Dreißignochwas #29

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 28. Juni 2014

Wenn man als Frau die Dreißig überschreitet und in einer halbwegs geordneten Beziehung lebt, steht man unter ständigem Generalverdacht. Man macht sich dauernd verdächtig, etwa wenn man mal auf die Idee kommt, abends in einer Bar ein alkoholfreies Bier zu bestellen. Je nach Direktheitsgrad der umstehenden Bekannten führt das zu Reaktionen, die von verstohlenen Blicken auf den Bauchbereich bis hin zu Ausrufen wie „Ach was! Wann ist es denn so weit?“ führen. Ich versuche deshalb, alkoholfreies Bier nur zu trinken, wenn ich eine Zigarette in der Hand habe, um Fehlinterpretationen im Keim zu ersticken.

 

Als Frau über dreißig in einer festen Beziehung hat man ein Prinzessinnen-Problem. Wie bei frischvermählten Thronfolger-Gattinnen lauert die Öffentlichkeit darauf, wann man denn endlich Nachwuchs produziert. Gerne wird man in allen möglichen Situationen darauf hingewiesen. Wenn Bekannte unsere neue Wohnung besichtigen: „Ach, vier Zimmer! Na, da müsst ihr ja noch eins füllen.“ Zwinker, zwinker. Wenn man Neugeborene von Freunden auf dem Arm hat: „Steht dir aber gut! Na, kommst du nicht langsam auf den Geschmack?“ Als ich letztes Jahr meine Stelle in Berlin gekündigt habe, um zu meinem Freund nach Hamburg zu ziehen, hat mich fast jeder im Büro gefragt, ob ich schwanger sei. Beinahe hätte ich in der Abschiedsrundmail an die gesamte Belegschaft geschrieben: „PS. Und: nein. Bin ich nicht.“ Ich bin dankbar, dass ich nicht berühmt bin und dass mein Prinzessinnen-Problem nicht so weit geht, dass Fotos von meinem Bauchumfang in den Medien besprochen werden. Dann müsste ich es so machen wie die englische Herzogin Kate und demonstrativ bei offiziellen Auftritten immer ein Glas Wein in der Hand halten. Dann kriegt man aber auch schnell ein Suchtproblem angedichtet. Zum Glück bin ich nicht Prinzessin.

 

Es ist auch schwierig, wenn man dann wirklich mal schwanger sein sollte, besonders, wenn man sonst ein Anhänger eines eher ungesunden Lebensstils ist. Die alte „Ich muss gerade Antibiotika nehmen und darf deshalb nichts trinken“-Ausrede kauft einem keiner drei Monate lang ab. Und auch, wenn man es schafft, keinerlei Verdacht zu wecken, kann das zu peinlichen Situationen führen. Ich habe einmal wochenlang meine Bürokollegin vollgejammert, dass alle meine Freundinnen schwanger sind und nicht mehr mit mir ausgehen können. Sie hat sich das geduldig angehört, bis sie nach drei Monaten meinte: „Äh, jetzt kann ich dir’s ja sagen...“ Da hätte ich gerne vorher etwas geahnt.

 

Dies ist übrigens meine letzte „Dreißignochwas“-Kolumne. Und: nein. Bin ich nicht. Es hat rein berufliche Gründe.