Meine erste Weinprobe

DER FEINSCHMECKER, Bookazine Nr. 15, 05/2009

Warum tragen Flaschen Strickstrümpfe? Wie kommt bloß Holz ins Glas? Und kann ein Wein nach Sauna riechen?
Judith Lieres Ausflug in die wundersame Welt der Blindverkostung. 

Es gibt viele Dinge, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe.

Kricketregeln, die heisenbergsche Unschärferelation, das Wahlprozedere für das Bundespräsidentenamt, rückwärts einparken. Da lehne ich mich gar nicht erst aus dem Fenster und heuchle Kennertum vor, da schweige ich einfach und lasse Fachleute simpeln.

Eigentlich dachte ich, Wein gehöre nicht zu diesen Dingen. Zu Wein weiß ich was, und wirklich nicht wenig: Man macht ihn aus Trauben; es gibt ihn in Rot, Weiß und Rosa, pardon: Rosé; den in Tetrapaks kauft man nicht; Weingläser fasst man am Stiel und nicht am Kelch an; Bier auf Wein, das lass sein; wenn man befreundete Pärchen zum Essen zu Hause hat, muss man die Flasche in eine bauchige Glaskaraffe umschütten, weil dann da irgendwas atmen kann und man sich dadurch als kultivierter Mensch mit Geschmack und Niveau ausweist. Außerdem habe ich einen Lieblingswein, der immerhin sieben Euro kostet und damit ja sicher eher zu den besseren Tröpfchen zählt – ich fand mein Weinwissen also gar nicht so übel.

Bis ich eines Dienstagmorgens auf Hussen El-Dessouki, Carl-Dietrich Gless, Ulrich Sautter, Christian Wenger und 40 Flaschen Spätburgunder treffe.

Zwei Weinhändler, zwei Weinautoren und ich – gemeinsam bei einer Blindverkostung. Und plötzlich verstehe ich, dass Weine komplexer sein können als Kricket und ein ordentlicher Sommelier fast genauso sehr Wissenschaftler ist wie der unscharfe Heisenberg.

 

Ich habe mich gut auf diesen Termin vor bereitet – kein Parfüm aufgelegt, das könnte meinen Geruchssinn und den der Mitverkoster irritieren, keinen Kaffee getrunken, weil das meine Geschmacksknospen irgendwie blockieren soll. Meine wichtigsten beiden Organe in den nächsten vier Stunden werden meine Nase und meine Zunge sein.

 

In einem nüchternen Konferenzraum der FEINSCHMECKER-Redaktion nehmen die Weinexperten und ich Platz. Vor jedem von uns stehen fünf Weingläser und ein Wasserglas bereit, dazu ein silberner Sektkühler, in der Mitte zwei Körbchen mit Weißbrot und ein großer Stapel DIN-A3-Blätter mit einer sehr langen Tabelle darauf: die Bewertungsbögen. Insgesamt 22 Kriterien sind zu vergeben, davon allein zehn verschiedene Aromen im Duft, und am Ende gilt es noch ein Urteil zwischen 1 („erweckt mäßiges Interesse“) und 5 („Kaufen! Davon will ich Reserven besitzen“) zu fällen.

Die ersten fünf Weine – einen flight nennt das der Fachmann – werden gebracht, in Flaschen, über die jeweils eine Art Strickstrumpf gezogen ist, damit man das Etikett nicht sehen kann. Einschenken muss jeder selbst, und schon falle ich unangenehm auf. „Wir trinken doch von links nach rechts“, rügt mich Herr El-Dessouki und stellt meine Gläser um. Vor lauter Schreck kleckere ich erst einmal ordentlich auf das weiße Tischtuch. Das fängt ja gut an.

Zum Glück hat das keiner gesehen, die Herren sind schon vollkommen in ihrem Element. Kaum sind alle fünf Gläser gefüllt, legen sie los: Zuerst ein kritischer Blick auf die Farbe, genauer: deren Intensität. Rot, roter, nicht ganz so rot, denke ich, während meine Sitznachbarn eifrig schreiben und Werte zwischen 50 und 75 vergeben.

Als Nächstes ist die Nase dran: Erst ohne zu schwenken, dann mit. Ich mache fleißig mit, fast schwappt der Wein auf meine Hose, den richtigen Schwung im Handgelenk muss ich noch üben. Ich schnuppere. Ja, die fünf Weine riechen schon alle unterschiedlich. Viel weiter komme ich allerdings mit meiner Einschätzung nicht – eigentlich sollte ich mich jetzt entscheiden, ob der Wein frischfruchtig oder eher nach Hochreifefrucht riecht, ob ich Kräuteraromen ausmachen kann oder den mineralischen Geruch von feuchtem Stein entdecke. Den verschiedenen Anteilen soll ich auch noch Punkte geben, die in ihrer Summe maximal 100 ergeben dürfen.

 

Überforderung macht sich breit. Wie riecht denn feuchter Stein? Und sind das eher 20 oder doch schon 60 Anteile? Um mich herum sitzen die Weinspezialisten, die Nase im Glas und den Stift in der Hand, und füllen sehr konzentriert ihre Bögen aus. Zack: 10 Holz, 15 Frischfrucht, 0 Erde und 5 Sauerkraut. So einfach ist das offenbar. Ich spähe nach links, da bekommt Wein Nr. 1 sogar 25 Holz. Ganz eindeutig scheint das Aroma also doch nicht zu sein. Ich spicke weiter auf die Tabellen der Kenner und suche mir die Weine mit den größten Unterschieden heraus. Wein 3 und 5 unterscheiden sich deutlich in ihrem Anteil an Trockenfruchtaromen, da sind sich alle einig, und ich versuche, dies nachzuvollziehen. Eine tiefe Nase von Nr. 3 – aha –, dann eine von Nr. 5 – ah ja. Ähm, kann sein.

 

Ich bin offensichtlich ein Geruchslegastheniker. Aber nun sind bereits alle beim nächsten Schritt: schmecken. Mit viel Geschlürfe und Geschmatze bewegen die Experten die Weine im Mund herum, sie schmecken unterschiedliche Säureanteile, die Viskosität, die Alkoholpräsenz und den Extraktreichtum, Tannine, grüne Tannine, die Vielschichtigkeit und die Länge. Ich schmecke: Wein. Ehrlich gesagt hatte ich mir das einfacher vorgestellt. Klar nehme ich Unterschiede zwischen den fünf Weinen des flights wahr, ich kann auch sagen, ob einer saurer ist als ein anderer, aber das war’s dann schon. Ich bin einfach ist eine recht nicht in der Lage, irgendwelche Werte in die Tabelle vor mir zu schreiben, festzulegen, wie viele Grüntöne in den Tanninen enthalten sind. Herr Sautter sieht mein verzweifeltes Gesicht und versucht zu trösten: „Das ist jahrelanges Training, das muss man lernen.“

 

Nach der ganzen Schlürferei kommt der Sektkühler zum Einsatz. Auch hartgesottene Weinliebhaber trinken nicht mal so eben 40 Gläser Spätburgunder an einem Dienstagvormittag, deshalb wird nicht geschluckt, sondern gespuckt. Ungute Erinnerungen an Situationen, in denen ich sonst Rotwein in einen Kübel gespuckt habe, kommen auf. Die Experten vergeben zum Abschluss des flights noch ihre Bewertungen von 1 bis 5, die Geschmäcke sind jedoch recht verschieden. Wein 3 bekommt vom Juror links neben mir volle fünf Punkte, während sich der Juror rechts gerade einmal zu 1,5 überwinden kann.

Nun werden alle Weinreste aus den Gläsern in die Sektkübel gekippt, die nächsten fünf Flaschen werden hereingebracht, und das ganze Prozedere geht von vorne los. Außer Schnuppern, Schlürfen, Spucken, Schreiben passiert nicht viel, so eine Weinverkostung ist eine recht schweigsame Veranstaltung.

Doch dann Aufruhr bei Wein Nr. 15: „Der hat einen leichten Korkverdacht in der Nase, da nehmen wir eine neue Flasche.“ Ich schnuppere nach und scheitere wieder – selbst Kork erkenne ich offenbar erst dann, wenn er als Bröckchen in meinem Glas schwimmt. Spannend wird es auch bei Wein 19; sogar ich rieche, dass da irgend etwas anders ist. Auch der Juror neben mir schenkt ihm einen abfälligen Blick: „Die Farbe lässt schon nichts Gutes vermuten.“ Als ich ihn probiere, fällt er in meine Beurteilungskategorie „irgendwie komisch“, die Kenner attestieren ihm viel Holz- und Sauerkrautaroma.

 

Etwas mutlos halte ich meine Nase weiter in die Gläser, in der Hoffnung, irgendwann Holz oder Kalk oder was auch immer eindeutig zu erkennen. Bei Wein 22 habe ich schließlich ein Erweckungserlebnis: Erde! Ganz deutlich Erde! Staub, Unterboden, Champignons, ein ganzer Hektar Waldboden duftet mir da entgegen! Freudig spicke ich auf den Zettel meines Nachbarn – der gibt schlappe acht Punkte bei Erde, dafür aber 15 bei „würzig (Lorbeer, Thymian, Pfeffer)“. Ich finde, dass in diese Kategorie auch Tannennadeln gehören könnten und meine Waldassoziation gar nicht so falsch war.

Motiviert rieche ich weiter – beim Schmecken habe ich schon nach Wein 12 kapituliert, da konnte ich beim besten Willen außer Säure nicht viel wahrnehmen.

Meine Nase hingegen scheint wirklich lernfähig zu sein und gibt sich alle Mühe: Nr. 25 duftet nach … hm, das kenne ich irgendwoher … Ha, Rinderbraten, ganz klar. Steht aber leider nicht auf meiner Aromenliste. Ich überlege, was dem am ehesten entsprechen könnte, Sauerkraut vielleicht? Nein, da geben die Juroren alle eine Null, bessere Werte stehen allerdings bei „Hochreifefrucht“. Rinderbraten mit Backpflaumen! Jetzt hab ich’s. Ich nehme einen Schluck vom Bratenwein – riecht definitiv besser, als er schmeckt. Nicht mein Fall, und der der Juroren offenbar auch nicht: lauter Einsen. Ein Erfolgserlebnis!

 

Langsam macht mir die Sache richtig Spaß, immer mehr Geruchsassoziationen fallen mir ein, Kirschlollis, Rumrosinen, Saunaaufguss, all das steckt in diesen Weinbuketts, toll! Beim sechsten flight wird mir während des Einschenkens jedoch ziemlich klar, woher die plötzliche Kreativität in meiner Wahrnehmung kommt: Ich bin schlicht und einfach betrunken. Betrunken, an einem Dienstagvormittag, in einem Konferenzraum! Dabei habe ich bis auf ein-, zweimal wirklich immer brav ausgespuckt statt runtergeschluckt, ich schwöre!

Ist das etwa das Geheimnis eines Weinkenners? So lange trinken, bis man tatsächlich Schiefer, Lakritz, Räucheraal oder abgefahrene Autoreifen ins Bukett hineinorakeln kann? Ich schaue noch kritischer auf die Bewertungsbögen der Juroren – sie kommen in den meisten Fällen zu recht ähnlichen Ergebnissen. Das kann kein Zufall sein. Diese vier Männer riechen und schmecken wohl wirklich, was dort steht. Faszinierend.

 

Der letzte flight wurde mittlerweile ausgeschenkt und beurteilt. Alle Bögen sind ausgefüllt, die Gläser werden abgeräumt. Ich kann zwar immer noch keinen grünen Tannine wahrnehmen und wahrscheinlich auch keinen Spätburgunder von einem Barolo unterscheiden, aber die Herren sind sich einig: „Die ersten 20 Weine waren eher die deutschen, am Ende kamen dann die französischen.“ Stimmt tatsächlich, wie wir aufgeklärt werden. Und ich zweifele vollends an meinen Sinnesorganen.

Ab morgen übe ich schmecken. Und schnuppere an jedem nassen Stein, der mir unterkommt. Aber jetzt muss ich erst einmal eine Runde schlafen. 40 Gläser Spätburgunder – und das an einem Dienstagvormittag.