Dreißignochwas #6

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 14. Dezember 2013

Hallo, mein Name ist Judith, und ich war auf einem Scooter-Konzert. Ich könnte mich jetzt rausreden und sagen, dass das rein berufliche Gründe hatte, dass es eine einmalige Sache war, die mir nichts bedeutet hat. Aber das wäre eine Lüge. Die Wahrheit ist: Ich hatte wahnsinnigen Spaß.

 

Ja und?, könnten nun manche denken, soll sie doch. Aber so gleichmütig reagieren nur Menschen, die auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack „Was so im Radio läuft“ antworten. Andere hingegen definieren sich über das, was sie auf dem Weg zur Arbeit auf dem iPod und zu Hause auf dem Technics-Plattenspieler hören. Ein wohldurchdachter Musikgeschmack ist für das Selbstbild und die entsprechende Außenwirkung noch wichtiger als ein persönlicher Modestil. Beide funktionieren nach ähnlichen Mustern: Man entscheidet sich für eine Richtung, kombiniert ein bisschen Vintage mit einem Gespür für Neues und Trends und kennt sich auch mit den Klassikern aus, wenn es darauf ankommt. Viele meiner Freunde sind da sehr strikt, der etwas schiefe Begriff „Musiknazi“ trifft auf sie zu. Sie sind regelrecht ideologisch und wissen genau, was man hören darf und was auf gar keinen Fall.

 

Scooter, die Band mit den tumben Bumsbässen, gehört eigentlich nicht zu dem, was man hören darf. Und doch habe ich viele bekannte Gesichter im Konzertpublikum gesehen, genau wie ich beeilten sie sich zu erzählen, dass sie beruflich dort seien oder zufällig Gästelistenplätze bekommen hatten. Scooter sind so drüber und trashig, dass man natürlich gut sagen kann, man gehe bloß aus ironischen Gründen hin, wie zu einer Bad-Taste-Party. Möchte man sich zusätzlich mit einem intellektuellen Überbau absichern, kann man noch etwas von Camp und Susan Sontag faseln. Und in diesem Sinne sollen natürlich auch die zahlreichen Selfies meiner Freunde mit Sänger H.P. Baxxter verstanden werden, die am Tag danach auf meiner Facebook-Startseite auftauchten. Nur: Das breite Grinsen auf ihren Gesichtern, das war nicht ironisch. Das war ehrliche Freude. Eine Freude, die auch ich empfunden habe während des Konzerts, weil ich mich eine gute Stunde lang einfach einmal etwas sehr Lautem, Simplem, Hohlem hingeben konnte, ohne mir Gedanken um Interpretation, Niveau oder Botschaft zu machen.

 

Der Liedermacher Funny van Dannen hat vor vielen Jahren einen wunderbaren Song geschrieben, der geht so: „Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert, ich hab’ dich gesehen, mein Freund. Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert, ich war auch da, und du hast geweint.“ Er plädiert in diesem Lied dafür, nicht immer so hart und cool zu tun, sondern Gefühle zuzulassen, auch wenn es vielleicht peinlich wirkt. Also: Gebt es zu, ihr wart im Scooter-Konzert, ich war auch da, und ihr hattet Spaß.