Dreißignochwas #7

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 21. Dezember 2013

Weniges ist liebloser als das Austauschen von Weihnachtsgeschenken zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Vorbei sind die Zeiten, in denen man für den Wunschzettel mit der stumpfen Schere Spielzeugwerbung aus dem Kaufhausprospekt ausgeschnitten und mit Klebestift auf ein Blatt Papier gepappt hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Eltern Geschenkekartons auf dem Dachboden versteckt haben, damit es auch wirklich eine Überraschung bei der Bescherung gibt. Heute läuft die Sache mit den Weihnachtsgeschenken bei den meisten meiner Freunde ähnlich ab wie bei mir: Anruf der Mutter um den ersten Advent herum. Nach ein paar Informationen aus dem Elternhaus („Letzte Nacht hat es bei uns schon gefroren“) und ein, zwei besorgten Fragen („Wird es bei dir in der Wohnung auch warm genug?“) folgt: „Was sollen wir dir denn zu Weihnachten schenken?“ Man beachte, dass die Frage nicht „Was wünschst du dir denn?“ lautet, denn es geht nicht mehr um meine Wünsche, sondern um eine Pflicht, die meine Eltern erfüllen wollen.

 

Nun könnten romantisch-verklärte Idealisten einwerfen, dass so eine Einstellung den Sinn des Schenkens und die weihnachtliche Idee ad absurdum führe, aber das Leben ist nun mal kein Peter-Hahne-Buch. Kreative Geschenke werden in meiner Familie seit Jahren nicht mehr gemacht, sie trafen zu selten den Geschmack des Beschenkten. Ich sage also meiner Mutter am Telefon, wie viele Paar Socken in welcher Farbe von welcher Marke ich gerne hätte und dass ich Geld ganz gut gebrauchen könne. Ausschließlich Geld darf ich mir nicht wünschen, weil ich „etwas zum Auspacken“ haben soll. Eine meiner Freundinnen kauft alljährlich ihre Geschenke selbst, legt sie verpackt unter den Weihnachtsbaum und lässt sich den Preis von ihren Eltern erstatten.

 

Manche Eltern wollen sich trotz Ideenlosigkeit eben nicht vom Bescherungsritual trennen. Kind bleibt man für sie (besonders an Weihnachten) so lange, bis man neue, kleinere Kinder (Enkel) mitbringen kann, als eine Art Ablösung. Bei meiner Freundin Christina ist das in diesem Jahr zum ersten Mal der Fall. Prompt beschlossen ihre Eltern, dass sie und ihre jüngere Schwester mit 37 und 34 Jahren nun alt genug seien, um auf Geschenke zu verzichten. Die jüngere Schwester hat vor einiger Zeit das Familienunternehmen übernommen, sie zahlt ihren Eltern, die dort noch mitarbeiten, die Gehälter. Als sie hörte, dass sie nun keine Weihnachtsgeschenke mehr kriegen sollte, bekam sie einen Wutanfall. Voll unfair sei das ja wohl, schließlich sei ihre große Schwester damit drei Jahre länger beschenkt worden als sie. Kind bleibt man (besonders an Weihnachten) eben gerne so lange wie möglich.