Dreißignochwas #24

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 17. Mai 2014

Wie die Rollenverteilung eines Paares wirklich aussieht, zeigt sich oft erst beim Zusammenziehen. Da werden manchmal Verhaltensweisen zutage gefördert, die man dem Partner und sich selbst vorher niemals zugetraut hätte. Es gibt Frauen, die glauben, qua Geschlecht unfähig zu sein, eine Wand zu streichen. Und es gibt Männer, die behaupten, die Frau könne halt einfach besser staubsaugen. Dass beide Partner in den meisten Fällen vorher auch allein in der Lage waren, den Alltag zu meistern, ohne dass ein RTL2-Team gerufen werden musste, um ihre Messie-Wohnung zu entmüllen, wird gern vergessen. Stattdessen werden fiese Geschlechterklischees bemüht, um sich vor etwas zu drücken. Nett ist das nicht.

 

Vor ein paar Monaten bin ich mit meinem Freund zusammengezogen, und glücklicherweise streiten wir uns bisher nicht über den Haushalt. Wir finden putzen beide eher doof und haben uns entschieden, diese Aufgabe bald an einen externen Dienstleister outzusourcen. Ich mache die Wäsche, er kocht.

 

Dass der Mann kocht, und zwar immer und nicht nur, um Gäste mit Sous-vide-Kobe zu beeindrucken, finden Menschen, die älter sind als wir, manchmal skurril. Das haben wir bei der Wohnungssuche ausgenutzt, weil man Maklern ja mit irgendeiner persönlichen Story in Erinnerung bleiben muss, damit die einen nett finden und man die Wohnung kriegt. Es gibt wenige Dinge, mit denen man sich bei Maklern einschleimen kann, ohne dass man sich danach vor lauter Selbstekel zwei Stunden lang unter der Dusche zusammenkauern muss. Also ich immer beim Anschauen der Küche: "Wissen Sie, bei uns kocht ja mein Mann, er muss entscheiden, wie es ihm hier gefällt." Und die Makler dann: "Ach, das ist ja originell! Da sind Sie ja ein ganz modernes Paar!"

 

Wenn man sich als Paar in die Öffentlichkeit begibt, merkt man, wie fest zementiert die Rollenklischees immer noch in den Köpfen mancher Leute stecken. Das fängt beim Finanzamt an, wo im Vordruck "Steuerpflichtiger/Ehemann" und daneben "Ehefrau" steht, als könnte die nie Alleinverdienerin sein. Und man merkt es auf Reisen. Ich buche das Hotel auf meinen Namen, übernehme das Reden an der Rezeption - und kann mir sicher sein, dass mein Freund, der fast unbeteiligt daneben steht, die Rechnung hingehalten bekommt.

 

Am absurdesten war es einmal in einem Restaurant, als ich ein Glas Wein bestellte und er Wasser trank. Der Kellner schenkte mir ein und hielt meinem Begleiter die Flasche zum Begutachten hin. Mein Freund hat ihn dann darauf hingewiesen, dass ich selbst entscheiden darf, ob der Wein meinen Zuspruch findet. Weil wir ja ein ganz modernes Paar sind.