Hey, Cowboy

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 14. April 2012

Und es geht doch ums Äußere: Warum Frauen auf Vampire stehen

Mit Lestat, Louis und Armand änderte sich alles. Es war 1994 und der Film „Interview mit einem Vampir“ kam in die Kinos und löste große Verwirrung bei pubertierenden Mädchen aus. Denn wer seine Kindheit in den Achtzigern erlebt hat, der kannte bis dahin eigentlich nur einen Blutsauger, und der hieß Rüdiger von Schlotterstein. Rüdiger war ein dicklicher Junge und Hauptfigur in der Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“, er durfte nicht nass werden, wohnte in einer muffigen Gruft und hatte einen halbstarken Bruder namens Lumpi. Rüdiger interessierte sich auch nicht für Mädchen, sondern war befreundet mit dem Drittklässler Anton Bohnsack. Schon allein die Namen vermitteln quasi mit dem Holzhammer: Hier haben Jungmädchenträume nichts zu suchen, hier ist erotikfreie Zone.

 

Die Achtziger waren also eine eher unpopuläre Zeit für Vampire. Aber dann kam plötzlich dieser Film mit Lestat, Louis und Armand – Namen, die man schmachtend hauchen oder seufzen kann. Sie trugen lange, wallende Haare, lange, wallende Hemden und sahen wild und romantisch aus. Aus heutiger Sicht möchte man sich vor Scham hinter einem dunkellila Pannesamt-Vorhang verstecken, aber damals galt das als heiß. Dass Lestat, Louis und Armand von Tom Cruise, Brad Pitt und Antonio Banderas gespielt wurden, besorgte den Rest – der sexy Vampir war wieder auferstanden und der alte Zausel Nosferatu endgültig zu Staub zerfallen und vergessen. Damit war der Grundstein für die „Twilight“-Hysterie der letzten Jahre gelegt.

 

Es ist eine Hysterie, die sich weitestgehend auf Frauen beschränkt, vom Teenie-Alter an aufwärts. Hin und wieder tauchen auch Vampirinnen auf, Kate Beckinsale als Selene in der Filmreihe „Underworld“ zum Beispiel. Doch das ist eher die Ausnahme, sonst erscheinen weibliche Vampire in Siebziger-Jahre-Softpornos oder als Nebenfiguren, zum neuen Sexsymbol der Männer werden die Damen mit den spitzen Eckzähnen noch nicht. Stattdessen aber scheint der männliche Vampir der Prototyp dessen zu sein, was Frauen zum Schmachten bringt.

 

Verwunderlich ist das nicht. Der Vampir ist nämlich die Weiterentwicklung des Cowboys. Der Cowboy, dieser einsame, wilde, freie Held, der mit Knarre am Gürtel durch die Prärie ritt, war lange eine Sehnsuchtsprojektionsfläche. So einen Typen wollte man gerne, nicht den langweiligen Nachbarsjungen oder den Beamten von der Bundesbahn. Einen Mann, der eigentlich überhaupt nicht auf eine Frau angewiesen ist, sondern auch prima allein zurechtkäme, aber wegen der Liebe zu dieser einen, besonderen Frau (im Traum ist man das natürlich selbst) eine Ausnahme macht, sein freies Draufgängerleben aufgibt – anmerken muss man ihm seine Vergangenheit aber bitte immer noch, sonst wäre er ja langweilig – und sesshaft wird. Diese Grundzüge trägt auch der Vampir, aber er passt besser in unsere Zeit. Frauen brauchen keinen Naturburschen mehr, der Kälbchen auf die Welt bringt und Holz hackt, sie wollen einen Typen, der klug und sensibel ist, mit dem man sich auch mal über Literatur unterhalten kann und dessen Kleiderschrank stylischere Teile beinhaltet als speckige Lederhosen.

 

Die aktuell erfolgreichen Vampire sehen auch zum Glück nicht mehr so wallemähnig aus wie in den Neunzigern, sondern eher wie James Dean. Sowohl Edward aus den „Twilight“-Filmen als auch Bill aus der Fernsehserie „True Blood“ hängt oft leicht verwegen eine dunkle Haarsträhne in die Stirn, das Kinn ist markant, die Koteletten sind lang. Sie sind Einzelgänger und coole Außenseiter, wirken in sich versunken und unnahbar: Das mögen Frauen, weil sie da ein bisschen was zu knacken haben und das immer interessanter ist als der Aufreißer-Schönling, der stumpf am Tresen baggert. Außerdem bestätigt so ein Mann einen in dem Gefühl, dass man selbst natürlich auch viel zu speziell und außergewöhnlich ist für diese ganzen durchschnittlichen Deppen, die da draußen sonst noch so rumlaufen. Der Vampir bleibt immer geheimnisvoll, nie kann man ganz bei ihm sein, das ist gut, da bleibt Spannung in der Beziehung. Und er hat den Körper eines jungen Mannes und wird ihn für immer behalten, keine Wampe, kein Haarausfall werden jemals seine Attraktivität trüben. Weil sein Geist aber ja schon mehrere hundert Jahre alt ist und viel erlebt hat, ist er gelassen und erfahren und weiß, was er will. Diese Kombination findet man in der Realität leider äußerst selten.

 

Aber es ist nicht nur das Aussehen und die geheimnisvolle Art, die Vampire derart attraktiv erscheinen lässt. Wegen eines hübschen Männergesichts entsteht noch keine kollektive Hysterie. Es ist der Sex, der pure, animalische, entfesselte, dreckige, sündige, übernatürlich gute Sex. In der Serie „True Blood“ wird er von der ersten Folge an thematisiert, ständig erzählt irgendjemand – Männer wie Frauen – vom besten Sex ihres Lebens mit einem Vampir. Vampirblut als Droge wirkt besser als jedes Viagra. Und über all dem schwebt die permanente Gefahr, gebissen zu werden, die den ultimativen Kick liefert. Der Biss lässt sich leicht als Entjungferungsakt deuten – und tatsächlich hatten die jungen Frauen, die sich in den Geschichten in die Vampir-Helden verlieben, meist noch keinen Sex. Das wirkt teilweise etwas albern, besonders wenn darüber ultrachristliche „Wahre Liebe wartet“-Enthaltsamkeit gepredigt wird wie in „Twilight“. Als erwachsene Frau steht man in den wenigsten Fällen auf Entjungferungsphantasien, aber den Biss kann man auch als Initiationsritus sehen, dem ein freieres, enthemmteres und damit besseres Sexleben folgt. Hallo, Softporno: In „True Blood“ schnellen die spitzen Eckzähne bei Vampiren hervor wie eine Erektion, nur mühsam kann der Mann sich noch beherrschen und kontrollieren ob des Reizes, den der weiße, makellose Frauenhals auf ihn ausübt. So viel Wirkung auf einen attraktiven Mann würde man sich im echten Leben auch mal wünschen.

 

Guten Gewissens könnte man also nun den Einzug des Vampirs in die Populärkultur feiern, endlich steht einmal ein Mann als Sexobjekt im Zentrum, das man als Frau uneingeschränkt angeifern darf. Doch leider geht das immer noch nicht so einfach – denn die Frauenfiguren, die sich in den Serien und Filmen in die Vampire verknallen, sind immer noch problematisch. Denn außer Buffy, der Vampirjägerin, die um die Jahrtausendwende aktiv war, sind die Frauen nie ganz auf Augenhöhe mit den Männern. Sie sind sexuell und auch sonst ziemlich unerfahren, ein bisschen naiv und vom Lande. Der Vampir kann dadurch ganz den traditionellen Beschützer spielen, der den jungen Dingern mit teils altherrenhafter Attitüde die große böse Welt erklärt. Und so sieht dann in „True Blood“ auch die erste Sexszene zwischen Protagonistin und Vampir aus. Sie hat ein langes unschuldsweißes Kleid an, er trägt sie über die Schwelle und dann gibt’s Gekuschel mit Kamin und Kerzen. Zumindest beißt er schließlich doch noch zu. Sonst bräuchte man auch keinen Vampir, dafür reichte dann doch der Nachbarsjunge.

 

Vielleicht erklärt das auch den Hype um Vampire als Sexsymbole – ist man dem Teenie-Alter entwachsen, taugen die Frauen in den Geschichten so wenig als Identifikationsfigur, dass man sich ganz auf die Männer konzentrieren kann.