Wie du warst! Wie du bist! Das weiß niemand

Süddeutsche Zeitung, Kultur München/Region/Bayern, 22.06.2011

Am Wochenende starten die Münchner Opernfestspiele – doch wer ist eigentlich das Münchner Opernpublikum? Auf der Suche nach einem Phänomen

Was wurde schon alles Gemeines über das Münchner Opernpublikum gesagt. Vom Monaco Franze: „Es hat überhaupt keine Ahnung, aber jubelt kritiklos jeden Schmarrn zu einem einmaligen Erlebnis hoch.“ Vom scheidenden Gärtnerplatz-Intendanten Ulrich Peters: „Die Münchner Kulturschickeria geht einem sehr schnell auf die Nerven.“ Und Richard Strauss kanzelte gleich die ganze Stadt als „Sumpf, öder Biersumpf“ ab.

 

Was wurde schon alles Schmeichelndes über das Münchner Opernpublikum gesagt. Vom kommenden Generalmusikdirektor Kirill Petrenko: „Das Münchner Publikum ist vernarrt in die Oper. Das gibt es sonst höchstens noch in Wien, dass das Publikum das eigene Haus trägt.“ Vom Staatsopern-Intendanten Nikolaus Bachler: „In München gibt es eine gute Mischung an Leuten, die wirklich begeistert sind, und Gelegenheits-Connaisseuren. Das Haus lebt von den Liebhabern, den Mehrfach-Gehern.“ Und Regina Knappik meint: „Die sind recht nett, die Münchner.“

 

Wenn Regina Knappik das sagt, dann darf man sich darauf verlassen, dass es stimmt. Denn Regina Knappik geht seit 18 Jahren zu jeder einzelnen Vorstellung ins Nationaltheater. Jeder. Wirklich jeder. Seit 18 Jahren. Freie Abende hat sie nur während der Sommerpause und an den wenigen vorstellungsfreien Tagen. Frau Knappik betreibt den Opernladen im Foyer des Nationaltheaters, verkauft Aufführungsfotos, Autogramme, Fächer, Operngläser und „Schnickschnack“, wie sie sagt. Seit 18 Jahren beobachtet sie vor jeder Vorstellung, nach jeder Vorstellung und in den Pausen die Münchner Operngänger und plaudert mit ihnen.

 

Aber wer ist er nun, der Münchner Operngänger? Die Statistiken der Bayerischen Staatsoper sagen: Das Alter der Besucher liegt durchschnittlich bei 57 Jahren, der Frauenanteil bei 52 Prozent. Ein Viertel der Zuschauer stammt aus dem Ausland, vom Rest kommen zwei Drittel aus München und Umgebung. Ein Drittel der deutschen Zuschauer hat ein Abonnement, knapp die Hälfte aller Besucher sieht sich pro Spielzeit zwischen zwei und fünf Vorstellungen an.

Das ist der Durchschnitt, doch der Durchschnitt ist immer so viel langweiliger als die Vielfalt der Realität. Mehr noch als ein Besuch im Theater, eines Konzerts, einer Vernissage ist ein Opernbesuch ein gesellschaftliches Ereignis, ein Schaulaufen, eine Inszenierung. Und Inszenierungen muss man sich anschauen, da reicht es nicht, den Lexikoneintrag nachzulesen.

 

Ouvertüre: Andante

 

„Sollen wir schon reingehen, oder magst noch schauen?“, sagt ein älterer Herr zu seiner Begleiterin. „A bissl können wir schon noch schauen“, lautet die Antwort. Immerhin wollen all die ausgesuchten Garderoben auch gesehen werde. Die Operngänger ziehen sich angemessen an – oder zumindest so, wie sie es für angemessen halten. München ist wahrscheinlich die einzige Stadt, in der man in der Oper dasselbe tragen kann wie auf der Wiesn. Das Festtagsdirndl ist besonders bei Frauen um die 50 beliebt. „Das Publikum zieht sich wieder besser an als früher, zu Jonas-Zeiten“, urteilt Frau Knappik, „man sieht kaum noch Jeans.“ Stattdessen: „Junge Mädchen in kürzesten Röcken und höchsten Stilettos, für mich eine Freude, das zu sehen.“ Überhaupt, die jungen Menschen. Der Großteil der Besucher ist definitiv im Rentenalter, aber ein paar junge gibt es doch, die dafür verantwortlich sind, dass das Durchschnittsalter noch bei flotten 57 liegt. Die jungen Operngänger sehen entweder aus wie gut erzogene Töchter und Söhne oder wie Musikstudenten – aber nie wie beides gleichzeitig.

 

Einer dieser jungen Menschen aus der ersten Gruppe sieht so jung aus, dass er im Flugzeug sicher noch einen Brustbeutel mit der Aufschrift „Alleinreisendes Kind“ tragen müsste. Philipp ist zwölf und antwortet sehr höflich auf die neugierigen Fragen. Ja, er gehe freiwillig hier her, zwei bis dreimal pro Monat sogar, normalerweise alleine, heute konnte er aber seinen 16-jährigen Bruder zum Mitkommen bewegen. Die „Aida“ hat er schon dreimal gesehen, „aber davon einmal in Verona.“ Er möge halt klassische Musik und die aufwendigen Inszenierungen. Nein, seine Eltern gingen selten, „die haben keine Zeit, weil sie viel arbeiten und außerdem pendeln“. In der Bildungsbürger-Oberschicht trägt die Vernachlässigung des Nachwuchses interessantere Früchte als Dauer-Computerspielen oder Alkopops an der Bushaltestelle trinken. Dann hat der Bub im blauen Hemd keine Zeit mehr für Fragen, weil er einen Kartenverkäufer erspäht hat. Zwar hat er schon eine, „aber vielleicht krieg ich noch günstig eine bessere“.

 

Der Schwarzmarkt brummt auf den Stufen des Nationaltheaters. Ein Herr Mitte 60 hält Ausschau nach Schnäppchen. „Ich gehe einmal die Woche und kaufe meine Karten nur so.“ Klappt das denn, auch für diesen Abend, der seit Ewigkeiten ausverkauft ist, weil die Netrebko zum ersten Mal im „L’elisir d’amore“ singt? „Klar, da können Sie heute noch ganze Busladungen reinkriegen! Wissen Sie, ich finde die Inszenierung doof, ich mag die Oper nicht, aber ich will die Netrebko sehen.“ Ein paar Minuten später wechseln eine grüne Hundert-Euro-Note und eine Parkettkarte, Originalpreis 230 Euro, den Besitzer.

Zehn von 15 Karten hat auch der junge Auszubildende in der Pagenuniform des Hotels Bayerischer Hof schon verkauft. „Für eine Gruppe von Gästen aus Tokio. 50 sollten kommen, aber einige sind in Japan geblieben, weil sie Angst vor Ehec in Deutschland hatten.“ Das Staatsopern-Ensemble dürfte sich darüber wundern. Frau Knappik findet’s schade, mit den Japanern macht sie an ihrem Souvenirstand sonst ein gutes Geschäft. „Die kaufen gerne Schnickschnack, Notenschlüssel-Anhänger, sowas.“

 

Erster Akt: Allegretto

 

Dramatik herrscht schon vor der Vorstellung im Zuschauerraum – wenn diejenigen, die einen Platz in der Mitte des Parketts haben, erst fünf Minuten vor Beginn erscheinen. Im Nationaltheater herrscht das stillschweigende Abkommen, dass man seine Ankunftszeit gefälligst nach seiner Sitzposition auszurichten hat, damit nicht die Gäste, die weiter außen sitzen, dauernd aufstehen müssen, um die Spätkommenden durchzulassen, die sich, mantra-artig „Entschuldigung, Entschuldigung“ murmelnd, an fremden Knien und Brüsten vorbeiquetschen müssen. Im Parkett sitzen Menschen, die für eine Opernkarte so viel Geld ausgeben wie andere für eine Woche All-inclusive-Urlaub in Bulgarien, wobei es zwischen diesen beiden Gruppen keine nennenswerte Schnittmenge geben dürfte. Auf den unbequemen altrosa Klappsesseln geht, solange das Licht anbleibt, das Schauen weiter. „Des is ja wieder a Who-is-who hier“, kommentiert eine Dame, nachdem sie von Reihe neun aus einem Bekannten in Reihe sechs gewinkt hat.

 

Den besten Blick aufs Publikum in seiner ganzen Masse und Pracht hat man von den Rängen aus. Hier sitzen diejenigen, die weniger aufs Gesehenwerden geben (denn man sieht sie unter den niedrigen Decken auch kaum) und dafür umso mehr auf die Musik. Sie geben sich beinahe ganz dem Hören hin – manchmal notgedrungen, denn besonders von der Seite sieht man von der Bühne gerade mal ein Eckchen. Nach oben hin wird zwar nicht die Garderobe weniger vornehm, aber die Schuhe werden flacher. „Schaun’S, das sind meine Stehplatz-Schuhe“, sagt eine Dame und zeigt nach unten. Im Parkett sitzt man in Paaren, auf den Stehplätzen harren die einsamen Kurzentschlossenen aus, die weder im Vorverkauf noch auf dem Treppen-Schwarzmarkt fündig geworden sind, nur wenige stehen hier freiwillig. Schon gar nicht bei Vorstellungen wie dem „Rosenkavalier“, der fast fünf Stunden dauert. „Fünf Stunden?“, erschreckt sich eine Frau, „das wusste ich gar nicht. Naja, ich bin Chirurgin, ich steh auch sonst den ganzen Tag.“

 

Zweiter Akt: Larghetto

 

Die ersten Augenblicke nach dem Öffnen des Vorhangs sind die spannendsten, sie können viele Überraschungen hervorbringen. „Der singt ja Italienisch!“, wundert sich ein Mann im Trachtenjanker laut beim ersten Auftritt in „Aida“. Nun entscheidet sich, ob man den Abend mögen wird oder nicht. Große Teile des Publikums sehen das nämlich allein an Kostümen und Bühnenbild. Als bei der „Entführung aus dem Serail“ Statisten mit Fußballschals um den Hals die Bühne betreten: deutlich hörbares Murren. Als sich die Eunuchen erst das Hemd, dann die Hose ausziehen: beinahe ungehaltenes Raunen. „Na, nicht schon wieder Nackerte“, fürchtet sich eine Frau. Erleichterung, als die Unterhosen anbleiben.

 

Dritter Akt: Vivace

 

In der Pause wird bei Verlassen des Saals diskutiert: „So langsam kommt’s ja.“ „Ich find’s schön, so modern“ oder „So eine wunderbare Inszenierung, so konventionell!“ Das Publikum drängt in die hübsch altmodischen „Erfrischungsräume“. Im WC-Vorraum mit der blauen Seidentapete drängeln sich vor Spiegeln Damen, die sich nachschminken, zupfen, richten und pudern, die Herren stehen derweil am Büfett an und kaufen, je nach Großzügigkeit, Sekt (5 Euro) oder Champagner (13,50 Euro), Tatarschnitten, Sachertorte oder „Operntoast“ (Käse-Schinken). An Frau Knappiks Stand steht ein Mann um die 60, mit Hut und Fliege, auf der Oberlippe ein sorgsam gestutztes Menjou-Bärtchen und kauft Netrebko-Postkarten, für die „Daheimgebliebenen“, sagt er. „Ich habe heute Mittag den ICE aus Köln genommen, dann war ich im Dürnbräu essen, gleich gibt’s hier noch was Schönes vom Käfer, nach der Vorstellung noch einen Absacker und dann mit dem ICE um 3.20 Uhr zurück. Das mach ich immer so.“ Dann säuselt er rheinisch hinterher: „Die Operfans, die sind genauso jeck wie die Fußballfans.“  

 

Vierter Akt und Finale: Presto

 

„Die Münchner Begeisterungsfähigkeit hat was mit dem Katholizismus, dem barocken Erbe zu tun“, meint Intendant Bachler. Besonders katholisch scheint demnach das Publikum in den Rängen zu sein, von dort kommen die meisten Jubelrufe beim Schlussapplaus. Im 1. Rang steht ein Herr in einem kurzärmeligen grünen Hemd und dekliniert nach der „Aida“ ordentlich durch: Bravo, Brava, Bravi, je nachdem, ob sich gerade Solist, Solistin oder Ensemble verbeugen.

 

Epilog: Grave

 

Nach dem Applaudieren setzt sich das Münchner Publikum ins Taxi, die Tram, den Reisebus nach Bad Feilnbach oder Traunstein, manchmal auch aufs Radl, die Tiefgarage spuckt BMW, Porsches und Audis aus. Ein paar Getreue harren vor dem Bühneneingang aus, warten, oft bis zu einer Stunde, auf die Solisten, auf La Gruberova, die Netrebko oder den Kaufmann, um ein Autogramm zu kriegen oder Blumen zu überreichen.

Am unteren Ende der Treppenstufen des Nationaltheaters sitzt, wie fast nach jeder Vorstellung, ein Obdachloser. In der Mütze vor ihm liegen eine Euromünze und ein 50-Centstück. Verdient er was, am Münchner Opernpublikum? „Viel geben sie nicht“, sagt er und zeigt beim Lächeln seine Zahnlücken. „Aber ich bin da niemandem böse. Kleinvieh macht auch Mist.“