Der grillende Mann

Feinschmecker Bookazine 7/2011

Er steht vor dem Rost, trägt eine Schürze über dem weißen Feinrippunterhemd, hält in einer Hand ein Bier und in der anderen eine Zange. Er grinst selig und sieht dabei ein wenig dümmlich aus, doch er fühlt sich gerade männlicher als bei jedem Fußballabend mit seinen grölenden Kumpels.

Der Mann grillt.

Und das versetzt ihn einen transzendentalen Zustand. Es gibt nur ihn, das Feuer, das Fleisch. Das Geplapper der Sippe, die um ihn herum auf weißen Plastikgartenmöbeln sitzt, blendet er aus – aber gleich wird er sie ernähren, ihnen Essen bringen, ihr Überleben sichern, er, ganz alleine. Er gießt einen Schuss Bier in die Glut, es zischt und der Mann macht „roaaaar.“ Und er schämt sich nicht einmal dabei.

 

Männer benehmen sich bei Grillpartys gerne so, wie sie denken, dass man sich als Mann ab und zu mal verhalten müsste. Gerne schieben sie das auf urmenschliche Verhaltensmuster, entdecken quasi wieder den Neandertaler in sich. Fleisch auf offenem Feuer braten, das finden sie irgendwie wahnsinnig männlich. Elektrogrill geht natürlich gar nicht, das ist ja fast schon ein banaler Herd, und Alufolie auf dem Rost ist was für Mädchen, krebserregendes Acrylamid und Benzopyren hin oder her, das kannte in der Steinzeit schließlich auch noch keiner. Bier über das Fleisch schütten muss natürlich auch sein, da haben sie so eine Theorie von wegen Aroma und so, aber letztlich ist das auch nicht so entscheidend, es ist sowieso alles schön und männlich, was man mit Bier machen kann. Aus der Wahl der richtigen Holzkohle macht er eine Wissenschaft, die nur er, der Experte, beherrscht, manchmal konsultiert er dafür auch Fachliteratur. Am heißen Rost darf der postmodern-verunsicherte Mann sich endlich so verhalten, wie er denkt, dass sich sein Geschlecht jahrtausendelang verhalten hat.

 

Beim Grillen herrscht weniger Geschlechtergleichberechtigung als im Vorstand eines DAX-Unternehmens. Nähert sich eine Frau dem Feuer, wird sie entweder mit bellenden Geräuschen vertrieben oder sie zieht sich freiwillig zurück, weil der Geruch des grillenden Manns, der seit Stunden in der prallen Sonne und im Bierrauch steht, sie vertreibt. Die Frau ist in den Augen des Mannes für die Beilagen zuständig, also dieses Zeug aus Gemüse, das geschnippelt und gewaschen werden muss, und das auf dem Fleischteller sowieso nur Platz wegnimmt.

 

Den Verhaltensrückfall grillender Männer ins Archaische haben sogar schon Soziologen untersucht. Die Geschlechterforscherin Nina Degele, Professorin an der Universität Freiburg, erklärt das unter anderem so: „Männer tun eher Dinge draußen, die sichtbar sind. Das ist prestigeträchtiger als die Arbeit hinter Fenstern und Türen.“ Was bedeutet: Eigentlich geht es gar nicht um Feuer, Fleisch und Sippenversorgung, nein, es geht dem grillenden Mann einfach nur um Lob. „Roaaar“ heißt eigentlich nichts anderes als „Guck mal, guck mal, was ich kann, gut, oder? Hab ich ganz alleine gemacht!“ Und dann muss man ihn tätscheln und sagen: „Fein, ganz fein hast du das gemacht.“ Und das verkohlte, biergetränkte Steak tapfer kauend verspeisen. Dann ist er glücklich. Da ist der grillende Mann einfach gestrickt.

 

Den Vergleich mit den Höhlenmenschen, als Männer noch Männer waren und männliche Sachen mit Speeren und Blut und rohem Fleisch gemacht haben, hat sich der grillende Mann also selbst zurechtgelegt. Das kommt ja auch ein bisschen cooler als die Suche nach Bewunderung, die eher an das Verhalten des fünfjährigen Neffen erinnert, der unbedingt immer wieder allen vormachen muss, dass er schon ohne Stützräder Fahrradfahren kann, oder gar an die Hauskatze, die einem stolz die erbeutete Maus vor die Füße wirft.

 

Kann der Mann nicht grillen, weil draußen Minusgrade herrschen (wobei es natürlich auch Männer gibt, die das besonders reizvoll, weil hart und männlich finden), kocht er auch schon mal, um Lob zu bekommen. Auch das macht er anders als die Frau, nie würde er ein einfaches, aber gutes Risotto rühren, nein, hat er Gäste, steht er in seiner offenen Küche und bereitet nur Gerichte zu, die man erst mit zischenden Geräuschen vor deren Augen vollenden kann, kurz gebratenes Fleisch etwa; wenn es einen Nachtisch gibt, dann nur einen, den man vor dem Servieren anzünden muss. Auch hier geht es nicht um Urinstinkte und Feuer, es geht nur um den Effekt. Imponiergehabe.

 

Die Steinzeittheorie des grillenden Mannes geht schon alleine deshalb nicht auf, weil der Steinzeitmann ja bekanntermaßen nicht für das Hüten des Feuers zuständig war, sondern für die Jagd. Die Jagd ist in unseren modernen Zeiten allerdings der Gang zum Supermarkt, den mag der männlich wirken wollende Mann aber nicht so. Ein Einkaufswagen ist eben kein Speer, er hat auch keinen Motor und ein röhrendes Geräusch macht er auch nicht. Damit kann man wenig beeindrucken. Deshalb drückt er sich gerne um diese banale Art der Nahrungsbeschaffung und überlässt sie anderen. Lieber kauft er den Rest der Grillutensilien. Es ist kein Zufall, dass man Holzkohle und Grillanzünder und Bier an der Tankstelle erwerben kann. Hier riecht es nach Benzin, und Benzin gilt auch als männlich, deshalb kauft der Mann dort gerne ein.

 

Und was macht man nun als emanzipierte Frau mit dem Mann am Grill, der da all seine vermeintlichen Männlichkeitsrituale performt? Sie sieht es ihm milde lächelnd nach, lässt ihm an den wenigen schönen Sommersamstagen im Jahr seine Illusion, tätschelt bewundernd lobend seine verschwitzte, rußverschmierte Schulter. Und sie freut sich schon auf den Anblick am nächsten Tag. Da steht er dann fluchend über der Spüle und versucht, das eingebrannte Fett vom Rost zu schrubben – und denkt dabei vielleicht doch über so unmännliche Dinge wie Alufolie bei der nächsten Grillparty nach.