Dreißignochwas #3

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 23. November 2013

Verzicht gilt ja mittlerweile als die neue Dekadenz. Statt zu zeigen, was sie haben, brüsten sich Menschen (reiche Russen ausgenommen) damit, was sie alles nicht brauchen. Beim Essen verzichten sie auf Weißmehl und Zucker, beim Fahrradfahren auf Bremsen und Gangschaltung, beim Rauchen auf Zigaretten. Sie ersetzen ihre Ikea-Möbel durch Designklassiker, was zwangsläufig zu Minimalismus in der Wohnung führt, denn ein Eames Lounge Chair ist so teuer, dass man für den Noguchi-Couchtisch noch ein weiteres Jahr lang sparen muss. Manche zählen die Dinge, die sie besitzen, und hat man mehr als 100, ist man ein undiszipliniertes Konsumopfer mit Hang zum Messietum.

 

Der neue Minimalismus wirkt sich auch auf das Sozialleben aus. Im Urlaub etwa: Statt sich mit vielen Leuten in einem Ferienhaus in der Toskana eine gute Zeit zu machen, fahren meine Freunde allein weg. Sie reisen durch China, laufen den Jakobsweg, radeln nach Russland oder spazieren in Paris umher, alles ohne Begleitung. Sie tun das nicht, um unterwegs neue Leute kennenzulernen, denn das Gefasel derjenigen, die man in Hostels trifft („Awesome!“, „Amazing!“), kann man spätestens ab dreißig nicht mehr ertragen. Nein, es geht ihnen darum, mit sich und dem Erlebten allein zu sein, den eigenen Gedanken ausgeliefert. Schafft man es, sich zwei Wochen lang selbst zu genügen, ohne depressiv zu werden oder sich mit seinen Socken zu unterhalten, gilt man als psychisch stabiler Mensch und hat ganz viel über sich herausgefunden, was man angeblich vorher nicht wusste, weil man dauernd von sozialer Interaktion abgelenkt wurde.

 

Mir ist das fremd, ich bin gern das, was mal „gesellig“ hieß, bevor das in Arbeitszeugnissen zu einer Verklausulierung für Alkoholismus wurde. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt, finde ich. Kürzlich war ich aus Versehen einen ganzen Abend lang allein an einem Restauranttisch, das war nicht schön. Ich wollte mich mit einem Freund treffen, aber der kam nicht und war nicht erreichbar. Also saß ich da, in diesem überfüllten Lokal, in das gerne große Freundesgruppen gehen, weil man dort Pasta aus Schüsseln serviert bekommt, und verteidigte den zweiten Stuhl eine Stunde lang mit dem Satz: „Da kommt noch jemand!“ Bis ich einsah, dass keiner mehr kommt. Der Kellner schenkte ungefragt Rotwein nach, ich aß alleine drei Gänge, und weil es kein Fenster zum Rausgucken gab, wusste ich nicht, was ich machen sollte, außer sinnlos auf meinem Handy herumzutippen. Über mich selbst herausgefunden habe ich an diesem Abend Folgendes: Ich gehe nicht gern allein in Restaurants.

 

Einen kleinen Schritt in Richtung Verzicht und Minimalismus habe ich allerdings doch getan: In meinem Adressbuch befindet sich nun eine Nummer weniger.