würden! Schließlich gibt es nicht den geringsten Zweifel, dass endlich auch Sie, Frau Ilse Hermges, garantiert zur Gewinnermittlung der 17 000 Euro zugelassen sind – ich gratuliere!” Schuld an der Verspätung sei sein Zahn. „Sie wissen, es gibt nichts Schlimmeres als Zahnschmerzen!” Den einzig möglichen Behandlungstermin habe ihm sein Zahnarzt ausgerechnet am geplanten Geldübergabe-Tag gegeben – weshalb er erst spät die weite Reise von Wien ins Rheinland antreten könne. „Sie sehen, trotz Zahnschmerzen lasse ich Sie bei Gewinn Ihrerseits nicht auf die 17 000 Euro warten! Da darf ich mir jetzt auch von Ihnen erwarten, dass Sie mir keinen Korb geben! Melden Sie sich bitte unverzüglich. Ich warte, Ihr Hubert Einfalt”

„Ich habe auch gewartet – aber keine Menschenseele ist gekommen”, sagt Ilse Hermges und lacht wieder. Sie lacht viel, laut und ausgelassen. Ihre 91 Jahre sieht man ihr nicht an. Mit perfekt frisiertem weißen Pagenkopf sitzt sie auf ihrem Chippendale-Sofa. „Keinen Pfennig habe ich bekommen, obwohl ich direkt angerufen habe.”
Eine 0900-Nummer, unter der man seinen Gewinn einfordern soll, steht auf dem Schreiben. Kosten: 2,99 Euro pro Minute. Nach einer Telefonrechnung von 400 Euro ließ ihre Nichte ihr die teuren Vorwahlen sperren. Da fragte Ilse Hermges erst die Nachbarn, dann beim Bäcker und schließlich im Supermarkt, ob sie telefonieren dürfte.
Das macht sie heute nicht mehr. „Ich bin jetzt ein bisschen schlauer. Das ist eine ganz gefährliche Nummer.” Eine Zeitlang schrieb sie Briefe an Friedrich Müller nach Wien, in denen sie erklärte, dass sie nicht mehr anrufen kann. Mittlerweile hat die Firma die Taktik geändert: Mit einem beigelegten Überweisungsträger soll Ilse Hermges nun eine „Sofortbearbeitungsgebühr” von 50 Euro bezahlen.
Das hat sie auch gemacht. Wie oft, sagt sie nicht. „Das ist für die Unkosten, wenn der von Wien aus hier rüberfliegen muss. Wenn ich das nicht überweise, brauche ich ja mit überhaupt nichts zu rechnen.” In einem der Briefe ist ein Foto von Hubert Einfalt neben einem Hubschrauber abgedruckt. Das letzte Stück werde er mit dem Taxi fahren, damit ihre Nachbarn sich nicht wundern.

In Wien war Ilse Hermges noch nicht, obwohl sie sehr gerne reist. Sogar in Israel war sie schon, in Bethlehem hat sie die Geburtskirche Jesu besichtigt. Bis sie 86 war, ist sie noch selbst Auto gefahren. „Jetzt habe ich niemanden mehr zum Verreisen. Allein fahre ich nicht. Ich habe ein gewisses Alter erreicht, da kann immer etwas passieren.” Ihre drei Nichten arbeiten und haben keine Zeit, mit ihr zu reisen. „Früher hatte ich meine Schwestern, da war ich noch nicht allein.”
Sie ist die jüngste von zwölf Geschwistern. „Jetzt bin ich die Allereinzige.” Ihre Zwillingsschwester starb bereits mit 26 Jahren, als Letztes ging ihr Bruder Theo, das war vor einem Jahr, kurz vor seinem 101. Geburtstag. „Der fehlt mir”, sagt Ilse Hermges, und verliert für den Moment ihre aufgeräumte Fröhlichkeit. Verheiratet war sie nie. „Nee, das wollte ich nicht!” ruft sie, und da ist wieder das laute, tiefe Lachen. „Ich wollte immer unabhängig sein. Das ist mir das Wichtigste.” Sie machte eine Ausbildung als Masseurin, eröffnete zwei Praxen. „Da war ich unabhängig, habe mein eigenes Geld verdient. Das hat mir gut gefallen.”

Ilse Hermges gießt sich Eierlikör in ein kleines Glas und schüttet noch einen Schuss Kirschlikör in die Mitte. Sie schaut auf die Uhr an der Wand. 40 000 Euro könnte Hubert Einfalt heute bringen, das teilte ihr das „Rechtskomitee für Wettbewerb und Gewinnspiele” in einem offiziellen Brief voller Stempel und Aktenzeichen mit. Die „Sofortbearbeitungsgebühr” hat Ilse Hermges überwiesen, nun kann sie nur noch warten, bis der Gewinndirektor klingelt.
„Ob er das tut, ist eine andere Frage.” Oft ärgert sich Ilse Hermges über Herrn Einfalt. „So schnell kriegt der keine 50 Euro mehr von mir. Eines Tages bin ich es auch satt, das zu glauben. Langsam könnte ich auch einmal gewinnen. Ich hoffe jedenfalls immer noch.”
Ihre Familie hat wenig Verständnis für Ilse Hermges’ Hoffnung. „Meine Nichten sagen mir immer, das sind Betrüger. Kann sein. Ist mir aber wurschtegal, ich weiß doch selbst, was ich will. Ich habe mir das gut überlegt. Ich kann ja rechnen, ich war 30 Jahre lang selbständig, habe nie Schulden gemacht.”

Den Konsumentenschützern ist die Firma gut bekannt. Die Verbraucherzentrale Sachsen nennt sie den „König der Betrüger”. Immer wieder kam es zu Unterlassungsverfahren, die Bundesnetzagentur sperrte die 0900-Nummern.

Wenn Ilse Hermges 40 000 Euro gewinnen würde, würde sie die „vernünftig anlegen. Auf dem Postsparbuch kriegt man fünf Prozent Zinsen. Ich brauche das Geld ja nicht. Ich kann mich nicht mehr wie satt essen, und verhungern tu ich nicht.”
Schließlich räumt sie das Geschirr vom Wohnzimmertisch, schüttet den übriggebliebenen Kaffee in die Spüle und stellt die Cremeschnitte in den Kühlschrank. Hubert Einfalt ist auch heute nicht gekommen. „Ich rechne noch damit, dass ich eines Tages etwas bekomme”, sagt Ilse Hermges. „Wenn die Hoffnung nicht wäre”, zitiert sie wieder den Anfang eines Sprichworts.

 

Wenn die Hoffnung nicht wäre, dann würde das Leben aufhören, lautet es vollständig.