Hype und Häme

Süddeutsche Zeitung, Panorama, 27. August 2013

Helene Hegemann galt nach dem Erscheinen von „Axolotl Roadkill“ erst als Wunderkind und dann als dreiste Plagiatorin. Drei Jahre später ist nun ihr zweiter Roman erschienen. Eine Begegnung in Berlin

 

Sie ist gelassen. Das ist bemerkenswert, denn Helene Hegemann war vor noch nicht allzu langer Zeit einem feuilletonischen Shitstorm ausgesetzt: Ihr erster Roman „Axolotl Roadkill“ bekam zunächst euphorische Kritiken. Als dann herauskam, dass die Autorin passagenweise bei einem Blogger abgeschrieben hatte, wurde das Buch um so leidenschaftlicher zerfetzt. Das war 2010. Helene Hegemann war 17 Jahre alt.

 

Dreieinhalb Jahre später, an einem Montag im August, sitzt die 21-jährige Helene Hegemann gut gelaunt und entspannt auf der Terrasse eines italienischen Restaurants in Berlin-Mitte. Zu ihren Füßen liegt Charlie, ihre Mischlingshündin, die sie während einer Serbienreise adoptiert hat. Die Autorin macht Pressearbeit für ihren neuen Roman, er heißt „Jage zwei Tiger“ und ist am Montag bei Hanser Berlin erschienen. Zum Zeitpunkt des Treffens ist das Buch bereits an Rezensenten verschickt, aber noch dürfen keine Kritiken erscheinen.

 

Es herrscht also Ruhe – ob es die Ruhe vor einem neuerlichen Sturm ist, weiß Hegemann zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie sagt: „Keine Ahnung. Es könnte komplett totgeschwiegen werden, wär’ ja auch nachvollziehbar. Vielleicht wird es an einigen Stellen sogar ernst genommen.“ Den Gedanken an die möglichen Reaktionen habe sie beim Schreiben wegschieben können, blockiert habe sie das nicht. „Typischer Fall von ‚Jetzt ist die Bahn frei, man hat keinen Ruf mehr zu verteidigen‘.“ Sie lacht, dann sagt sie: „Es war jetzt auch nicht sooo schlimm.“ Hmm, kaum zu glauben, dass es nicht verstörend gewesen sein soll, nach dem ersten Roman erst hochgejubelt und dann gehasst zu werden.

 

„Totgeschwiegen“, wie Hegemann kokettiert, wurde ihr neuer Roman natürlich nicht, dafür war die Debatte um ihr Debüt zu hitzig. Die Kritiken, die in den letzten Tagen erschienen sind, waren durchwachsen. Die Zeit – für die Hegemann auch kürzlich eine sehr lesenswerte Bayreuth-Reportage geschrieben hat – gab sich begeistert, die meisten anderen Rezensionen waren eher mau, Tenor: Die Autorin hat Talent, doch ihr Buch hat Schwächen.   

 

„Jage zwei Tiger“ handelt wieder von Jugendlichen, die sich fremd fühlen in der Welt: Ein Junge verliert seine Mutter – ein Motiv, das Hegemann immer wieder verwendet –, eine junge Frau verstößt ihre Familie, am Ende droht die Apokalypse. Auch wenn sie sich mit Figuren, Handlung und mäandernden Abschweifungen verzettelt, Hegemann hat einen scharfen Blick, kann Klischees und Szenezugehörigkeiten bitterböse entlarven.

 

Die große Häme, die sich nach dem Plagiatsskandal unter die gerechtfertigte Kritik an ihrem Abschreiben mischte, blieb also diesmal aus. Aber den Hype, der vor der Häme stand, den mag nun auch niemand mehr veranstalten. Den würde ihr neues Buch freilich auch nicht tragen.

 

Der Plagiatsskandal klebt trotzdem noch an ihr, vielleicht auch, weil sie sich nie dafür entschuldigt hat, sondern das Abschreiben recht schnoddrig als neuen, entspannten Umgang mit literarischem Material rechtfertigte (es gebe keine Originalität mehr, „nur Echtheit“). Mögen die Rezensenten sie als Autorin nun auch ernst nehmen, ein Teil ihres Publikums scheint das nicht zu tun. Unter den online erschienenen Buchbesprechungen sammeln sich derart viele abfällige, hämische Kommentare, dass man nicht umhin kann festzustellen: Hegemann hat ein miserables Image.

 

Das Bild, das vor drei Jahren von ihr entworfen wurde, war das eines schwierigen, leicht gestörten Mädchens, das altklug daherredet und sein Gesicht dabei hinter langen Haaren versteckt. Und genau so hat man sie sich vor diesem Treffen auch vorgestellt. Ihre Verlegerin gab am Telefon vorher Ratschläge für den Termin, man solle doch die Plagiatsgeschichte bitte nicht zum Hauptthema machen. Sie wolle einem natürlich nichts vorschreiben, aber sie habe eben das Bedürfnis, ihre schützende Hand über das Mädchen zu halten.

 

Und dann sitzt da eine nette und unkompliziert wirkende junge Frau. Hegemann trägt schwarze Hose und Shirt, die Fingernägel sind ebenfalls schwarz lackiert, ein bisschen Grunge, ein bisschen Punk. Ihre Haare, über die damals so viel geschrieben wurde, hängen nicht mehr ins Gesicht, aus dem die weichen, kindlichen Züge fast verschwunden sind. Sie wirkt nicht wie eine, die beschützt werden muss, sondern professionell höflich und entspannt. Zu Beginn des Gesprächs scherzt sie darüber, auf welche Details Journalisten bei solchen Treffen gerne achten: „Von der Getränkebestellung wird dann abhängig gemacht, wie die Großeltern so drauf waren.“ Sie trinkt Mineralwasser mit Kohlensäure und albert: „Das mache ich als bewussten Akt. Da bin ich ja eine der wenigen, die das noch tun. Das sind die bad kids.“ Hegemann hat eine ziemlich entwaffnende Selbstironie und wirkt offen und ungekünstelt. Dann wird sie ernster und spricht darüber, wie sie damals in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. „Man wird manchmal komplett missverstanden, positiv oder negativ. Das macht einem nur klar, was für eine Abtrennung das von der eigenen Person ist – die es ja eh nicht wirklich gibt.“

 

Ein typischer Hegemann-Gedankengang: Sie kann nicht von „der eigenen Person“ sprechen, ohne sich die Anmerkung zu verkneifen, dass die Existenz eines Selbst ja grundsätzlich fragwürdig sei. Manche mögen das als klugscheißerisch oder wichtigtuerisch empfinden, doch man kann es auch einfach als eine etwas nerdige Begeisterung für Intellektuelles sehen. Hegemann wechselt zwischen philosophischen Theorien und belanglosen Geschichten aus Klatschmagazinen, Trashfernsehen und Musikhistorie – Popkultur eben.

 

Obwohl Helene Hegemann stets gesagt hat, dass sie nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie ihre Romanfigur, wurde sie mit ihrem fiktionalen Alter Ego verwechselt und galt plötzlich als die maßgebliche Stimme ihrer Generation. Nun wird nahezu jedes Buch, das von jemandem unter 30 geschrieben wird, von einem Protagonisten im Alter des Autors handelt und gleichzeitig eine Welt beschreibt, die Menschen über 40 nicht mehr kennen, mit dem Label Generationsroman versehen. Mit befremdetem, sensationslüsternem Gruseln schaut die ältere Generation auf die jüngere, diese krasse, abgefuckte Jugend: Ja, so sind sie, die heutigen Wohlstandskids, die sich in diesem mysteriösen Berliner Club namens Berghain bewegen.

 

Im Fall Hegemann war das Generationen-Label das größte Missverständnis. „Schrecklich! Das war ein vollkommener Fehler, auch von allen, die für die Promotion verantwortlich waren“, sagt sie heute. „Ich kriege von meiner sogenannten Generation komplett eins auf den Deckel, das ist das Problem an dieser Kategorie. Abiturienten werden dazu gezwungen, dieses Buch zu lesen, weil es als Generationsroman gilt.“ Sie wundert sich darüber. „Dann sehe ich Monate nach dem Skandal, dass sich ein Klassensprecher eines Gymnasiums schäumend über dieses Buch aufregt: ,Wie kann sie sich anmaßen . . .‘ Ich habe immer und konsequent bestritten, dass das etwas sei, das eine bestimmte Altersgruppe betrifft. Es geht um eine Weltsicht, die ist nicht vom Alter abhängig.“

 

Ihr Alter und das Reduziertwerden darauf: Für ihre Bücher ist das immer noch eines der größten Verkaufsargumente, gleichzeitig ist es Hegemanns Hassthema. Sie sagt, sie weigere sich, in Generationskategorien zu denken, und erzählt, wie zum Beweis, dass viele ihrer Freunde älter sind, 30, 40, 50 Jahre alt.

 

Wie wird es weitergehen mit Helene Hegemann? Sie macht inszeniert und hospitiert am Theater, hat ein Libretto verfasst und das Drehbuch für die Verfilmung von „Axolotl Roadkill“ fertig geschrieben, eine Produktionsfirma ist schon gefunden. Es soll ein Musical werden, sagt sie. Vor drei Jahren hatte sie mal in einem Interview gesagt, sie wolle nach der abgebrochenen Schule nun ihr Fern-Abi machen. „Das war eine Lüge, die kannst du aufdecken als vollkommenen Quatsch, das habe ich nie gemacht“, sagt Hegemann. „Es wird aber bald der Punkt kommen, an dem ich kolossal bereue, es nicht gemacht zu haben. Ich kann nicht an die Uni gehen, obwohl ich das gerade gerne würde. Dafür müsste ich jetzt allerdings noch zehn Jahre in die Abendschule.“

 

Sie will sich nicht so viele Gedanken um die Zukunft machen, da ist sie dann doch wieder ganz die unbekümmerte 21-Jährige. „Die Frage ist, wie lange es die Welt überhaupt noch gibt. Da kann man sich ja momentan auch nicht sicher sein. Oder ob man nicht aufgrund irgendeiner Verwechslung von einer Drohne abgeschlachtet wird.“ Sie macht eine kurze Pause. „Ach, man nimmt das alles zu ernst. Es wird rabiate Veränderungen geben. Aber jede Generation“ – nun hat sie den Begriff doch benutzt – „wird doch groß mit einer Weltuntergangsangst.“

 

Eine letzte Frage noch: Jetzt, wo sie seit drei Jahren volljährig ist und offiziell ins Berghain darf, wie oft ist sie da? Sie lacht. „Ich war lange nicht mehr da. Ich war nie eine von denen, die da nach drei Tagen weinend rausgetragen werden mussten. Ich hab’ da gerne Eis gegessen, an der Bar neben dem Darkroom.“