Dreißignochwas #4

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 30. November 2013

Mein Ich vor zehn Jahren hätte mich für diesen Satz gehasst, aber: Ich möchte nicht mehr ziellos durch die Nacht stolpern und in irgendwelche(n) neuen Clubs fallen. Heute habe ich im Nachtleben das Bedürfnis nach einer Heimat, einem Hafen, einer: Stammkneipe.

 

Das Wort klingt ein bisschen uncool, nach Männern mit Schnauzbärten, nach Schmiedeeisen-Deko und Pilstulpen mit Tropfenfänger. Davon darf man sich nicht beirren lassen (falls man es doch tut, muss man „Lieblingsbar“ sagen). Jeder Mensch sollte eine Stammkneipe haben, einen heimeligen, vertrauten Ort, an dem es immer Bier gibt und man nicht zum Rauchen auf den Balkon muss und wo Menschen sind, die man kennt und mag.

 

Eine gute Stammkneipe ist nicht so leicht zu finden. In Berlin, wo ich bis vor Kurzem gelebt habe, ist mir das bis zuletzt nicht gelungen. Rund um meine ehemalige Wohnung gibt es zwar viele Lokale, aber keines passte so richtig zu mir: In der Kneipe vorm Haus stehen auf den Tischen Kerzen auf leeren Weinflaschen – das zieht unweigerlich Erstsemesterstudenten an. Die Eckkneipe gegenüber wirbt damit, dass man dort „Biere in gepflegter Atmosphäre“ trinken könne und verkauft Futschi (so etwas mögen Berliner) für einen Euro – in solchen Läden gedeiht ein derart eingeschworener Mikrokosmos, dass jeder fremde Einfluss das empfindliche atmosphärische Gleichgewicht zerstören würde. Eine Straße weiter serviert ein Wirt, der sich Mixologist nennt, in einer ambitionierten Bar nach einem persönlichen Beratungsgespräch Cocktails mit seltsamen Zutaten, in denen ein riesiger, mit einem Hauch Pfeffer bestäubter Eiswürfel schwimmt – lecker, aber auch anstrengend.

 

Meine Stammkneipe steht in Hamburg und ist einer der Gründe, warum ich gerade wieder dorthin gezogen bin. Sie liegt ein paar Stufen unter der Erde und wenn man hineinkommt, muss man sofort rauchen. An einem Ende ihres langen Tresens sitzt immer ein wunderlicher Mann, der mit niemandem außer mit sich selbst spricht. Hinter dem Tresen stehen meist gute Menschen, die ich kenne und die mir Bier und Gin Tonic geben, vor dem Tresen sitzen meist gute Menschen, die ich kenne und die mit mir reden. Am Tisch hinten links in der Ecke habe ich zum ersten Mal den Mann geküsst, der ein weiterer, nicht unwesentlicher Grund ist, warum ich wieder hergezogen bin. Bei unserer gemeinsamen Wohnungssuche war fußläufige Entfernung zu unserer Stammkneipe eine wesentliche Bedingung. Sie trägt den wunderbaren Namen „Mutter“ und ich verbringe sehr viel mehr Zeit mit ihr als mit meiner eigenen. Gerade ist sie 15 Jahre alt geworden. Gefeiert wurde der Geburtstag unter dem Motto „15 Jahre ein Bier zu viel“. Herzlichen Glückwunsch, Mutter.