Dreißignochwas #8

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 28. Dezember 2013

Der Dezember ist traditionellerweise der Monat, in dem man zurückblickt auf die vorangegangenen elf anderen. Man geht in sich (auch wenn das manchmal kein schöner Ort ist) und reflektiert, was man im nächsten Jahr alles besser machen möchte. Manche erstellen handschriftliche Listen, die sie an Silvester beim Fondue ihren Freunden vortragen. Auf Facebook beliebt ist die ironische Liste, auf die man Dinge schreibt wie „Mehr rauchen! Weniger Sport! Mehr knutschen! Weniger Listen!“, um zu demonstrieren, dass man eigentlich ein total verrückter, lebensfroher und unkonventioneller Mensch ist.

 

Traditionellerweise ist der Dezember auch der Monat der Hochzeiten. Statistisch gesehen heiraten Paare in Deutschland hauptsächlich im August, im Juni – und eben im Dezember. Ich wollte das erst nicht so recht glauben, weil sich die Hochzeiten, zu denen ich eingeladen werde, jedes Jahr an den wenigen Sommerwochenenden drängeln. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Es gibt die Dezember-Hochzeiten. Man wird bloß nicht dazu eingeladen. Die Dezember-Hochzeit ist die pragmatische Cousine der romantischen Juni-Trauung. Nur wenige derjenigen, die im Dezember heiraten, tun dies, weil sie zu oft „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ gesehen haben und davon träumen, händchenhaltend durch einen verschneiten Wald zu reiten. Die meisten anderen haben eher zu oft ihre Gehaltsabrechnungen angesehen und gedacht: Es ist Zeit. Wer jetzt noch nicht verheiratet ist, spart 2013 keine Steuern mehr. Im Dezember traut sich, wer keine große Sache daraus machen will. Nach dem Standesamt geht man mit den Eltern essen und lässt sich bei Facebook beglückwünschen, weil man seinem Profil „ein neues Lebensereignis“ hinzugefügt hat.

 

Oder man macht es wie ein mir nahestehender Verwandter, den ich hier aus Gründen der Diskretion nicht näher benennen will. Von diesem Verwandten bekam ich vor zwei Wochen eine lapidare Nachricht über Whatsapp (pah!) aus seinem Südseeinsel-Urlaub: „Just married“. Niemandem hatte er von seinen Plänen erzählt, nicht einmal seinen eigenen Eltern. (Fremden Eltern allerdings auch nicht.) In die Freude über sein „neues Lebensereignis“ mischte sich leichtes Beleidigtsein, dass er diesen Moment nicht mit uns teilen wollte.

 

Schuld an der Schwemme pragmatischer Dezember-Steuerspar-Hochzeiten ist natürlich das Ehegattensplitting – ein Wort, das schlimm nach Scheidung oder gar Splatter klingt. Ich persönlich würde mit solch einem Wort im Hinterkopf ja keine Ehe beginnen wollen. Trotzdem wünsche ich allen Frischvermählten hiermit alles Gute. Sogar meinem Bruder. Jetzt ist es doch raus. Wer seine Hochzeit der eigenen (!) Schwester per Whatsapp-Nachricht mitteilt, der darf auch nicht meckern, wenn man ihm so gratuliert.