Das großen Crashen

NEON, 12/2014

Unsere Autorin hat Angst auf der Autobahn.

Wie schlägt sie sich bei einem brutalen Stockcar-Rennen?

Ich habe schlecht geschlafen. Wegen der Schikane. Schikane, sagt Maik, bedeutet: Zwei Autos fahren rein, aber nur eins kommt wieder raus. Schikane, sagt der Duden, bedeutet: böswillige Quälerei.

 

Ich sitze in einem verbeulten und matschverschmierten Auto, trage Helm, Halskrause, Handschuhe und Schutzanzug. DREI. Gerade habe ich das Gefühl, dass eher die Wörterbuchdefinition zutrifft. ZWEI. Neben mir stehen sechs weitere Autos, die Fahrer lassen die Motoren aufheulen, ihre Augen fixieren die erhobene Fahne des Rennleiters. EINS. Sobald dieser seinen Arm senkt, werden wir über den Acker rasen und uns gegenseitig rammen. Hinter der zweiten Kurve liegt dann schon die Schikane: Zwei trichterförmig aufeinander zulaufende Erdwälle, die sich, wenn es blöd läuft und man abgedrängt wird, in Rampen verwandeln und das Auto in die Luft katapultieren. Zwei fahren rein, nur einer kommt wieder raus: böswillige Quälerei.

UND LOS!

 

Ich habe ein wenig Angst. Andere Menschen aber bezeichnen das Heavy-­Metal­-Autoscooter­Fahren auf dem Acker als Sport. Menschen wie Maik Radeboldt, 25 Jahre, ein kräftiger, blonder Typ, der als Zerspanungsmechaniker arbeitet und norddeutscherweise nicht sehr gesprächig ist. Maik soll mir innerhalb von zwei Tagen beibringen, wie man im Matsch um die Kurve schlittert, andere Wagen aus dem Weg räumt und einen Überschlag überlebt. Mit den vierzig Mitgliedern des Vereins »Team Blue Wonder« organisiert Maik in Kohlenbek, einem Ort in Schleswig­-Holstein nahe Wacken, die Norddeutsche Stockcar­-Meisterschaft. Auch ich stehe auf der Starterliste.

 

Ich nehme nicht nur aus Spaß am Stockcar­-Rennen teil, sondern will auf dem Kohlenbek’schen Acker eine Hardcorefahrstunde nehmen. Ich bin in einem Dorf ohne Bahnanbindung aufgewachsen, das Auto war damals unsere Rettung, entsprechend angstfrei und routiniert heizte ich über die Landstraßen. Dann zog ich in die Großstadt, fuhr Fahrrad oder Bahn und höchstens mal mit einem Carsharing-Wagen zum Getränkekaufen. Autofahren finde ich mittlerweile stressig. Ich mache es mir lieber auf dem Beifahrersitz gemütlich, wenn wir uns auf dem Weg in den Urlaub mit Lkws und lichthupenden Autobahnrasern rumschlagen müssen. Auch im sizilianischen Stadtverkehr überlasse ich das Steuer gerne meiner Reisebegleitung. Der ADAC schätzt, dass etwa eine Million Autofahrer in Deutschland Angst oder sogar Panik hinterm Steuer haben. Es gibt sogar Fahrschulen, die spezielle Kurse, »Angsthasen­-Runden« genannt, für verunsicherte Fahrer anbieten. Das Stockcar-Rennen ist für mich eine Konfrontationstherapie: Kann man in der automobilen Keilerei lernen, wie man am Steuer einen kühlen Kopf behält oder wird man gar zu einem Straßenrowdy?

 

Stockcar­-Rennen und Demolition-­Derbys wurden in den USA erfunden und in den 1970er Jahren nach Deutschland importiert – im Land der gebügelten Autobahnen blieben die automobilen Wrestlingkämpfe lange eine Randmotorsportart. Bekannter wurden die Rennen erst vor knapp zehn Jahren, als Stefan Raab daraus eine Fernsehshow mit prominenten Fahrern machte. Der Begriff »Stockcar« bedeutet so viel wie »Auto aus dem Lager«. Damit ist gemeint, dass man hier nicht mit extra angefertigten Rennautos startet, sondern mit Serien­Pkws.

 

Das Fahrzeug, das mir das Team Blue Wonder für das Rennen überlässt, hat nur wenig mit den Autos gemein, die man auf der Straße sieht: ein schlumpfblaues, verbeultes Etwas mit ausgesägter Beifahrertür, ohne Heckklappe. Was ist das überhaupt für eine Automarke, frage ich. Opel Kadett, sagt Maik, Baujahr 1988, 75 PS, Spitzname: Kadettilac. Statt Scheiben hat die Karre rohe Metallgitter, statt Plastikstoßstangen einen martialischen Rammbock. Der Innenraum besticht nicht unbedingt, wie Autohändler gerne sagen, durch luxuriöse Ausstattung. Da sind nur Fahrersitz, Lenkrad, Schaltung und eine verschweißte Rohrkonstruktion der Überrollkäfig , die mein Leben retten soll, wenn in der Schikane was falschläuft. Bei Stockcar­-Rennen gibt es zwar kaum Regeln. Zumindest aber diese Sicherheitsmaßnahmen sind vorgeschrieben – sie beruhigen mich jedoch auch nicht. An dem verbeulten Kadettilac kann ich genau sehen, wie es im Rennen so zugeht.

Im Fahrerlager neben der Rennstrecke entdecke ich einen geparkten Krankenwagen. Wie schön, denke ich, bis ich den Böhse-­Onkelz­-Schriftzug auf der Motorhaube sehe. Der Krankenwagen wurde ausrangiert und zu einem Wohnmobil umgebaut.

 

Erste Regel beim Fahren, sagt Maik: »Nie mit dem Daumen ums Lenkrad greifen.« Der Daumen ist der gefährdetste Körperteil. Bricht leicht. Besonders wenn man verzweifelt versucht, sich bei einem Crash am Lenkrad festzuhalten. Sollte man nicht tun. Die zweite Regel lautet: »Du musst die Kiste ins Gehirn treten!« Heißt übersetzt: Beim Start im ersten Gang das Gaspedal durchtreten, bis sich der Drehzahlbegrenzer mit einem stotternden Geräusch meldet, dann in den zweiten Gang schalten und schön hochtourig fahren. Ich frage, ob das nicht schlecht für den Motor sei. Großes Gelächter.

Diese Informationen reichen, um mein erstes Stockcar-Rennen zu fahren, findet Maik. Er erklärt mir noch schnell zwei Sicherheitsvorschriften – keine liegen gebliebenen Autos rammen und nicht auf die Fahrertür zielen –, dann sitze ich schon im Kadettilac, den ich zuvor mit NEON-Schriftzügen besprayt habe.

 

73 Fahrer und Fahrerinnen treten bei den Stockcar-­Meisterschaften an, ich starte mit vierzehn anderen in der Klasse zwei (61 bis 90 PS). Innerhalb von zwei Tagen absolviere ich sieben Läufe. An der Startlinie lerne ich Marcel und Ute kennen, die ebenfalls zum Team Blue Wonder gehören. Marcel Buch ist neunzehn und fährt schon seit vier Jahren Stockcar. Er ist ein sanfter, konzentrierter Typ. Und er hat Ehrgeiz: Letztes Jahr ist er zum ersten Mal in der Erwachsenenklasse angetreten und gleich Dritter geworden. Sein Vater, natürlich ebenfalls Vereinsmitglied, ist immer noch gerührt und stolz, wenn er von dem großen Rennen erzählt. Ute Junge, 24 Jahre alt, arbeitet als Melkerin und ist die Freundin meines Fahrlehrers Maik. Sie fährt seit letztem Jahr. Maik hat ihr das Auto besorgt und Ute hat es verziert: Mattschwarzer Lack, das Logo des Wacken Open Air auf der Motorhaube, auf dem Heck steht: »Alles ist gut, solange du wild bist!« Ute sagt, es gehe ihr nicht um den Sieg, sondern um Spaß. »Und ich komme immer ins Ziel.«

 

Bei den ersten Rennläufen habe ich als Zuschauerin beobachten können, dass das Ankommen allein schon eine Leistung ist. Viele Autos bleiben ramponiert liegen oder überschlagen sich, bejubelt vom Streckenreporter: »Der Erste geht übers Dach! Gut gemacht!« Die Zuschauer können sogar, wenn sie denn wollen, ein Kopfgeld auf einen bestimmten Fahrer ausloben: Der Konkurrent, der den Fahrer »übers Dach gehen« lässt, bekommt eine Prämie. Hat schon jemand ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt, frage ich mich. Und: Woher kommt die Lust an der Karambolage? Haben die Leute genug von der StVO, den Abgasnormen und Tempo­-30­-Zonen? Freie Fahrt für freie Wutbürger?

 

»Als Neuling hast du Welpenschutz«, sagt Marcel, als ich mit meinem Kadettilac am Start stehe und mit den behandschuhten Fingern nervös aufs Lenkrad trommele. Der Typ im Auto neben mir guckt aber hinter seinem Visier so, als würde er kleine Hunde zum Frühstück verspeisen. Dem möchte ich nicht in der Schikane begegnen. Dann saust die Startflagge nach unten. Um mich drehen Reifen durch, eine Ladung Dreck spritzt auf mein Helmvisier – Dreck, der von den Hinterreifen meiner Mitfahrer kommt. Ich bin feige mit Verzögerung losgefahren, weil ich mich nicht getraut habe, in dem drängelnden, knirschenden Pulk mitzumischen. Ich merke, dass es gar nicht so schwer ist, vier der etwa 700 Meter langen Runden zu absolvieren, wenn sich das eigentliche Geschehen eine halbe Bahnlänge vor einem abspielt. Auch die Schikane ist gar nicht so quälend, wenn man gemütlich alleine durchfährt.

Natürlich komme ich als Letzte an. Vor mir fährt Ute ins Ziel, Marcel hat mich sogar überrundet. Ich finde das nicht schlimm, mein persönliches Ziel habe ich erreicht: überleben. Auch im Fahrerlager sind die Leute gnädig: »Das Auto nach Hause zu bringen, ist das Wichtigste.«

 

Überhaupt sind abseits der Rennstrecke alle auffällig nett. Ich komme mit Bauer Fiete Pahl ins Gespräch. Fiete wird »Kultbauer« genannt, weil er gerne einen staubtrockenen Spruch raushaut und bei Radio Schleswig-­Holstein wöchentlich das Weltgeschehen kommentiert. Er fährt auch Stockcar­-Rennen und sagt: »Wenn du den Zündschlüssel umgedreht hast, kennst du keine Verwandten mehr.« Aber davor und danach schwärmen alle vom Zusammenhalt, von der Kameradschaft, von der großen Stockcar­-Familie. Ständig werden Ersatzteile und Werkzeuge ausgetauscht, und bleibt ein Fahrzeug im Matsch stecken, helfen sofort drei Leute beim Anschieben. Abends gibt es ein großes Fest.

Die Stockcar­-Familie, die während des Rennwochenendes auf der Wiese campiert, ist eine Patchworkfamilie. Da ist die Landjugend um das Team Blue Wonder, die Stockcar schätzt wie die Böhsen Onkelz und das Wacken Open Air. Die Clowns vom »Gallier«­-Team, die ihre Autos mit Asterix­-Schrift und Sprüchen wie »Wochenende?? Klingt nach Vollgas!« verziert haben, lagern neben den Freaks vom Team »Pink Pussy Power«, die sich die Haare rot­schwarz gefärbt und auf der Seite über den Schläfen die Start nummern reinrasiert haben. Auf ihre knallrosa Autos haben sie pinkfarbene Pumps geschraubt. Und es gibt die brave Familie Wölki, die ihre grasgrünen Rennkäfer in einem eigenen Zelt abstellt.

 

Stockcar, sagt Kultbauer Fiete, ist ein demokratisches Hobby. »Hier zählt der Mensch, nicht, wo er herkommt.« Etwa 700 Euro koste ein renntaugliches Auto, das dann gute zehn Jahre halte, das könne sich jeder leisten. Auch für die Jugend sei Stockcar super: Wenn die sich auf dem Acker austobt, meint Fiete, muss sie sich auf der Straße nichts mehr beweisen.

Ab vierzehn Jahren darf man bei Stockcar­-Rennen antreten. Allerdings ist in der Jugendklasse kein »Kontakt« erlaubt, wie der offizielle Ausdruck für Drängeln, Rammen, Crashen lautet. Vor meinem zweiten Rennen stellt mir Marcel noch kurz seine Freundin vor. Kati Schwien, 16, ein schüchternes, hübsches Mädchen, das man sich eher beim Ballett vorstellen könnte, ist seit einem Jahr dabei und fährt einen leuchtend blauen Corsa, Spitzname: Blue Pearl. »Follow me, if you can« steht auf dem Heck und auf den Türen: »Sponsored by Papa«. Ich frage Kati, ob sie sich schon einmal überschlagen hat. »Nein, leider nicht, ich darf ja noch nicht. Aber ich freu mich schon so drauf!« Reiten sei ein gefährlicheres Hobby als Stockcar, findet Kati.

 

Wenn die zarte Kati das kann, denke ich mir, werde ich das ja wohl auch noch schaffen und gehe die nächsten Rennen mutiger an. Ich fahre zwar immer noch hinterher, bin insgesamt aber näher dran. Bei zwei Läufen profitiere ich von Fahrfehlern anderer und werde Vorletzte und Drittletzte. Einmal traue ich mich sogar, Ute zu überholen was sich aber schnell rächt. Ute holt mich ein, aber anstatt brav vorbeizuziehen, zielt sie auf die rechte Seite meines Hecks und rammt mich. Das Auto dreht sich fast einmal um die eigene Achse und bleibt im Matsch stecken. Verdammt. Der Traktor muss mich von der Bahn schieben.

 

Mit meinen Erfolgen wächst auch die Kritik aus dem Fahrerlager. »Hast du das Gaspedal nicht gefunden?« »Du nimmst vor den Kurven zu viel Tempo weg.« »Was schaltest du denn da die ganze Zeit herum?« Ich werde nicht mehr für mein Versagen getröstet, sondern angestachelt, um mehr aus mir herauszuholen. Ein bisschen Talent scheint also in mir drinzustecken vielleicht entdecke ich in mir wieder die Provinzprolette von damals, die heimlich von einem tiefergelegten Golf GTI mit Breitreifen träumte, was ich aber in meiner coolen Gymnasiasten­Grunge­-Clique nie zu gegeben hätte. Stockcar-­Rennen hat wesentlich mehr mit

Spaß an Dreck und Treckerfahren zu tun als mit Formel­-1-Geschwindigkeitsräuschen und Hightechmotoren. Und es ist das totale Gegenteil von dem, was man als vernünftige Großstadtbewohnerin in Bezug auf Autos so für richtig hält. Auf den Straßen wird mittels Technologie alles dafür getan, Kollisionen zu vermeiden. Fahrzeuge bremsen und parken automatisch und steuern sich wahrscheinlich bald selbst. In Zeiten, in denen Autos immer leiser und schadstoffärmer laufen und in denen die Superreichen nicht mehr mit Luxusmonsterkarren, sondern mit Hybrid­-Toyotas angeben, in solchen Zeiten wirkt der zerbeulte, stinkende Kadettilac fast wie eine anarchische Kampfansage.

Der Trend zum Hightechauto gefährdet den Stockcar-Sport an sich. »Zu viel Technik ist nix für den Acker«, sagt Maik. Zu anfällig. Der Nachschub an alten Karren, die man zu Rennautos umbauen kann, wird immer kleiner.

 

Nach meinem letzten Rennen weiß ich immer noch nicht, wie sich ein Überschlag anfühlt, aber darauf war ich auch nicht besonders scharf. Doch ich weiß, dass ich gute Ausweich- und Bremsreflexe habe. Denn obwohl ich mir das für das letzte Rennen wirklich fest vorgenommen hatte, konnte ich mich nicht überwinden, jemanden zu rammen. Die defensive Unfallvermeidungsvernunft steckt zu fest im Kopf, als dass ich sie kurzzeitig ausschalten könnte.

Eine gute Stockcar­-Fahrerin wird so nicht aus mir, aber ich habe jetzt weniger Angst vor kritischen Situationen im Straßenverkehr. Und ganz so schlecht war ich auch nicht: Am Ende des Wochenendes belege ich nach sieben Rennen in Klasse zwei den 13. Platz – einen Platz vor Ute.

 

Bei der Siegerehrung brüllen die Stockcar­-Fahrer ihren Schlachtruf: »Gib Gas, gib Gas, gib Vollgas!« Eine Lebensphilosophie, die mich anspricht. In den folgenden Tagen ertappe ich mich dabei, dass ich mich freue, wenn ich mit dem Fahrrad an der Ampel stehe und eine Benzinwolke in die Nase bekomme oder ein alter Motor aufheult. Ich sehne mich plötzlich nach der Schikane und der Gasfuß juckt. Vielleicht ist das ja auch gar kein Widerspruch, vielleicht fällt es einem, wenn man ab und zu bei einem Stockcar-Wettbewerb die Rennsau rauslässt, leichter, sich im Alltag vernünftig zu verhalten und aufs Fahrrad zu steigen. Und weil ich das mit der Vernunft eh meistens mache, fahre ich kommendes Jahr womöglich doch wieder nach Kohlenbek und crashe und röhre über den Acker als wäre das Leben eine Kirmes und man könnte ewig Autoscooter fahren.