Dreißignochwas #28

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 21. Juni 2014

Die warme Jahreszeit fängt zwar gerade erst an, aber ich habe schon jetzt mein Wort des diesjährigen Sommers gefunden. Es ist: Uuaahknirschautschuffpuh. Ich erkenne da ganz klar einen Trend, der in den nächsten Jahren stärker werden wird. Dieses Wort benutze ich immer dann, wenn ich auf dem Boden saß und wieder aufstehen musste. Uuaah sage ich beim mühevollen Schwungholen, knirsch machen meine Kniegelenke, autsch stöhne ich beim Aufrichten, puh, wenn ich gerade wieder stehe und uff seufze ich zum Abschluss dieses Vorgangs, wenn der Schmerz in den Beinen langsam nachlässt.

 

Ich war schon immer ein unsportlicher Mensch, zumindest nachdem ich diese Kindheitsphase abgeschlossen hatte, in der man es lustig findet, einfach so zwischendurch ohne besonderen Grund zu rennen („Los, wir rennen!“). Schnelle Bewegungen machen mir keinen Spaß und meistens sind sie auch unnütz: Wenn man den Bus durch normale Gehgeschwindigkeit nicht mehr erreicht, nimmt man halt ein Taxi oder schreibt eine SMS, dass man sich verspätet. Männern und öffentlichen Verkehrsmitteln rennt man nicht hinterher, hat meine Omma immer gesagt, und die war eine kluge Frau. Hinzu kommt, dass ich seit Jahren einer „sitzenden Tätigkeit“ nachgehe, was im Krankenkassenjargon gleichbedeutend ist mit: Der Bandscheibenvorfall ist garantiert.

 

Nun bin ich also in das Alter gekommen, in dem mein Körper sich über all das beschwert. Leider bin ich aber auch immer noch in dem Alter, in dem man im Sommer dauernd auf dem Boden sitzt: beim Grillen im Park, beim Feierabend-Alster am Elbstrand, beim Bordstein-Bier an dieser Kreuzung auf St. Pauli, an der an warmen Hamburger Abenden immer alle rumlümmeln. Ich sitze gerne auf dem Boden, ich finde das lässig. Mein Körper findet, dass ich langsam zu alt für diesen Quatsch bin, was er mir dadurch demonstriert, dass er sich weigert, sich ohne schmerzhaftes Knirschen wieder aufzurichten. Mein Körper möchte auch nicht mehr, dass ich zu Konzerten gehe, auf denen man steht, der Langweiler fordert Bestuhlung, sonst kriegt er, und damit ja leider auch ich, Rücken.

 

Früher habe ich mich gewundert, warum in Parks so wenig Menschen über vierzig rumliegen. Pingeligkeit habe ich ihnen unterstellt, oder sozialneidisch private Dachterrassen angedichtet, oder sie gar im spießigen eigenen Reihenhausgarten verortet. Nun weiß ich es besser: Sie liegen nicht da, weil sie nie wieder hochkämen.

 

Ich überlege nun, mir einen Campingstuhl zu kaufen, fürs Bordsteinbier auf St. Pauli. Besonders lässig ist das zwar nicht, aber zum Älterwerden gehört offenbar auch, dass man mehr auf seinen Körper hört.