Dreißignochwas #23

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 10. Mai 2014

Die Band Die Aeronauten hat vor vielen Jahren ein schönes, melancholisches Lied mit einer oft zitierten Textzeile geschrieben: „Mit dem Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren.“ Statt sich aufzuregen über die Welt da draußen, sitzen die Menschen innerlich emigriert in ihren Büros und hören in den Mittagspausen leise Johnny Cash. Revolution wird mit dem Älterwerden schwieriger, weil die jugendliche, klare Unterteilung zwischen den Guten und den Bösen mit einer gewissen Lebenserfahrung nicht mehr so einfach funktioniert. Oder, wie die Aeronauten singen: „Jetzt sehen sie alle nur noch wie Idioten aus.“

 

Aber das ist hier ja eine Lebensgefühl-Kolumne, deshalb schnell wieder zurück zum Privaten, das schon lange nicht mehr politisch ist. Ich möchte über ein Phänomen schreiben, das ich in meinem Freundeskreis beobachten kann: Mit dem Alter fängt man an, sich für Whisky zu interessieren. Besonders die Männer reden in letzter Zeit sehr gerne über Dinge wie „Lowlands“, „Speyside“ und „Islay“. Sie machen Whisky-Tastings und haben zu ihrem Spirituosen-Händler ein ähnliches Vertrauensverhältnis wie ich zu meinem Friseur.

 

Natürlich würden meine Whisky-Freunde abstreiten, dass sie mit dieser neuen Leidenschaft einem generationstypischen Trend folgen, nein, alle haben natürlich höchst individuelle Gründe, warum sie ausgerechnet jetzt Whisky super finden, die nix mit einer Mode zu tun haben. Genau – und ich bin auch ganz alleine und megaindividualistisch auf die Idee gekommen, dass Yoga gut für mich sein könnte. So viel Selbstironie muss man schon haben, um zu dem Klischee zu stehen, das wir so leben, egal ob wir den Herabschauenden Hund, Cold-Drip-Kaffee, Boutique Bier oder Single Malts gut finden.

 

Interessant finde ich an der Whisky-Begeisterung, dass sie eigentlich ein klassisches Altherren-Ding ist, das auch unsere Väter und Großväter schon gut fanden. Offenbar gibt es ein paar Sachen, die man beim Älterwerden universell gut findet und die sich nicht jede Generation ändern. Oft wurde schon darüber geschrieben, dass wir als Senioren ganz anders sein würden als die heutigen Alten, mit unseren Sternchen-Tattoos am Handgelenk und Jugendsünden-Arschgeweihen. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht werden wir mit 70 plötzlich unsere Leidenschaft für beige Windjacken und beige Schuhe entdecken. Vielleicht ist das ja biologisch und nicht soziologisch bedingt. Wenn in zehn Jahren plötzlich alle Zigarren-Experten werden und in zwanzig Jahren Golf spielen, dann ist klar: Wir werden einmal genauso beige werden wie unsere Großeltern. Trotz Sternchen-Tattoo.