Wo man Bücher zur Sau macht

Süddeutsche Zeitung am Wochenende, 11.06.2011

Das großartigste Literaturfestival der Welt findet in einem walisischen Kaff statt. Deshalb fahren auch Julian Assange, Vanessa Redgrave oder Roland Emmerich ins „Woodstock des Geistes“.

Die Sau kommt nicht. Will nicht ins Dorf. Interessiert sich nicht dafur, dass da ein Haufen wichtiger Menschen aus der Literaturszene auf ihren Auftritt warten.

Die Sau weigert sich, den Transporter zu betreten, mag auf der Farm bleiben, statt durch die walisische Gegend gekarrt zu werden. „Jetzt bin ich schon ein bisschen beleidigt“, sagt Gary Shteyngart. „Ich habe ein Flugzeug von New York hierher genommen, und sie kann nicht mal in den Anhänger steigen?“


Shteyngart zu Ehren sollte die Sau eigentlich kommen. Der russisch-amerikanische Schriftsteller hat einen Preis gewonnen, den Bollinger-Everyman-Wodehouse-Preis für komische Literatur. Dafür bekommt er eine größere Menge Champagner, eine Werkausgabe des britischen Autors P. G. Wodehouse und eine Sau. Ein Gloucester Old Spot, genauer gesagt. Das Schwein wird künftig den Namen „Super Sad True Love Story“ tragen, nach Shteyngarts ausgezeichnetem Roman. Es wird auf einem Bauernhof in Gloucestershire zwischen anderen Gloucester-Old-Spot-Schweinen am Trog stehen, die „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“, „Solar“ oder „Lachsfischen im Jemen“ heißen. Das sind Gewinnertitel aus den Vorjahren, deren Verfasser wie Gary Shteyngart in ein winziges Kaff in Wales kamen, um dort ihrem Schwein zu begegnen.

Das Kaff heißt Hay-on-Wye, liegt an der englisch-walisischen Grenze und hat 1500 Einwohner. Der nächste Bahnhof ist 45 Minuten Autofahrt entfernt, der nächste Flughafen, Cardiff, eineinhalb Stunden. In diesem Kaff versammeln sich seit 24 Jahren jeden Frühsommer elf Tage lang die Größen der englischsprachigen Literatur zu einem der ungewöhnlichsten Festivals weltweit.
Die Sau ist nur eines von vielen Details, die Hay so amüsant und einzigartig machen. Dem Dorf in Wales gelingt, was in Deutschland selten klappt, nämlich aus Literatur eine fröhliche, unterhaltsame, unelitäre und ein wenig selbstironische Sache zu machen, jenseits von steifem Herumsitzen auf unbequemen Literaturhausstühlen oder bildungsbürgerlichem Volkshochschulmief. Hay macht, dass Bestsellerautoren sich mit kindlicher Streichelzoofreude neben Schweinen im Gras fotografieren lassen.
Die Stimmung auf dem Festivalgelände, einer Wiese am Ortsausgang, bewegt sich irgendwo zwischen dem Picknick beim Pferderennen in Ascot, einer ökologisch-korrekten Kindergeburtstagsparty und dem Glastonbury-Popfestival. Auf dem Rasen, auf Liegestühlen und Decken und in den liebevoll-kitschig eingerichteten Cafézelten sitzen alte Männer in braunen Cordhosen und beigen Schuhen und alte Frauen in lindgrünen Anoraks, die aus der Nachbarschaft gekommen sind; junge Männer und junge Frauen mit Hornbrillen aus London stellen ihre Volvo-Kombis auf den zum Parkplatz umfunktionierten Wiesen zwischen Butterblumen ab; mittelalte Frauen mit asymmetrischen Kurzhaarfrisuren und Holzperlenketten warten an der mit Büchern zum Mitnehmen ausgestatteten Haltestelle auf den Busshuttle, während mittelalte Männer in roten Hosen, blauen Goldknopfjacketts und mit Panamahüten Veuve-Clicquot-Nachschub in den Sektkühler legen.


Auf einer Bank in der Sonne sitzt die junge Schriftstellerin Susanne Heinrich aus Berlin nach ihrer Lesung und sagt: „Ich finde das sehr gelungen hier, ein entspanntes Literaturfest, familiär, offen. Bei uns gibt’s entweder formell und seriös, oder Nachwuchsfestivals wie das Prosanova in Hildesheim, wo gegen die etablierten Literaten opponiert wird.“ In der Hand hält sie die gelbe Rose und eine Flasche spanischen Sekt, den die Künstler hier als Honorar bekommen. Dann schwärmt sie vom Bed & Breakfast, in dem sie untergebracht ist, von Blümchenbettdecken, Damen mit großen Hüten und einem Ferkel. Auch das sind Details, die den Charme von Hay ausmachen.


Etwa 100 000 Menschen besuchen das Festival, sie stehen geduldig vor Lesungen, Konzerten, Signierstunden, Diskussionen und Workshops in Warteschlangen, die sich, wie überall in Großbritannien, auf wundersame Weise auch ohne leitende Absperrbänder in ordentliche Reihen falten. Manchmal lassen sich die Menschen auch zu einer Lesung in ein Zelt locken, weil es dort gratis Whisky zum Probieren gibt. Sie essen mitgebrachte Sandwiches aus Lunchboxen oder gekaufte Burger vom „Xtreme Organix“- Stand, deren Fleisch vom Bio-Bauernhof im Nachbarort stammt, oder das umwerfend gute Eis von „Shepherd’s“, hergestellt aus Schafsmilch. Fast alle halten sie Bücher in den Händen: aufgeschlagene, in die sie vertieft sind, frisch signierte, die sie stolz anlächeln, gerade gekaufte, die im Leinenbeutel verstaut werden, digitale, die sie sich auf den E-Reader geladen haben. Und sie plaudern über die prominenten Gäste.

Zum diesjährigen, 24. Hay Festival, das am Sonntag zu Ende ging, kamen die Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul und J.M.G. Le Clézio, Henning Mankell, Hanif Kureishi und Louis Begley; außerdem Stars aus Politik, Musik, Film und Gesellschaft. Gilbert & George waren da, Mohamed ElBaradei ließ sich per Video zuschalten, Bob Geldof spielte das Abschlusskonzert. Vanessa Redgrave, die in der Nähe von Hay aufwuchs, fragte vom Podium, ob ihre Jugendliebe Steven zufälig im Publikum sei (zufällig leider nicht). Julian Assange, der sich kurzfristig entschied, aus seinem Hausarrest per Helikopter nach Wales zu fliegen, verärgerte einen Zuhörer durch sein arrogantes Auftreten: „Der denkt doch, er sei der Messias.“ Der Regisseur Roland Emmerich, der in Hay zum ersten Mal Szenen aus seinem neuen Film „Anonymous“ zeigte, in dem er die Autorschaft Shakespeares anzweifelt, fiel bei den kritischen Fragen des Publikums nichts Besseres ein als: „Ich habe die Diskussionen im Internet gelesen, dass Shakespeare nicht der Verfasser der Stücke gewesen sein kann, die haben mich überzeugt.“

All die bekannten Namen der klugen und mal weniger klugen Künstler sorgen dafür, dass im Vierzig-Kilometer-Radius um Hay-on-Wye während der Festivaltage kein freies Bett mehr zu kriegen ist, obwohl auch jeder noch so abgelegene Bauernhof Übernachtungsmöglichkeiten anbietet, mehrere große Campingplätze aufgebaut werden und im Garten eines der wenigen, Jahre im Voraus ausgebuchten Hotels hübsch eingerichtete Wohncontainer als „Luxury Pop-up Hotel Room“ für 185 Pfund pro Nacht angeboten werden.


Als der Schauspieler Peter Florence und sein Vater Norman das Festival 1988 gründeten, war mit solchen Ausmaßen noch nicht zu rechnen. 1989 kommentierte Arthur Miller seine Einladung noch mit: „Hay-on-Wye? Was für eine Art Sandwich ist das denn?“ Der Durchbruch gelang 2001, als Bill Clinton anreiste und das Festival als „Woodstock des Geistes“ bezeichnete. Die 100 000 Pfund Gage, die er für seinen Auftritt bekam, haben sich für die Macher gelohnt. Der Slogan beförderte Hay zum wichtigsten englischsprachigen Literaturfestival.
Oder zum Reichsparteitag. „Nuremberg! It’s like Nuremberg.“ Das sagt ausgerechnet der Mann, der die Literatur vor fünfzig Jahren überhaupt erst in das bäuerliche Dorf gebracht hat und der heute sein bekanntester Einwohner ist: Richard Booth. Er bereitete den Boden für das, woraus Jahrzehnte später das Hay Festival gezüchtet werden konnte. Doch die Züchtung gefällt ihm nicht. Peter Florence hat viele Sponsoren für das Festival verpflichtet, Firmen wie Nestlé vor einigen Jahren, jetzt etwa Eon oder Rupert Murdochs TV-Sender Sky. Und so sehr Booth das Medium Buch liebt, so sehr verabscheut er das, was er „die imperialistischen Massenmedien“ nennt und als deren Anführer er Murdoch sieht. Das Festival habe nichts mit seiner Philosophie von Hay zu tun – die habe sich auch immer auf das Gebrauchtbuch bezogen, das im Gegensatz zum neuen Buch dem Intellekt und nicht dem Ego diene.


Der 73-jährige Booth ist ein charmanter, gewitzter Exzentriker mit Lust an der Provokation. 1961 kam er nach seinem Studium in Oxford mit einem Container voller Bücher in sein Heimatdorf zurück und eröffnete ein Antiquariat in der alten Feuerwache. Er hatte eine Idee: Der verschlafene Ort sollte zum Bücherdorf werden, Touristen und Bibliophile anziehen und damit die Wirtschaft beleben, ohne die Unterstützung von Staat und Behörden, die Booth größtenteils für korrupt hält. Er karrte immer mehr Bücher nach Hay, füllte leerstehende Geschäfte, schließlich kaufte er die normannische Burg aus dem 13. Jahrhundert in der Ortsmitte und zog dort ein. Am 1. April 1977 erklärte Richard Booth Hay-on-Wye zum unabhängigen Königreich der Bücher, sich selbst zum Monarchen und sein Pferd zum Premierminister.


Mehr noch als die Dorfbewohner wurden die Bücher zu seinem treuen Gefolge. Eine aufgegebene Bibliothek nach der anderen fand ihren Weg nach Hay, in die Regale von Booth oder der anderen Händler, die in den Ort zogen, sich spezialisierten auf Kinderbücher oder Krimis und Horror, auf Lyrik oder Botanik und Bienenhaltung. Die Bücher bevölkerten jeden Winkel des Dorfs, Dachböden, Keller, Scheunen, selbst die Nischen der Burgmauern. Sie verwandelten das Kino in einen Buchladen und auch die Autowerkstatt. Booths Konzept des Bücherdorfs expandierte ebenfalls, mittlerweile gibt es weltweit etwa 60 solche Orte, da- von auch ein paar in Deutschland – Wünsdorf in Brandenburg zum Beispiel, das zwar nur drei Antiquariate aufweisen kann, aber dafür noch große Bunkeranlagen aus der Nazi-Zeit hat und sich deshalb „Bücher- und Bunkerstadt“ nennt.


In Hay-on-Wye hingegen entstanden unter König Richards Regentschaft mehr als 30 Antiquariate, deren Bestand auf bis zu zehn Millionen Titel geschätzt wird – das wären mehr als 6600 pro Einwohner. 2004 wurde Booth durch die Queen, die ihm seine separatistischen Tendenzen offenbar nicht übelnahm, zum MBE, Member of the Order of the British Empire, ernannt. Sein Name ist in Hay allgegenwärtig. Am größten Laden des Dorfs, Bestand etwa 500 000 Exemplare, prangt „Richard Booth’s Bookshop“. Und auch auf dem Shuttlebus zum Festivalgelände steht: „Sponsored by Richard Booth’s Bookshop“.
Dabei sagt Booth, dass er mit dem Festival nichts zu tun haben will. „Aber ich habe halt meinen Namen verkauft“, sagt er. Denn der Buchladen gehört ihm nicht mehr, sondern Elizabeth Haycox, einer Amerikanerin, die auch den Golfplatz besitzt und wohl bald auch die Burg erwerben wird. Sie ergänzte die alte Buchhandlung um ein Café und plant, nach 30 Jahren wieder ein Kino im Ort aufzumachen. „Hat Hay eine neue Queen?“, fragte die Lokalzeitung.

 

Der alte König hat sich ins Exil zurückgezogen, sogar über die Landesgrenze. Er lebt nicht mehr in seiner Burg, in der er noch einen Buchladen führt, sondern drei Meilen weiter die Hügel hinauf, wo Wales schon wieder England ist, in einem riesigen alten Herrenhaus, das er geerbt hat. Hier scheinen die Bücher ungestört wachsen zu dürfen, sie wuchern aus der Bibliothek in alle Räume des Hauses, auf den Dielenboden und auf Fensterbänke, Tische, Stühle, die Terrasse. Etwa 30 000 Exemplare, schätzt Booth, hat er im Haus. Als er den Besucher nach dem Gespräch nach draußen bringt, steht plötzlich ein Wäschekorb mit Büchern vor der Haustür. Jemand hat sie ausgesetzt, damit der König sie in seine Obhut nimmt.

 

Richard Booth sagt, er sei seit Jahren nicht mehr auf dem Hay Festival gewesen – er wäre beinahe rückfällig geworden, als er die Sache mit der Sau erfährt, von der er bislang nichts wusste. Zum zwölften Mal gewinnt nun ein Schriftsteller hier ein Schwein – im vorigen Jahr war es Ian McEwan – und posiert auf dem Festivalgelände mit dem Tier für die Fotografen. Nur dieses Jahr nicht, weil die Sau einfach nicht in den Transporter wollte. Enttäuschung beim Publikum, Enttäuschung bei den Fotografen, Enttäuschung beim Preisträger Gary Shteyngart. Bis eine Festivalmitarbeiterin vorschlägt, für das Foto zum Haus ihrer Eltern zu fahren, ein paar Meilen entfernt, weil dort das Schwein lebe, das ihr Bruder ihr kürzlich zur Hochzeit geschenkt habe. Die Sau, die brav auf „Sitz!“ hört, ist zwar kein Gloucester Old Spot, sondern irgendwas Australisches und außerdem bereits auf den Namen „Bluebell“ getauft, aber das stört Shteyngart nicht. Er hockt sich neben das Tier und lässt sich mit seinem iPhone fotografieren, „tolles Facebook-Material! In den USA sind Literaturpreise nie so lustig. In Deutschland?“

Shteyngart tätschelt vorsichtig das Schwein. So viel Narretei hätte dem König sicher auch gefallen.