Mord auf dem Reiterhof

NEON, 12/2014

Eine junge Frau wird erdrosselt. Haben ihr Freund und seine Mutter aus Habgier ihren Tod geplant?

Christin, 21 Jahre alt, stellte sich ihre Zukunft so vor: mit ihrem Freund zusammenleben, Kinder kriegen, einen Reiterhof kaufen, Pferde haben, ein gutes Leben führen.

 

Robin, 23 Jahre alt, stellte sich seine Zukunft wohl so vor: seine Freundin ermorden lassen, Geld kriegen, einen Reiterhof kaufen, Pferde haben, ein gutes Leben führen.

 

 

Keiner der beiden Pläne ist aufgegangen. Christin starb am 21. Juni 2012. Robin wird wahrscheinlich lange Zeit seines zukünftigen Lebens im Gefängnis verbringen. Christin war Robins Freundin. Ihr Tod ist das Resultat eines über Monate geplanten Mordkomplotts, mutmaßlich ausgedacht von ihrem Freund und dessen Mutter.

 

 

In dieser Geschichte müssen in vielen Sätzen die Wörter »mutmaßlich«, »wahrscheinlich« und »offenbar« stehen. Denn der Gerichtsprozess, in dem entschieden werden soll, wer welchen Teil der Schuld trägt an Christins Tod, läuft noch. Seit anderthalb Jahren verhandelt das Berliner Landgericht, nach derzeitigem Stand soll das Urteil am 8. Dezember verkündet werden. Die Anklage lautet: heimtückischer Mord aus Habgier. Vor der Urteilsverkündung kann man nicht sicher sagen, ob die Angeklagten auch wirklich die Täter sind. Die Schilderung der Ereignisse in diesem Text stützt sich auf Ermittlungen der Polizei, auf Zeugenaussagen und die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft erhoben hat. Ob sie glaubhaft ist, müssen die Richter und Schöffen der Schwurgerichtskammer bewerten.

 

 

Die Geschichte klingt, als hätte sie sich ein untalentierter Krimiautor ausgedacht. Sie spielt in einem idyllischen Umfeld: in einem Dorf am Rand von Berlin, in einer Welt, in der sich junge Frauen auf Reiterhöfen hingebungsvoll um ihre Pferde kümmern und junge Männer für ihre Karriere als Springreiter trainieren. Das ist das Setting. Die Handlung steht im Kontrast zu dieser Idylle: Mutter und Sohn träumen vom eigenen Reiterhof, doch statt Kapital haben sie nur Schulden. Also beschließen sie nimmt die Staatsanwaltschaft an , Lebensversicherungen für die Freundin des Sohnes abzuschließen, sie anschließend zu töten und mit der Versicherungssumme einen Hof zu kaufen. Zwei Mordversuche, einer mit einem Messer, einer mit Gift, scheitern. Schließlich sollen sie einen Auftragsmörder engagiert haben, der das Mädchen für ein Honorar von 500 Euro erdrosseln sollte.

 

 

Begonnen hat die Geschichte von Robin und Christin wie eine ganz normale Liebesgeschichte. Sie lernten sich im Frühjahr 2011 auf einem Reiterhof im Havelland kennen, knapp 50 Kilometer nördlich von Berlin. Christin machte dort eine Ausbildung zur Pferdewirtin, Robin bewirtschaftete den Hof zusammen mit seiner Mutter Cornelia.

 

Aufgewachsen war Christin in Lübars, einem Dorf mit weniger als 5000 Einwohnern, das gerade noch zu Berlin gehört, in dem die Großstadt aber weit weg zu sein scheint. Buckeliges Kopfsteinpflaster, alte Laubbäume und Pferdeäpfel auf den Straßen. In Lübars sind viele Reiterhöfe, dort heißen Lokale zum Beispiel »Alter Dorfkrug« und Pensionen »Zum Lübarser Hufeisen«. Auf Fotos wirkt die blonde Christin fröhlich und selbstbewusst. Sie wohnte in einem Haus am Ortsrand, zusammen mit ihren beiden älteren Brüdern, ihrer Mutter Anke, die in einem Lebensmittelladen arbeitet, und ihrem Vater Ralf, von Beruf Kraftfahrer.

 

Robin wurde in Schleswig­Holstein geboren, nach der Realschule absolvierte er eine Ausbildung zum Pferdewirt in Nordrhein-Westfalen. Als er siebzehn war, starb sein Vater, ein Berufssoldat, beim Joggen. Robin beendete die Ausbildung und verpflichtete sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Nach wenigen Wochen beim Bund hatte er einen Autounfall, litt anschließend unter Albträumen, Angstzuständen und Konzentrationsschwäche. Robin wurde aus gesundheitlichen Gründen entlassen. So kam er zurück zu den Pferden. Er zog mit seiner Mutter, einer Bankberaterin, auf einen Reiterhof, an den Wochenenden trat er häufig bei Springreitturnieren an.

 

 

Christin, das Pferdemädchen, und Robin, der Springreiter. Seit Ostern 2011 waren sie zusammen. »Ein tolles Pärchen«, so Christins Vater Ralf in seiner Zeugenaussage. Das dachten die Eltern jedenfalls. »Robin war ein sympathischer junger Mann. Er hat den Anschein erweckt, dass er für meine Tochter alles tut.« Mutter Anke sagt: »Ein zurückhaltender, netter, lieber Kerl. Ich kann nichts Schlechtes sagen. Es bestand absolut kein Argwohn.«

 

»Kein Argwohn« diese Formulierung ist in der Gerichtsverhandlung oft zu hören. Die Fassungslosigkeit über das, was passiert ist, ist Christins Eltern in ihren Aussagen anzumerken. Sie verfolgen jeden Prozesstag, sitzen mit ihren Anwälten als Nebenkläger vor dem Richterpult. Die Mutter in Jeans und Turnschuhen, ungeschminkt, mit praktischer Kurzhaarfrisur, sie wirkt, als könnte man mit ihr gut Probleme bequatschen. Der Vater trägt Schnauzbart, er hat eine große Traurigkeit im Blick. Die Eltern halten sich oft an den Händen. Wenn es um Details von Christins Tod geht, sitzt der Vater so versteinert da, als könnte nur die völlige Bewegungslosigkeit verhindern, dass er die Fassung verliert und in sich zusammenfällt.

 

Hinter ihnen, in einer Glaskabine, sitzt der mutmaßliche Mörder ihrer Tochter. Er ist mittlerweile 26, wirkt älter. Der Haaransatz geht zurück, unter seinen Augen liegen tiefe Schatten, meist trägt er Hemd und Pullover. Während der Verhandlung blättert er viel in einem Aktenordner, flüstert mit seinen Anwälten.

 

 

»Ein Familienmitglied« sei Robin gewesen, sagt Vater Ralf. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass Christins große Liebe offenbar monatelang plante, die junge Frau zu töten. Christin war sogar schwanger von Robin, im November 2011, hatte aber in einem frühen Stadium eine Fehlgeburt. Den Mordplan, glaubt die Staatsanwaltschaft, hatten ihr Freund und dessen Mutter da bereits gefasst.

 

 

Vermutlich begann alles mit dem geplatzten Kauf des Hofs im Havelland. Robin und seine Mutter Cornelia hatten offenbar fest damit gerechnet, von der Bank den nötigen Kredit über 650 000 Euro zu bekommen. Doch die Finanzierung platzte, Cornelia hatte 245 000 Euro Schulden. Sie pachteten stattdessen einen anderen Hof in Brandenburg. Christin ging mit: Sie zog mit Robin dort ein und arbeitete als angestellte Pferdewirtin bei ihm. Ihre Eltern halfen bei der Renovierung der Wohnung, das Paar schaffte sich zwei Doggen an, Cora und Laika. Weihnachten feierten sie mit Christins Eltern, »eines der schönsten Weihnachten, die wir hatten«, sagt Mutter Anke. »Eigentlich war alles ganz harmonisch. Meine Tochter war eigentlich glücklich.«

 

So wird in Christins Familie auch niemand misstrauisch, als die junge Frau auf Wunsch ihres Freundes mehrere Lebensversicherungen abschließt, mit Robin als Begünstigtem. Eine gegenseitige Absicherung soll das sein, schließlich wollen sie ihr weiteres Leben miteinander verbringen.

 

 

Zu Bruch geht die Harmonie am 9. April 2012, Ostermontag. Christin und Robin sind abends mit Christins Eltern in einem Steakhaus zum Essen verabredet. Doch die beiden erscheinen nicht. Stattdessen klingelt das Handy von Mutter Anke, Robin ist dran: »Hier ist irgendwas eskaliert.«

 

Christin saß am Nachmittag allein mit Robins Mutter Cornelia in der Küche, ihr Freund war tanken gefahren. Plötzlich sticht Cornelia mit einem Küchenmesser von hinten auf Christin ein, trifft sie zwischen Wirbelsäule und Niere, fünf Zentimeter tief dringt die Klinge ein. Christin kann Cornelia überwältigen und ihr das Messer aus der Hand schlagen, zieht sich dabei eine Schnittwunde an der Hand zu. Cornelia stammelt: »Wo bin ich? Was hab ich gemacht?« Als Robin nach Hause kommt, fährt er die beiden sofort ins Krankenhaus. Christin hat keine lebensbedrohlichen Verletzungen. Cornelia gibt an, einen Blackout gehabt zu haben und sich an nichts zu erinnern.

 

Nach dem Angriff zieht Christin wieder zu ihren Eltern zurück. Sie bricht den Kontakt zu Cornelia ab, mit Robin bleibt sie zusammen, trifft ihn aber nur, wenn jemand in der Nähe ist. Er verspricht, eine neue Wohnung für sie beide zu finden. »Wir haben viel über den Vorfall gesprochen«, sagt Christins Mutter Anke. »Wir haben keinen Grund gefunden, nirgendwo.« Und wieder: kein Argwohn.

 

 

Dass Robin in viele Lügen verstrickt ist, merkt Christin nicht. Die meisten davon kommen erst nach ihrem Tod durch die Ermittlungen der Polizei ans Licht. Die Geschichte etwa, dass er für die Bundeswehr­Spezialeinheit KSK in Afghanistan gewesen sei. Und die, dass er schon einmal verheiratet gewesen sei, mit einer älteren Frau namens Sabrina. Die sei unheilbar an Krebs erkrankt, aber dann bei einem Autounfall gestorben.

 

Doch dann sitzt Sabrina, eine selbstsicher wirkende Frau Mitte 40 mit blondem Kurzhaarschnitt, als Zeugin im Gerichtssaal. Sie hatte weder Krebs noch einen Unfall noch war sie mit Robin verheiratet. Stattdessen hatten die beiden eine Affäre. Kennengelernt hatten sie sich bei Reitturnieren. Nach seiner Verhaftung hat sie sich um seine Pferde gekümmert, sie besorgte ihm auch einen Anwalt, brachte ihm Klamotten ins Gefängnis. »Robin neigt manchmal dazu, in einer Fantasiewelt zu leben«, sagt sie vor Gericht. »Er kann Märchen so erzählen, dass man sie glauben kann.«

 

 

Nach dem Messerangriff sollen Robin und seine Mutter den Plan gefasst haben, Christin zu vergiften. Die Auswertung ihrer Computer ergab, dass auf Cornelias Rechner die Begriffe »Digitalis«, »Ricin« und »Zyankali« gegoogelt wurden, auf Robins »Mittel für Herzstillstand«. Am 9. Mai kauft Robin in der Apotheke ein Kilogramm Kaliumchlorid, einen Stoff, der zum Herzstillstand führen kann. Cornelia und Robin schließen weitere Lebensversicherungen für Christin ab, wohl ohne deren Wissen. Acht Stück sind es schließlich, mit einer Gesamtsumme von 2,45 Millionen Euro.

 

 

Robin hatte noch eine weitere heimliche Affäre: die 29­jährige Tanja, ebenfalls Reiterin, die er auf einem Hof in seiner alten Heimat in Nordrhein­Westfalen kennengelernt hatte. Tanja ist eine schüchtern wirkende, schmale Frau, die aus zerrütteten Familienverhältnissen kommt. Der Vater missbrauchte sie, die Mutter trank und schlug sie und ihre Geschwister. Mit zwölf Jahren kam Tanja ins Heim.

 

Tanja glaubte an die große Liebe. Sie sei mit Robin zusammen gewesen, sagt sie. Dass Christin Robins Freundin war, will sie erst von der Polizei erfahren haben. Robin habe Christin ihr gegenüber nur als »Blondie« bezeichnet. Sie sei eine ehemalige Angestellte, die ihn nerve. Tanja sagt, Robin habe ihr aufgetragen, sich mit Christin zu treffen und sie zu vergiften. Sie habe eingewilligt. Warum, kann sie nicht recht erklären. »Ich habe ihn geliebt. Ich wollte nicht, dass er sauer ist«, wiederholt sie immer wieder. Robin habe ihr gesagt, er sei ein Auftragskiller und habe schon einmal einen Menschen getötet, ein Hells­Angels­Mitglied. Sie habe Angst gehabt. Das psychologische Gutachten, das für den Prozess erstellt wurde, bescheinigt ihr eine ausgeprägte Selbstwertproblematik und eine abhängige Persönlichkeit.

 

 

Tanja verabredet sich mit Christin unter dem Vorwand, ein Pferd kaufen zu wollen. Sie fährt Anfang Juni nach Berlin, hat Sekt und ein Fläschchen mit gelöstem Kaliumchlorid dabei. Die beiden Frauen treffen sich auf einem McDonald’s­Parkplatz, sprechen über das Pferd, stoßen mit Sekt an. In Christins Becher hat Tanja das Kaliumchlorid getropft.

 

Doch es passiert: nichts. Der Stoff wirkt nur intravenös tödlich. Über den Magen aufgenommen hat er keine schädliche Wirkung, er ist als Lebensmittelzusatz zugelassen.

 

Nach diesem Treffen soll Robin Tanja gefragt haben, ob ihr jüngerer Bruder Sven, der mal im Gefängnis saß, einen Auftragsmörder kenne. 500 Euro würde er für die Vermittlung zahlen, 500 Euro für die Tat. Sven fragt seinen Mitbewohner Steven, einen 24­Jährigen mit einem runden Kindergesicht, der in Dortmund als Pizzabote arbeitete und bis dahin nur wegen kleinerer Straftaten aufgefallen war. Steven sagt zu.

 

 

Am 20. Juni fährt Tanja Steven nach Berlin-Lübars. Im Gepäck haben sie Handschuhe, eine Sturmhaube und ein blau­gelbes Seil. Sie schauen sich Christins Foto bei Facebook an. Laut Tanja sagt Steven: »Kein Problem für mich, die sieht aus wie meine Exfreundin.« Robin soll eine SMS geschickt haben: Beim dritten Mal dürfe es keinen Fehlschlag geben.

 

Gegen 0.40 Uhr ruft Robin Christin an, sagt ihr, sie solle auf den Freibadparkplatz kommen. Tanja sei in Lübars und wolle sich wegen der Beratung beim Pferdekauf bedanken. Christin ist zu Hause, ihre Mutter äußert Bedenken. Christin sagt: »Ich bin ja nicht mit Robin alleine. Die Tanja ist ja dabei, da passiert schon nichts. Dann hält sie die von der Messerattacke verletzte Hand hoch: »Tschakka tschakka, Mama, ich schaff die schon alle. Du brauchst keine Angst zu haben.«

 

 

Was auf dem Parkplatz abgelaufen ist, rekonstruiert die Staatsanwaltschaft so: Während Robin und Tanja sich mit Christin unterhalten, springt Steven aus einem Gebüsch, legt Christin das Seil um den Hals. Sie schafft es noch, zum Handy zu greifen, will den Notruf wählen, tippt aber »101« ein. Steven reißt sie zu Boden und erdrosselt sie. Die Gerichtsmedizin diagnostiziert als Todesursache eine Kompression der Halsweichteile. Christins Leiche wird um sechs Uhr morgens von einer Spaziergängerin beim Gassigehen gefunden.

 

Am nächsten Tag wird Robin verhaftet, die Polizei vermutet zunächst eine Beziehungstat aus Eifersucht. Die Auswertung der Telefondaten führt zu Tanja, die am 27. Juni festgenommen wird und ein umfassendes Geständnis ablegt. Sven und Steven werden am Folgetag verhaftet, Cornelia am 10. Juli. Vorher hatte sie versucht, das Geld aus den Lebensversicherungen zu bekommen.

 

 

In der Nacht vor der Tat hat Robin bei Christin geschlafen. Er hat ihrem Vater nachträglich zum Geburtstag gratuliert und gesagt: »Wir sehen uns Sonnabend zum Grillen.« Christins Mutter sagt: »Obwohl er wusste, dass meine Tochter am nächsten Tag sterben sollte.«

 

Was ihm dabei durch den Kopf ging, wird Christins Familie wahrscheinlich nie erfahren. Robin und seine Mutter verweigern die Aussage, sie verlasen lediglich Stellungnahmen, in denen sie abstreiten, irgendetwas mit dem Mord zu tun zu haben.