Dreißignochwas #5

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 7. Dezember 2013

Besonders Menschen mit akademischen Berufen neigen manchmal dazu, sich einen (oder mehrere) Menschen mit nicht-akademischem Beruf aus ihrem Alltagsleben herauszusuchen und diese Person zu einem fast schon übernatürlich lebensweisen Philosophen zu überhöhen. Den Freunden (oder Twitter-Followern) wird dann berichtet, wie überraschend schlau der Gemüsehändler wieder die Finanzkrise kommentiert hat, welchen total patenten Beziehungstipp die Omi von oben morgens im Treppenhaus auf Lager hatte und dass der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen mit nur einem einzigen Knaller-Satz das letzte Wahlergebnis analysiert hat. Die Haltung, die dahintersteht, besteht jeweils zur Hälfte aus herablassend-tätschelnder Überheblichkeit und aus Begeisterung für sich selbst, weil man total geil auch mit den vermeintlich einfachen Leuten kann.

 

Ziemlich unsympathisch also, so etwas zu tun, aber trotzdem muss ich an dieser Stelle einmal meine Putzfrau zitieren. Sie heißt Ljudmila und sie hat in meiner Berliner WG, aus der ich gerade ausgezogen bin, alle paar Wochen saubergemacht. Eigentlich spielte Ljudmila keine große Rolle in meinem Leben. Wenn sie kam, war ich meistens im Büro, um die Terminabsprache mit ihr kümmerte sich meine Mitbewohnerin. Als ich Ljudmila letzte Woche aber dann doch traf, weil ich zu Hause damit beschäftigt war, mein Leben wieder einmal in 24 Kartons zu verpacken (Umzug Nummer 13), erzählte ich ihr, dass ich die WG in wenigen Tagen verlasse, weil ich in Hamburg mit meinem Freund zusammenziehen werde. Daraufhin passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte: Ljudmila umarmte mich fest und sagte dann mit feuchten Augen (wirklich!) immer wieder: „Endlich! Endlich! Ich freue mich! Es ist Zeit jetzt! Viel Glück! Was für eine Freude!“

 

Vor diesem Gefühlsausbruch war mir nicht bewusst, für wie falsch Ljudmila meine Lebensumstände befunden haben muss. Als Frau über dreißig immer noch in einer WG zu wohnen, schien für Ljudmila der Inbegriff eines traurigen, gescheiterten Lebens zu sein.

 

Würde ich nun zu den Menschen gehören, die dazu neigen, Verkäufer, Taxifahrer und die Omi von oben zu übernatürlich lebensweisen Philosophen zu überhöhen, würde ich mir nun darüber Gedanken machen, ob mein bisheriges Leben (Karriere! Unabhängigkeit! Heute hier, morgen dort!) wirklich so gut war. Oder ob Ljudmilas Freude darüber, dass ich endlich einen anderen Weg einschlage (Mehr Liebe! Bindung! Gemeinsamer Mietvertrag!) gerechtfertigt sein könnte. Und ob meine Putzfrau vielleicht einen klareren Blick für das Wesentliche, das Glücklichmachende haben könnte.

Doch zu diesen Menschen gehöre ich natürlich nicht. Nein, nein.