Die grüne Grenze

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 25. Mai 2013

Die Gegensätze zwischen Arm und Reich werden in Berlin immer größer. Unter dem Dach einer Kreuzberger Markthalle sind Kik und Bio vereint.

An der Köpenicker Straße in Berlin, in deren Mitte die Bundesrepublik einst aufhörte und die DDR anfing, stand einmal auf der Brandmauer eines besetzten Hauses der Spruch: „Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.“ Dann wurde ein Neubau neben das Gebäude gesetzt, der die Brandmauer verdeckte. Nun ist ein paar Meter weiter eine Abwandlung des Spruchs zu lesen: „Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir.“

 

Nicht weit entfernt von diesem Graffito, in der Eisenbahnstraße in Kreuzberg, steht eine Halle, in der auch eine Grenze verläuft. Sie lässt sich nicht so einfach kategorisieren – verläuft sie zwischen oben und unten, zwischen Gut und Böse, Alt und Neu, vielleicht sogar zwischen Völkern? Diese Grenze hat jedenfalls die Eigenart, dass sie sich für manche ganz leicht, für andere nur schwer überwinden lässt.

 

In der historischen Markthalle Neun werden seit anderthalb Jahren Bio-Kartoffeln aus solidarischem Anbau, selbst geräucherter Fisch und selbst gezogene Tomatenpflänzchen verkauft – in der einen Hälfte. In der anderen Hälfte stehen die Discounter Aldi und Kik, in denen 300 Gramm Schweinemedaillons für 1,99 Euro und in Bangladesch genähte T-Shirts für 2,99 Euro angeboten werden.

 

Freitagnachmittag. Eine alte Frau mit Kopftuch, sehr großer Nase, sehr tiefen Runzeln und einem Einkaufstrolley stößt eine der Schwingtüren auf, die in die Halle führen, geht in wiegendem Gang vorbei an dem Stand einer Guerilla-Gardening-Gruppe, die einlädt zum „Seedballs rollen gegen Gentechnik“. Auf einem Tisch liegen Saatgut und Erde, aus denen man ein Bällchen formen kann, um es in öffentliche Grünflächen zu werfen, auf dass dort etwas wachse. Die Frau geht weiter, vorbei an einem Mann, der Unterschriften sammelt für ein Volksbegehren, „Neue Energie für Berlin“, ruft er.

 

Dann bleibt sie an einem Stand stehen, das machen die Frauen mit den Kopftüchern und den Einkaufstrolleys, die durch die Halle zu den Discountern laufen, sonst eigentlich nicht. Sie betrachtet ein paar Weidenkörbe, in denen Grünes liegt. „Was kostet ein Kilo?“, fragt sie und deutet auf einen Korb. „100 Gramm kosten einen Euro“, sagt der freundliche junge Mann mit den zerzausten Haaren, der hinter dem Stand steht. Die Frau sagt nichts. Sie geht weiter, zu Aldi.

 

Bei dem Grünzeug, das ihr Interesse geweckt hat, handelt es sich um ausgewachsenen Feldsalat. „Kann man kurz in der Pfanne schwenken, wie Spinat“, sagt der Mann. Das Gemüse an seinem Stand stammt aus der „Wilden Gärtnerei“, einer „solidarischen Versorgergemeinschaft mit engagierten MitgliederInnen und einer organisch wachsenden Struktur“.

 

Bärtige Männer, wie man sie vor einiger Zeit oft auf Werbeplakaten sehen konnte, verkaufen in grob gestrickten Pullovern kleine Kartoffeln, an denen extra viel Erde klebt. Das Angebot der meisten Stände ist streng saisonal und regional. Sucht man Anfang Mai nach Rosmarin und Staudensellerie für eine Nudelsoße, wird man nicht fündig. „Das kommt erst noch“, erklärt ein Händler. Stattdessen gibt es viele braune Knollen und Wurzeln, Steckrüben, Topinambur, Pastinaken, Wurzelpetersilie, Weißkohl.

 

Der Frühling gibt noch nichts Neues her. Doch da die Pastinake in den Altbauwohnungen mit den großen Holztischen und den Arne-Jacobsen-Stühlen seit ein paar Jahren wieder gerne serviert wird, stört sich keiner an der beschränkten Auswahl. Im Gegenteil. „Ich steh’ ja total auf alte Gemüsesorten“, sagt ein dünner Endzwanziger. Er hat einen weißen Beutel umhängen, Aufschrift: „Ich komm aus Muschi, du Kreuzberg“, auf seinem Pullover steht: „I love NY“. Der Beutelmann sagt: „Das sind ganz andere Geschmacksrichtungen, viel intensiver.“ Die Liebe zum Vintage, die sich in Form von Sixties-Designersesseln und alten Turngeräten als Couchtisch durch die Wohnungen trendbewusster Berliner zieht, scheint auch beim Gemüse angekommen zu sein.

 

In den Discountern ist das Redebedürfnis geringer. Einkaufen ist dort kein Erlebnis, sondern eine notwendige Besorgung. Ohne begleitende Kommentare landen abgepackte Wurst, Milch, Konserven in den Einkaufswagen. Wortlos zieht die Verkäuferin ein grün gemustertes Damenkleid und einen blauen Kinderpullover über den Scanner. Bei Aldi sieht man einige der Leute, die vorher schon an den Kartoffel- und Pastinaken-Ständen eingekauft haben. „Wir brauchen noch Toast und Milch. Und Aldi hat doch mittlerweile auch Bio-Sachen“, erklärt ein Mann, der mit seiner Partnerin einkauft. Bei Kik hingegen gibt es keine Überschneidungen. Gesunde Ernährung wird – nicht nur hier – als Lifestyle zelebriert, der mit den Kik-Käufern nichts zu tun hat. Auf die Frage, ob sie denn auch im anderen Teil der Halle einkaufen würde, antwortet eine Frau mit blonder Strähnchenfrisur: „Das ist doch alles Bio. Das ist teuer.“

 

Auch wenn keine Mauer trennt, bleibt jeder auf seiner Seite. Die Grenze ist nur in eine Richtung ein wenig durchlässig – vom selbst angebauten Broccoli zur Aldi-Biomilch. Umgekehrt nicht. Der Unterschied zwischen türkischen Großfamilien und Leinenbeutel-Hipstern, zwischen bewusst ökologisch lebenden Grünen-Wählern und Geiz-ist-geil-zelebrierenden Trainingshosenträgern, zwischen dem alten Kreuzberger Kiez und dem, was er durch steigende Mieten und sanierte Altbauten wird, er ist wahrscheinlich an kaum einem Ort so gut und komprimiert zu beobachten wie in der Markthalle in der Eisenbahnstraße.

 

Hier wird nicht einfach nur unter ordentlichen Bedingungen angebautes Gemüse verkauft, sondern ein Lebensgefühl. Vielleicht ist es nicht mal der etwas teurere Preis, der die Kik- und Aldi-Kunden davon abhält, an den Ständen stehen zu bleiben. Vielleicht merken sie, dass sie gar nicht Teil der Zielgruppe sind, die mit modern gestalteten Grafikkonzepten an die Verkaufstische gelockt werden soll, wo teilweise sowohl die Verkäufer als auch die Käufer englisch sprechen, wenn sie den glutenfreien Veggi-Burger bestellen oder Baola, das „Erfrischungsgetränk mit den wertvollen Extrakten der afrikanischen Baobab-Frucht“.

 

Vielleicht fühlen sich die Kik- und Aldi-Leute fremd beim wöchentlichen Streetfood-Thursday, der über Facebook beworben wird, vielleicht können sie mit den Zetteln an der Pinnwand nichts anfangen, die einen „Kriegerinnen-Kurs – Persönlichkeitstraining für Frauen“ und Yoga-Urlaub in Ungarn anbieten. Vielleicht können sie mit dem Getue, das um so etwas Simples wie Gemüse vom Bauernhof gemacht wird, ganz einfach nichts anfangen. Und bleiben deshalb lieber auf den weißen Plastikstühlen neben dem Aldi-Eingang sitzen, anstatt sich an die Holztische zwischen die Cappuccino-Trinker zu setzen. Die Grenze verläuft zwischen dir und mir.

 

Lange stand die 1891 erbaute Markthalle leer; die Ordnungsnummer Neun im Namen weist noch darauf hin, dass sie einst eine von insgesamt 14 in Berlin war. Im Roman „Herr Lehmann“ von Sven Regener, der im Kreuzberg der Achtzigerjahre spielt, taucht das benachbarte Restaurant „Markthalle“ prominent auf. Anfang der Neunziger war in dem denkmalgeschützten Gebäude nicht mehr viel los, die Discounter waren schon drin und ein Kaffeestand, ansonsten fanden in der muffigen Halle Junkies und Alkoholiker ihre Ecken.

 

Als die Stadt Berlin die Markthalle dann vor einigen Jahren an einen Investor verkaufen wollte, der plante, einen Supermarkt mit Tiefgarage reinzubauen, meldeten sich die Anwohner zu Wort. 500 Leute trafen sich im Januar 2010 zu einem Protest-Kaffeetrinken in der Halle, und die Stadt war davon so beeindruckt, dass man beschloss, nicht mehr an die Höchstbietenden zu verkaufen, sondern an den mit dem besten Konzept.

 

Den Zuschlag bekamen schließlich Nikolaus Driessen, Mitte 30, aus der Nachbarschaft, und seine Geschäftspartner Bernd Maier und Florian Niedermeier, Mitte 40, zwei aus Augsburg stammende Lebensmittelfachleute. 1,1 Millionen Euro zahlten sie für die Halle. Ihr Plan: Es sollte wieder richtiger Marktbetrieb herrschen, mit sauber und fair produzierten Waren. Sie wollen es langsam angehen, also nicht von heute auf morgen alles neu machen, sondern hineinwachsen. Deshalb hat die Halle bisher nur an zwei Tagen pro Woche geöffnet, deshalb ist noch Platz zwischen den Ständen. Und sie haben ein Ziel: Sie wollen den Leuten beibringen, dass Bio Spaß machen und schmecken kann und dass saisonale Ernährung nichts mit Verzicht zu tun haben muss, wie Niedermeier erklärt. Statt von Lifestyle sprechen er, Driessen und Maier von altem Handwerk im Lebensmittelbereich, das es zu bewahren gelte. Man kann sich die drei sympathischen Männer eigentlich besser in einer Dorfmetzgerei vorstellen als neben Ständen mit Räuchertofu.

 

Dass sie eine Wohlstandsklientel bedienen, will Niedermeier so nicht gelten lassen: „Man braucht eher Interesse und Bewusstsein als Geld.“ Die Leute müssten nur wissen, was sie mit dem Angebot kochen können. Driessen ergänzt: „Man braucht die Berührung, die Nähe zum Produkt. Und die kann man hier haben.“

 

Die unsichtbare Grenze, die durch die Halle verläuft, wird es übrigens nicht mehr lange geben. Die Billig-Läden sollen raus, Aldi schon demnächst, Kik etwas später. „Wir werden den Platz irgendwann brauchen“, sagt Driessen. „Das hat nichts mit Hardcore-Gentrifizierung zu tun oder damit, dass man den armen Leuten die Läden wegnimmt. Wenn Aldi hier nicht mehr drin ist, macht der eine Straßenecke weiter wieder auf.“ Dass über den Auszug des Discounters überhaupt diskutiert wird, ärgert ihn. „Interessanterweise beteiligen sich da Leute, die sich angeblich für die Rechte des kleinen Mannes einsetzen, weil man bei Aldi ja so günstig einkaufen kann. Und die sehen nicht, dass auf der anderen Seite der Halle 50 Stände stehen, die alle drei Angestellte ernähren und zuhause auf dem Hof noch mehr. Das sind im Zweifelsfall 500 Arbeitsplätze, während beim Großkonzern immer mehr weggespart wird. Den Zusammenhang muss man halt sehen.“

 

Man kann den Markthallenbetreibern nicht vorwerfen, sie würden nicht versuchen, die Grenze durchlässiger zu machen. Im Sommer wollen sie in der Halle Ramadan feiern.