Dreißignochwas #9

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 18. Januar 2014

Dass die beiläufige Frage „Wie geht’s?“ mittlerweile standardmäßig mit den Worten „Bisschen stressig gerade“ beantwortet wird und sich alle nach dem neuen großen Ding Entschleunigung sehnen, darüber wurde in letzter Zeit viel berichtet. Über Stress zu jammern ist gesellschaftlich anerkannt. Was nicht anerkannt ist: darüber jammern, dass einem langweilig ist. Da werden die Leute schnell verächtlich und zischen Dinge wie „Probleme, die andere gern hätten“ oder sie machen Schnaubgeräusche oder sie sagen, wenn sie gern aktuell herumgehende Floskeln nachplappern: „First world problems“.

 

Passend zum Thema hat der Berliner Rapper Marteria kürzlich ein neues Lied veröffentlicht, im zugehörigen Video randalieren zwei Gören in Lolita-Hockeyoutfits durch Großraumbüros und Fitnessstudios und singen: „Alle haben ’nen Job, ich hab’ Langeweile, keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern.“ Ich höre dieses Lied gerade sehr viel. Mir ist nämlich langweilig. Denn ich habe diese Sache mit der Entschleunigung vor zwei Monaten umgesetzt und muss sagen: Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer süßer. Statt von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang im Büro zu sitzen und mich an Dienstpläne zu halten, bin ich nun freie Autorin, die Aufträge trudeln langsam ein, und ich habe viel Zeit. Das Blöde ist, dass ich da die Einzige bin. Und: Ich bin ja nun schon in dem Alter, in dem Drogen uninteressant werden und der Kater vom Freitag gerne mal bis Sonntag durchschnurrt, also kann ich all die neue Freizeit auch nicht einfach mit Kiffen, Saufen, Feiern füllen. Mit wem auch? Bei allen Anderen ist es ja „ein bisschen stressig gerade“, da ist es schon schwierig, einen Termin für einen gemeinsamen Kinoabend zu finden. In Cafés sitzen wochentags nur Schwangere und Menschen in Elternzeit (zumindest in Hamburg, in Berlin ist das anders), nicht mal mehr Studenten hängen da rum, die müssen heutzutage wegen dieser Bachelor-Creditpoints-Sache tatsächlich in die Uni gehen. Ich sitze also daheim, schreibe Kolumnen im Pyjama, nehme Pakete für die Nachbarn an, wimmele bimmelnde Meinungsforscher am Telefon und klingelnde Zeugen Jehovas an der Tür ab.

 

Bevor Leser nun verächtlich schnauben und mir Briefe schreiben, die mit „Sie dekadente Trulla!“ beginnen, möchte ich klarstellen, dass auch ich zu den Menschen gehöre, die ihren Lebensunterhalt durch Arbeit finanzieren müssen. Lange weilen wird meine Langeweile also nicht können, sonst bin ich pleite. Jedenfalls bin ich nicht mehr neidisch auf Leute, die familien- oder lottobedingt reich sind und nicht arbeiten müssen. Wie schlagen die die Tage tot? Zeugen Jehovas reinlassen? Ich habe gelernt: Entschleunigung ist mir zu lahm.