Dreißignochwas #22

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 3. Mai 2014

Wenn man für sich beansprucht, nah dran am Puls der Zeit zu sein, ist es frustrierend festzustellen, dass man etwas offenbar Relevantes nicht mitbekommen hat. So wie Leute über 40 sich fühlen, wenn das neue Jugendwort der Jahres bekannt gegeben wird („Was? Was soll das bedeuten? Das hab’ ich ja noch nie gehört. Meine Güte, jetzt bin ich wirklich alt“), habe ich mich gefühlt, als ein paar meiner Freunde dauernd von „Tinder“ sprachen. Tinder, so lernte ich schließlich, ist eine Dating-App fürs Smartphone, die alle, wirklich alle meine Single-Freunde schon seit Monaten benutzen. Meine Güte, jetzt bin ich wirklich raus, habe ich gedacht.

 

Wenigstens habe ich nun einen neuen Satz für meine „Als ich, da hatten wir ja noch“-Sammlung. Solche Sätze werden meistens von älteren Leuten benutzt, um jüngeren klarzumachen, wie unvorstellbar hart ihr Leben früher war. Ich kann schon 14-Jährige mit einem „Als ich 14 war, da hatten wir ja noch keine Handys“-Satz beeindrucken und ihnen erklären, dass man damals den Schulschwarm nicht einfach anchatten konnte, sondern auf dem Telefon, das bei den Eltern im Flur stand, anrufen und seine Mutter fragen musste, ob er zu Hause sei. Meinen zweiten Satz aus dieser Sammlung lasse ich gerne gegenüber Studenten fallen: „Als ich studiert habe, da hatten wir ja noch kein Wlan in der Unibibliothek. Wenn wir uns vom Lernen ablenken wollten, haben wir Solitär oder Tetris gespielt.“

 

Nun habe ich also einen dritten Satz: „Als ich Online-Dating gemacht habe, da haben wir ja noch stundenlang Parship-Persönlichkeitsfragen beantwortet.“ Vor ein paar Jahren gab es nur zwei Arten von Singlebörsen im Netz: Bei den einen musste man sehr ernsthaft und langwierig angeben, bei welcher Raumtemperatur man gerne schläft und ob man sich eher im Landhaus- oder im Loftstil einrichtet, bei den anderen bekam man dauernd Nachrichten mit entblößten Körperteilen, die man nie sehen wollte, geschickt. Jetzt gibt es Tinder, eine hippe, minimalistische App, man sieht ein Foto eines potenziellen neuen Partners aus der gleichen Stadt, diejenigen, die einem nicht gefallen, wischt man nach links weg, wischt man nach rechts, kann man sich treffen.

 

Falls das nun jemand als oberflächlich kritisieren möchte, dann sei ihm folgende Geschichte erzählt, die einer Freundin mit einem topseriösen Parship-Kandidaten passiert ist. Bei ihrem ersten Treffen, einem Spaziergang, ging der Mann nach ein paar Minuten plötzlich immer schneller und rannte schließlich einfach weg. Dabei waren die beiden laut hochwissenschaftlichem Persönlichkeitstest füreinander bestimmt. Früher war eben auch nicht alles besser.