Der Visionslieferant und die Savanne

Süddeutsche Zeitung, Feuilleton, 10.03.2012

Der Architekt Francis Kéré baut das von Christoph Schlingensief erdachte Operndorf in Burkina Faso – 50 Erstklässler sind schon

vor Ort

Ein warmer Wind weht über den flachen Hügel in der Savanne, wirbelt den gelbroten Lehmboden auf, der während der Trockenzeit in Burkina Faso alles mit einem staubigen Film überzieht. Ein paar rote Häuschen gruppieren sich im Kreis, im Zentrum: eine leere Fläche, schneckenförmig abgesteckt mit weißroten Holzstäben. Hier soll einmal das stehen, was manche für eine Phantasterei, den Irrsinn eines durchgeknallten Künstlers halten: das Opernhaus, das der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief mitten in die westafrikanische Savanne setzen wollte.

 

Doch die Phantasterei ist mittlerweile Realität, zumindest zum Teil. Im Februar 2010 wurde der Grundstein gelegt, seitdem ist viel passiert. An den schmalen Häuschen – 13 sind bisher fertig – hämmern Bauarbeiter herum. Im Schatten neben zwei langen Gebäuden am Rand des Geländes sitzen 50 Erstklässler und machen Mittagspause. Die Schule, die zu Schlingensiefs Operndorf gehört, hat im vergangenen Oktober eröffnet, die Kinder können bereits die ersten Wörter schreiben, und an der Tafel im Klassenzimmer steht: 1+2=3.

 

Francis Kéré, ein hochgewachsener Mann in Jeans, blauem Hemd und großer verspiegelter Sonnenbrille, läuft mit federndem Schritt über das Gelände. Er ist der Architekt von Schlingensiefs Operndorf-Vision. Die er anfangs ebenfalls irrsinnig fand: „Natürlich habe auch ich mir erst mal an den Kopf gefasst. Ich dachte, es sei ein Witz. So eine Idee konnte nur von jemand kommen, der vollkommen saturiert ist oder keine Ahnung von Afrika hat.“ Kéré kommt aus Burkina Faso. Rund um sein Gesicht sind feine Narben in die Haut geritzt, wie Sonnenstrahlen – traditioneller Körperschmuck und ethnisches Zugehörigkeitsmerkmal in Westafrika. 1965 wurde er im Dorf Gando im Südosten Burkina Fasos geboren, wuchs mit zwölf jüngeren Geschwistern als Sohn des Dorfoberhaupts auf. Er war das erste Kind im Ort, das zur Schule geschickt wurde. Mit einem Stipendium kam er vor rund zwanzig Jahren nach Berlin, studierte Architektur. Dort hat er mittlerweile sein Büro und gibt Uni-Seminare, doch immer wieder realisiert er Projekte in seinem Heimatland. In Gando baute er eine Dorfschule und wurde dafür mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Aga-Khan-Preis und dem BSI Swiss Architectural Award, zwei hochrenommierte und -dotierte Auszeichnungen.

 

Das Goethe-Institut hat Kéré und Schlingensief zusammengebracht. Der Architekt sagt, er habe lange gezögert, bis er das Projekt angenommen habe. „Ich hatte das Opernbild im Kopf, das wir in Europa kennen: ein Haus nur für eine bestimmte Schicht und gleichzeitig sehr teuer zu bauen.“ Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Erde, etwa 80 Prozent der Einwohner sind Analphabeten. „Ich dachte erst, das sei ein Spiel, ein Bluff, deshalb war ich skeptisch.“ Kéré hat sich schließlich doch mit Schlingensief getroffen und sich überzeugen lassen. „Christoph konnte gut erklären, dass es sich um etwas anderes handelt als die übliche Oper, dass er es langsam erarbeiten möchte, ,Soziale Plastik‘ und all diese Ideen, die eigentlich das Hauptthema waren.“

Soziale Plastik, diese Theorie von Beuys, dass jeder durch Kreativität Gutes für die Gesellschaft tun könne – auf Kérés Arbeit trifft sie auf fundamentale Art zu. Wenn er über die Baustelle führt und seinen Ansatz erläutert, dann spielt dabei die Frage, wie und ob die Anlage in Zukunft künstlerisch genutzt werden könnte, erst einmal keine Rolle. Der Architekt hat sich auf die sozialen Aspekte konzentriert. Wie bei der Schule in Gando und vielen anderen seiner Projekte auch, etwa in Jemen und Indien, baut er mit geringsten Mitteln – und mit heimischen Ressourcen und so simpel, dass die Menschen am Ort sie leicht nachmachen können, so jedenfalls sein Wunsch. Die Steine für die Häuser lassen sich mit einer manuellen Presse einfach aus Lehm und ein wenig Zement fertigen und werden nicht gebrannt, das Wellblechdach schwebt auf einer Stahlkonstruktion über dem Haus und lässt einen Spalt über den Wänden – es ist Teil eines natürlichen Belüftungssystem, dass laut Kéré dafür sorgen soll, dass es auch im Sommer, wenn hier Temperaturen von weit über 40 Grad herrschen können, kühl in den Häusern bleibt. Und tatsächlich: Wenn der Architekt die Metalllamellen der schmalen Fensterläden aufschiebt, weht ein steter Luftzug durch das kleine Haus.

 

Die Architektur wirkt logisch und passend in dieser Landschaft. „Es soll ja nicht aussehen, wie vom Flugzeug runtergefallen“, meint Kéré. Dass diese Art zu bauen dort trotzdem ein bisschen revolutionär ist, wird sehr deutlich, wenn man die neueren Bauten in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou betrachtet – besonders im neu hochgezogenen Viertel Ouaga 2000, in dem sich Präsident Blaise Compaoré einen neuen Palast bauen ließ und in dem viele Botschaften und Ministerien angesiedelt sind. An den grotesk protzig wirkenden, menschenleeren vierspurigen Straßen dominieren Bauten aus Beton, die innen mit Klimaanlagen heruntergekühlt werden.

 

Dass es auch anders gehen kann, verwundert hier viele noch – offenbar auch die Firma, die in den Häuschen im Operndorf die Elektrik eingebaut hat. Jedenfalls hängen dort jetzt weiße Ventilatoren unter der Decke. Francis Kéré schaut genervt nach oben, er hat sie nicht bestellt: „Die verfälschen komplett die Idee des Gebäudes, die kommen wieder raus.“

 

Trotz der einfachen Bauweise und der Beschränkung auf das unbedingt Nötigste leidet die Ästhetik nicht. Die Häuser bleiben unverputzt – das wäre rausgeschmissenes Geld, meint Kéré, aber die roten Ziegel schmiegen sich harmonisch in die Landschaft, aus deren Lehmboden sie gemacht sind. Trotzdem findet man kleine Details, die nur dafür da sind, dass es besser aussieht: Die Stromkabel etwa verlaufen versteckt, dafür wurden beim Ziegelpressen kleine Kanäle angelegt – kostet schließlich nichts extra. Für diese erste Bauphase wurden bisher rund 500 000 Euro an Spenden ausgegeben.

 

Noch ist das Operndorf nur an Schultagen belebt. Die anderen Häuschen, die bereits fertig sind, in denen einmal Wohnräume, ein Tonstudio, eine Kantine und Theaterwerkstätten sein sollen, werden bisher nur von Besuchern und ab und zu von Sponsoren bevölkert. „Seitdem die Leute sehen können, dass etwas da ist, gibt es weniger Kritik“, sagt Kéré. Doch natürlich fließen seit dem Tod von Christoph Schlingensief weniger Spenden. Der, der so mitreißend erklären und phantasieren konnte, dass er auch den pragmatischen Architekten überzeugte, ist nicht mehr da. „Der Visionslieferant ist nicht mehr da, wir müssen kürzer treten.“

 

Doch Aino Laberenz, die Witwe Schlingensiefs, die sich nun um das Operndorf kümmert, hat Ideen, woher sie Geld für die zweite Bauphase, in der unter anderem eine Krankenstation entstehen soll, auftreiben kann. Sie hat Künstler und Galerien angeschrieben und so 84 Werke von Größen wie Matthew Barney, Georg Baselitz, Olafur Eliasson, Sigmar Polke und Andreas Gursky für eine Auktion überlassen bekommen, die am Donnerstag in Berlin mehr als eine Million Euro einspielte. „Das ist unglaublich, das hätte ich nie im Leben gedacht“, sagte Aino Laberenz nach der Auktion. „Im April baue ich weiter.“

 

Erst in einer dritten Bauphase soll schließlich das schneckenförmige Opernhaus entstehen, das bisher auf dem Gelände nur durch die weißroten Pflöcke in der Erde angedeutet ist – und spätestens dann wird wohl auch wieder Kritik am Sinn des Projekts laut werden. Denn selbst wenn man den Begriff Oper nicht so eng definiert und nicht davon ausgeht, dass hier einmal Wagner und Mozart inszeniert werden, bleibt die Frage, welches Publikum das 600 Plätze fassende Festspielhaus füllen soll. Die Hauptstadt ist 35 Kilometer entfernt, das ist eine Stunde Fahrzeit mit dem Auto. Zwar ist die Straße geteert und ausgebaut, weil in der Nähe Ziniaré liegt, das Heimatdorf von Präsident Compaoré; zwar entstehen ein paar Kilometer entfernt demnächst Institute der Uni Ouagadougou und zwar liegt direkt neben dem Gelände in Laongo ein Skulpturenpark, der auch Besucher anzieht – trotzdem bleibt es weit draußen für viele Burkinabé, die meist Fahrräder oder Mopeds als Fortbewegungsmittel nutzen. Zudem kostet ein Liter Benzin fast einen Euro und ist damit gemessen am Einkommen sehr teuer.

 

„Macht damit, was ihr wollt“, hat Schlingensief über sein Projekt gesagt. Und selbst wenn dort, mitten in der rotstaubigen Savanne, niemals eine Oper auf die Bühne gebracht werden sollte – als gescheitert kann man das Projekt bereits jetzt nicht mehr erklären. Wegen der 50 Erstklässler, die dort ohne Schul- und Essensgeld lernen können und zu denen jedes Jahr neue dazukommen sollen. Und weil es die Ideen zu einfacher, effizienter Architektur von Francis Kéré bekannter gemacht hat.