Fürchten lernen

NEON, 12/2015

Geister? Gibt’s nicht, dachte unsere Autorin. Bis sie gemeinsam mit einer Parapsychologin eine Nacht im nordenglischen Chillingham Castle verbrachte.

Gleich nach der Ankunft möchte ich wieder abreisen. Ich fühle mich hier nicht wohl. Warum, kann ich nicht erklären, da ist dieses diffuse Unbehagen. Die Sonne scheint. Aber die Burg wirkt grau, düster, feindselig, als würde sie sagen: Hau ab! Die Luft riecht nach Kaminrauch und feuchter Kälte, auf einem der Türme dreht sich als Wetterfahne eine goldene Fledermaus, die aussieht wie das Batman-Symbol.

Chillingham Castle im Nordosten Englands wurde vor über 700 Jahren errichtet und zählt zu den »most haunted places in Britain«. Hier hören Besucher nachts Heulen und sehen geheimnisvolle Gestalten. Ich will herausfinden, ob an den Spukgeschichten was dran ist und warum Menschen sich an Orten wie diesem fürchten. Deshalb begleitet mich die Psychologin Franziska Wald, 29, stellvertretende Leiterin der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. Sie hilft Menschen, die Dinge erleben, die sie sich nicht erklären können: die Stimmen hören und von düsteren Vorahnungen geplagt werden; bei denen Schränke umfallen und Schatten durchs Zimmer schleichen.

In Deutschland glaubt jeder Sechste, dass es Geister gibt, in Großbritannien sogar jeder Dritte. Ich zähle nicht zu der Gruppe. Franziska soll mir erklären, was mit diesen ganzen irrationalen Leuten los ist, die denken, in Burgen würden die Seelen Verstorbener rumhängen und Touristen erschrecken. Und jetzt bin ich selbst ein Fall für die Sprechstunde: Je länger ich die Burg betrachte, desto sicherer bin ich, dass mich das Gebäude böse anguckt.

Wir haben das Grey Apartment im Nordwestturm gemietet, in dem es auch spuken soll besonders im Wohnzimmer. Auf dem Esstisch, zwischen düsteren Ölgemälden und einem offenen Kamin, liegt ein Gästebuch. Wahllos schlage ich eine Seite auf: »My wife is laid in bed. She will not turn off the light. So scared. The Grey room is NOT right. If you stay here, you be afraid.« Na toll. Auch wenn ich nicht an Geister glaube, bin ich doch ein ängstlicher Mensch. Horrorfilme halte ich nicht aus, selbst nach »Harry Potter« hatte ich Albträume. Ich würde auch niemals nachts alleine auf den Dachboden gehen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht kann ich auf Chillingham Castle auch meine Ängste verstehen.

Historische Tatsachen und Schauermärchen sind auf Chillingham Castle längst nicht mehr zu trennen. Während der Kriege zwischen England und Schottland im 13. Jahrhundert sollen hier Hunderte Männer, Frauen und Kinder zu Tode gefoltert worden sein. Die Burgmauern wurden angeblich mit Leichen behängt, um Eindringlinge abzuschrecken. Sollte es tatsächlich so etwas geben wie »unerlöste Seelen«, dann dürfte hier nachts ordentlich was los sein.

Franziska und ich erkunden die Burg, solange es noch hell ist. Sir Humphry Wakefield, 79, hat das Gemäuer in den 80er Jahren gekauft und vor dem Verfall gerettet. Wakefield ist Antiquitätenhändler, die Räume sind vollgestopft mit mittelalterlichen Waffen und Skurrilitäten: eine indische Elefantenrüstung, eine Badewanne, in der angeblich mal Mick Jagger lag, Hitlers »Mein Kampf« auf Englisch. Überall liegen Jagdtrophäen herum, Rinderschädel, Tigerköpfe, Krokodile. Franziska sagt: »Es wäre ein Wunder, wenn Leute hier keinen Spuk erleben würden. Das Gebäude ist perfekt.« Hier kommen viele Faktoren zusammen, die wir unheimlich finden, weil sie potenziell gefährlich sind: dunkle, verwinkelte Gänge, die brutale Vergangenheit, fremdartige Gegenstände, Kälte, der Geruch nach Moder und Feuer.

Versuche zeigen, dass Personen, denen gesagt wird, dass es an einem Ort spukt, häufiger seltsame Dinge spüren als diejenigen, die nichts davon wissen: Suggestion nennt man diese Beeinflussung unserer Wahrnehmung. Angst führt zu extremer Wachsamkeit. Man registriert auch Signale, die man sonst ignorieren würde: knarrende Dielen, flatternde Vorhänge. Das wiederum steigert Angst und Wachsamkeit der Prozess verstärkt sich von selbst. Die Nacht legt sich über Chillingham Castle und mit ihr wächst meine Beklemmung. Franziska hatte sich anfangs noch gefreut, Phänomene, von denen sie in ihrem Arbeitsalltag oft hört, selbst zu erleben. Nun wird auch sie kleinlauter: »Gruselig. Warum machen Menschen hier freiwillig Urlaub?« Das Gebäude ist mit Ausnahme unseres Apartments stockdunkel und totenstill. Außenbeleuchtung gibt es nicht, Nachbarn oder Straßenverkehr auch nicht, die Burg liegt hinter hohen Mauern in einem 600 Hektar großen Park. Ich fange an, leicht zu zittern ist das die Kälte, die aus den Mauern in die Knochen kriecht? Ich stelle mich neben den Heizkörper, das Zittern bleibt.

In einem der beiden Schlafzimmer des Apartments steht ein altes Himmelbett. Eigentlich wollte ich dort allein schlafen für das maximale Gruselgefühl. Als ich das Zimmer betrete, wird das Zittern plötzlich stärker. Ich kann hier nicht schlafen, weiß ich. Meine Überzeugung, dass es keine Geister gibt, verleiht mir weniger Halt als gedacht. Lasse ich mich von dem Gemäuer und den Geschichten einschüchtern? Oder fürchte ich mich eher davor, die Nerven zu verlieren? Franziska will auch nicht allein schlafen, wir beziehen also das Zweierzimmer. Dass selbst die Spukexpertin Schiss hat, beunruhigt mich noch mehr. Ich hatte gehofft, sie könnte mir therapeutisch zureden, falls ich mit Panikattacken im Bett liege. Und jetzt? Im Nachbarort gibt es eine Pension; ob die noch ein Zimmer frei haben? Ich würde das gern googeln, aber in der Burg gibt es weder Handy netz noch WLAN.

Es klopft an der Tür, wir schrecken zusammen. Da stehen eine blasse, schmale blonde Frau und ein kahlköpfiger Mann in langem Ledermantel, dem ein Finger fehlt: Jill und Graham Burney vom »Chillingham Castle Uncovered Paranormal Team«. Graham ist so was wie der Geisterbeauftragte, er organisiert Führungen mit Touristen und hält Nachtwache mit Geisterjägern. Der 50-Jährige ist ein knuffiger, fröhlicher Typ mit einem breiten Kreuz, in seiner Gegenwart legt sich meine Angespanntheit. Er erzählt, dass Gäste, die in unserem Apartment übernachteten, das Gefühl hatten, dass nachts jemand auf ihrem Bett saß. » Hypnagoge Halluzinationen«, murmelt Franziska. Das Gehirn produziert in der Einschlafphase solche Sinneswahrnehmungen, erklärt sie mir, als Graham gerade nicht hinhört. Wir wollen ihn nicht mit Zweifeln verärgern. Denn Jill und Graham sind »believer«, sie sind sich sicher, dass es Geister gibt. Im unheimlichen Himmelbettzimmer öffnet Graham eine Tür, hinter der ich eine Abstellkammer vermutet hatte. Dahinter befinden sich allerlei Gerümpel und eine Geschichte: Hier wurde das Skelett eines Jungen gefunden, der wohl lebend eingemauert wurde, seine Fingerknochen sollen vom Versuch, sich zu befreien, abgewetzt gewesen sein. Ich zittere weiter. Kalt ist mir nicht. Panik?

Der zweite Geist, der in unserem Apartment spuken soll, heißt Lady Mary. Sie ist auf einem verblassenden Gemälde abgebildet und soll nachts auf der Suche nach ihrem untreuen Ehemann herumwandern; Gäste hören laut Graham oft ihre Schritte und sehen Schatten. »Gestaltwahrnehmung«, analysiert Franziska. »Ganz typisch. Unser Gehirn vervollständigt unbekannte Formen oder Geräusche zu etwas Vertrautem. Deshalb entdecken wir Tiere und Gesichter, wenn wir die Wolken betrachten.«

Franziskas Erklärungen beruhigen mich. Viele Geisterwahrnehmungen haben physikalische Gründe. Dass Leute von einem kalten Hauch berichten, liegt bei alten Gemäuern oft schlicht an Zugluft. Hinter einem plötzlichen Beklemmungsgefühl kann Infraschall stecken Schallwellen sehr niedriger Frequenz, die man nicht hört, aber körperlich wahrnimmt.

Die anderen gehen die enge Wendeltreppe hinunter in den Hof, wo gleich die Geistertour starten soll. Ich bleibe kurz allein im Apartment, um ein Foto von Lady Marys Gemälde zu machen. Als ich meine iPhone-Kamera darauf richte, erscheinen lila Streifen auf dem Display. Das ist noch nie passiert. Könnte natürlich ein banaler technischer Fehler sein, aber warum tritt er ausgerechnet hier und jetzt auf?

Im Hof steht eine Gruppe von etwa fünfzehn Leuten mit Taschenlampen. Graham gibt Warnhinweise: Bei plötzlichen Kopfschmerzen helfe es, den Raum zu verlassen. Er warnt vor starken Hitzewallungen das sei die Geisteraura, die regelmäßig dafür sorge, dass Menschen ohnmächtig werden. Dann sagt er fröhlich: »Entspannt euch und lasst eure Fantasie nicht mit euch durchgehen. Fragt euch: Ist das nur meine Angst oder wirklich ein paranormales Phänomen?«

Die Tour führt in die Wälder neben der Burg und dann durch Säle, den Kerker, die Folterkammer mit ihren absurd grausamen Instrumenten. Immer wieder schalten wir die Taschenlampen aus, horchen ins Dunkle nach Schreien, Schritten, Stöhnen. Ich höre nichts, meine Angst ist fast weg. Die Gruppe belebt die toten Räume, es fühlt sich eher an wie eine lustige Nachtwanderung. Menschen gruseln sich gerne, sagt Franziska, das sorge für einen Adrenalinkick und ein Gruppenerlebnis. Einige Teilnehmer behaupten, ein Stöhnen zu hören, für mich klingt es nach einem knurrenden Magen. Ein paar Leute schauen ängstlich, eine Frau geht raus und übergibt sich. Ich denke: Suggestion, ick hör dir trapsen, und fühle mich ein bisschen klüger als die anderen. Franziska meint, die Tour sei gut gemacht. »Natürlich spürt man nach solchen Gruselgeschichten etwas, wenn man in Stille und Dunkelheit da rauf wartet. Dagegen kann man sich gar nicht wehren.« Der Spukschlossmythos ist auch ein schlaues Marketingmodell. Zwanzig Pfund pro Person kostet die Führung.

Als die Tour zu Ende und die Gruppe abgereist ist und als es wieder still und einsam auf Chillingham Castle wird, kriecht meine zitternde Angst zurück und verdrängt den Spaß der letzten zwei Stunden. Graham und Jill geben uns noch eine private Führung. Großspurig hatte ich vor der Reise angekündigt, die Nacht im Kerker zu verbringen, aber die Vorstellung bringt mich nun an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Ich will hier nicht alleine sein nicht weil ich ernsthaft glaube, von einem Geist angegriffen zu werden. Ich habe eher Angst, dass ich durchdrehe. Offenbar habe ich diesen Ort und das, was er in mir auslöst, unterschätzt. Auch rationale Erklärungen kommen gegen den Mythos Chillingham nicht an, der so viele Urängste anspricht.

Wir setzen uns in die Grand Hall, wo sich angeblich der schlimmste aller Chillingham-Geister aufhält: John Sage, der Folterer. Wir verteilen uns im Saal, Graham ruft den Geist, sagt, er solle sich bemerkbar machen. Ein paar Minuten sitzen wir lauschend im Finsteren, dann kracht direkt vor Franziska etwas mit lautem Knall auf die lange, mit Kupferbechern und Tellern gedeckte Tafel. Wir schreien und ich schalte sofort meine Taschenlampe ein. Vor Franziska liegt ein Becher, der da vorher nicht war. Wir sind fassungslos, Graham freut sich, dass wir endlich »activity« erlebt haben.

Wir rücken an der Tafel zusammen und halten uns an den Händen. Graham erzählt, John-Sage habe schon öfter den Tisch schweben lassen. Tatsächlich: Es dauert nicht lang, bis sich das schwere Möbel über unseren Knien ein paar Zentimeter in die Luft hebt und dann krachend nach unten fällt. In meinem Kopf wiederhole ich die rationale Erklärung wie ein Mantra: Graham hat den Becher geworfen, den Tisch hat er mit seinen Knien angehoben, so war es doch, oder? Graham wirkt zwar aufrichtig und ehrlich überzeugt von dem Spuk, sodass ich ihm solche Tricks gar nicht unterstellen will. Aber lieber akzeptiere ich den Gedanken, hinters Licht geführt worden zu sein, als mich mit der Idee zu beschäftigen, dass ich gerade eine paranormale Begegnung mit einem mittelalterlichen Folterknecht hatte.

Franziska und ich beschließen, die Geisterjagd zu beenden. Ich habe zu große Angst davor, noch mehr unerklärliche Dinge zu erleben. Immerhin müssen wir noch im Spukapartment übernachten. Wir schlafen bei Licht. Ich versuche mir bewusst zu machen, wie albern das ist, denke an Gestaltwahrnehmung, Suggestion und hypnagoge Halluzination, doch es funktioniert nicht. Ich bin nervös, aber zum Glück auch übermüdet, irgendwann schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen frage ich Franziska, ob sie trotz ihres Wissens um Psychologie und Physik an Geister glaubt. »Das kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten«, sagt sie. »Für viele Phänomene gibt es eine Erklärung, aber es bleibt ein großer, nicht erklärbarer Rest.« Für ihre psychologische Arbeit spiele das auch keine Rolle, entscheidend sei, wie es den Menschen mit den Phänomenen gehe. Wenn sie das Gefühl hat, jemand sucht nach handfesten Gründen, liefert sie ihm mögliche Ursachen, wenn jemand nur erzählen möchte, hört sie zu.

Es wundert mich nicht, dass die Lust am Gruseln und an düsteren Geistererzählungen im 18. Jahrhundert parallel zur vernunftgesteuerten Aufklärung entstand. Wenn sich alles erklären und begründen lässt, wird das Leben eben schnell langweilig und irgendwie banal. Der Gedanke, dass da etwas Höheres und ein Leben nach dem Tod existiert, verleiht unserem Dasein eine dramatische Qualität.

Wir packen unsere Sachen. Als wir das Tor am Rand des Parks passieren, fällt mir mein »Ghostbusters«-Ohrwurm wieder ein, den ich vor der Reise hatte: »I ain’t afraid of no ghost.« Allerdings bin ich mir nicht mehr sicher, ob das stimmt. Ich habe in Chillingham Castle gelernt, dass die richtig Furcht einflößenden Geister nicht die sind, die mit Bechern werfen, sondern die, die in meinem Kopf spuken.