Fesselnde Unterhaltung

Süddeutsche Zeitung, Panorama, 12. Juli 2012

Der Erfolg des Erotikromans „Shades of Grey“ lässt die Kritik kopfschüttelnd zurück. Porno für Hausfrauen, sagen die einen.
Unterwerfungs-Szenario für Karrierefrauen, lästern die anderen. Was vor allem eines zeigt: Weibliche Sexphantasien sind irgendwie anstößig

Die Aufregung ist groß: Da schreibt eine Frau Ende vierzig eine Liebesgeschichte zwischen einem sexuell dominanten, beruflich erfolgreichen Mann und einer naiven jungfräulichen Studentin, die sich auf seine Spielchen einlässt – und landet damit einen Bestseller, der alle bisherigen Rekorde auf dem Buchmarkt bricht. Gerade ist der erste Band der Trilogie „Shades of Grey“ der britischen Autorin E. L. James in Deutschland erschienen (Goldmann Verlag), mit einer Startauflage von 500 000 Exemplaren, es wird bereits nachgedruckt. Das Buch verkauft sich schneller als einst „Harry Potter“.

 

Nun werden viele Diskussionen darüber geführt, warum um alles in der Welt dieser pornografische Roman über Unterwerfungssex so erfolgreich ist. Kübelweise Häme schütten Rezensenten dabei vor allem über seine Leserinnen aus. Erst wurde vermutet, es seien allesamt frustrierte, prüde amerikanische Hausfrauen, die sowieso keinen Sex mehr hätten und sich stattdessen an der schlüpfrigen Geschichte auf dem literarischen Niveau eines Groschenromans erfreuten. Dann, als die Zahl der Leserinnen so weit anstieg, dass sich die Begeisterung für das Buch nicht mehr bloß auf eine soziale Schicht reduzieren ließ: verbitterte Karrierefrauen, die sich heimlich wünschten, endlich mal wieder von einem Mann richtig rangenommen zu werden. Und so fördert der Erfolg dieses Werks vor allem eins zutage: die Tatsache, wie hämisch und abfällig noch immer über Frauen und Sexualität gesprochen wird.

 

Aber was sagt denn nun „Shades of Grey“ über die weibliche Sexualität aus? Das lässt sich leicht beantworten: nix. Außer vielleicht: dass es sie gibt. Das ist für manche Menschen ja auch eine Neuigkeit. Ja, auch Frauen haben Lust auf Porno und schmutzige Phantasien jenseits von Kuscheln bei Kerzenlicht. Medial wird ihnen auf diesem Feld bisher eher wenig geboten. Filme sind häufig so stark aus männlicher Perspektive gemacht, dass Frauen beim Anschauen schnell die Laune vergeht. Aber auch bei speziellen „Frauen-Pornos“, wie sie etwa die schwedische Regisseurin Erika Lust dreht, kann es die Erregung stören, wenn man das Gesicht oder den Hintern des Protagonisten einfach nicht mag. Von der weiblichen Lust wird oft gesagt, sie ließe sich nicht so stark durch visuelle Reize stimulieren wie die männliche. Vielleicht funktioniert deshalb das Kopfkino, das durch das Lesen erotischer Literatur angeworfen wird, besser als das auf dem Bildschirm. Christian Grey, die Hauptfigur in „Shades of Grey“ wird recht vage als „sehr attraktiv“ beschrieben. Da bleibt viel Raum für die Projektionen der Leserinnen, sich den persönlichen Traummann dazu auszumalen.

 

Umso detaillierter, wenn auch in einem beschränkten und schnell erschöpften Vokabular, werden hingegen die Sexszenen beschrieben, in denen sich die Heldin des Buches, die 21-jährige Anastasia Steele, willig den Wünschen des 27-jährigen Millionärs Christian unterordnet. Dass Frauen so etwas gerne lesen, löste unter vielen Rezensenten in Zeiten des Feminismus Verwirrung aus. Das Magazin Stern hat dem Thema „weibliche Unterwerfungsrituale“ eine Titelgeschichte gewidmet, in der sich „selbstbewusste deutsche Frauen zu ihren erotischen Träumen bekennen, die sie lustvoll umsetzen“. Nun hat aber nicht jede Frau, die „Shades of Grey“ liest, auch wirklich den Wunsch, von einem Mann mit der Reitgerte gezüchtigt zu werden. Genau wie nicht jeder Mann, der einen Pornofilm mit Gangbang-Szene ansieht, sich gleich im entsprechenden Internetforum zum Treffen auf dem Autobahnparkplatz verabredet. Phantasien können sehr gut auch ohne das Verlangen nach Realisierung funktionieren.

 

Dass der Sex zwischen Anastasia Steele und Christian Grey, den Protagonisten des Buches, mit Fesselspielen und Stockhieben zelebriert wird, sollte man auf der Suche nach dem Grund für den Erfolg des Romans nicht zu hoch hängen. Wer Krasses und Schockierendes erwartet, wird sowieso enttäuscht. Zumindest im ersten Band beschränken sich die Praktiken auf solche, die man auch mit pink bepuschelten Spaßaccessoires aus dem Nippesladen durchführen könnte. Anastasia hat mehr Spaß an den inszenierten Spielchen als an tatsächlichen Schmerzen, deshalb hält sich der dominante Christian auch brav zurück, obwohl er ihr gerne viel öfter den Hintern mit dem Gürtel versohlen würde. Auch wenn man kein Fan solcher Praktiken ist – die Szenen lesen sich zumindest reizvoller und abwechslungsreicher als dies wohl bei einer Beschreibung einer 600 Seiten langen Blümchensex-Geschichte der Fall wäre, in der Körperteile immer nur vorsichtig liebkost und mit zarten Küssen bedeckt werden. Das will man dann wirklich lieber machen als lesen.

 

Im Kern geht es bei „Fifty Shades of Grey“ aber nicht um hemmungslosen Sex, sondern um die Liebe beziehungsweise die Suche danach. Und deshalb muss man sich über den Erfolg des Buches auch nicht wirklich wundern. Die Studentin Anastasia ist schüchtern und hatte noch nie einen Freund, weil ihr keiner der netten Jungs, die sie in Highschool und College kennengelernt hat, besonders genug erschien. Sie flüchtete sich lieber in die Literatur – englische Klassiker: Jane Austen, Thomas Hardy, die Brontë-Schwestern – und träumt von Helden wie denen aus den Romanen. Bis eben Christian Grey auftaucht, Millionär, mächtig, sagenhaft schön und charmant, alle wollen ihn – und er will ausgerechnet sie. Ein Aschenputtel-Traum. Da das aber auch bisschen langweilig wäre, hat Christian eine „dunkle Seite“. Bis er im Alter von vier Jahren von einer perfekten Familie adoptiert wurde, wuchs er bei einer Crack-Hure auf. Deshalb hat er Angst vor zu viel Liebe und Zuwendung und muss den Dominanten spielen. So weit, so simpel – und so klassisch. Der unnahbare, wilde Typ, der einem eigentlich nicht wirklich gut tut, der aber natürlich so viel interessanter ist als der brave Nachbarsjunge: Das ist der Motor in fast jedem Hollywood-Liebesfilm und in jedem Roman, der in der Buchhandlung im Regal mit der Aufschrift „Freche Frauen“ steht. Natürlich hat der wilde Mann aber einen zutiefst guten Kern, und die in ihn verliebte Frau setzt allen Ehrgeiz darauf, dass gerade sie diejenige sein wird, die den Kern zum Vorschein bringt. Bei Anastasia klingt das so: „... ein Mann mit schweren emotionalen Defiziten, und er zieht mich mit sich, hinein in seine dunklen Abgründe. Kann ich nicht diejenige sein, die ihn ins Licht holt?“ Damit man dieses Vorhaben nicht für vollkommen anmaßend hält, den männlichen Helden auch als Leserin noch anschmachten kann und damit Spannung erzeugt wird, macht Christian folgsam ein paar Schritte auf die richtige Seite, schläft neben ihr ein und hält ihr fürsorglich die Haare aus dem Gesicht, wenn sie kotzen muss.

 

Das ist ein Rezept für Liebesgeschichten, das schon bei Jane Austen und Emily Brontë funktioniert und das auch den heute angesagten Vampirgeschichten wie „Twilight“ und „True Blood“ zugrunde liegt. Neu ist die weibliche Sehnsucht nach dem Mann als Arbeitsauftrag, nach dessen erfolgreicher Bewältigung die Belohnung lockt, also nicht.

 

Nun könnte man diesen Liebesroman also einfach als schlicht gestrickte Unterhaltungsliteratur mit ein bisschen Hauen als provokanten Aufreger stehen lassen und seinen Erfolg so akzeptieren, wie man sich damit abgefunden hat, dass Millionen Menschen offenbar Til-Schweiger-Filme zu mögen scheinen. Stattdessen wird wild nach Etiketten für dieses vermeintlich neue Genre gesucht. Als „Mommy Porn“, Mutti-Porno, bezeichnete die New York Times das Buch, in Deutschland ist von „Hausfrauen-Porno“ die Rede. Bezeichnungen, die nicht nur von einem höchst zweifelhaften Frauenbild sprechen, sondern auch falsch sind. E. L. James, die 49-jährige Autorin von „Shades of Grey“, die eigentlich Erika Leonard heißt, wird oft als „Hausfrau und zweifache Mutter“ bezeichnet, obwohl sie erst mit dem Erfolg des Romans ihren Job als TV-Produzentin kündigte – in der Danksagung am Ende des Buchs erwähnt sie ihre Chefin, die Verständnis für ihre Arbeit am Buch gehabt habe, und lobt ihren Mann für seine Fähigkeiten im Haushalt.

 

Mommy Porn, dieser Begriff funktioniert deshalb so eingängig plakativ, weil er so tut, als sei er ein Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Er impliziert, dass die Frau, sobald sie Mutter ist, kein Recht mehr hat, als sexuelles Wesen wahrgenommen zu werden. Versucht sie es trotzdem, ist das skandalös oder zumindest lächerlich. In der Wahrnehmung der weiblichen Sexualität herrscht also immer noch die Dichotomie „Hure oder Heilige“, alles dazwischen sorgt für Verwirrung und Verunsicherung. Und das ist der eigentliche Skandal in der Erfolgsgeschichte von „Shades of Grey“.