Dreißignochwas #21

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 26. April 2014

Es gab einmal eine Phase in meinem Leben, da konnte ich Pärchen nicht leiden, weil ich genervt war von dieser selbstgefälligen, satten Zufriedenheit und faulen Selbstgenügsamkeit, mit der Menschen in Zweierbeziehungen durchs Leben zu gehen scheinen. Pärchen, so empfand ich das damals, kriegen das schöne, wilde, echte Leben da draußen gar nicht mehr mit, weil sie immer nur auf dem Sofa unter einem Plaid kuscheln oder höchstens mal zu einem anderen langweiligen Pärchen zum Weintrinken gehen, wo dann so Sätze fallen wie: „Also, wir

mögen ja keine Oliven und ihr?“

 

Jetzt bin ich seit einiger Zeit selbst wieder verpaart und lasse mich natürlich begeistert hineinfallen in diese satte, schöne Zufriedenheit. Es ist nun mal eine Eigenart des Älterwerdens, dass man ein paar der Dinge, die früher voll schlimm, megapeinlich, oberabtörnend und ultraspießig waren, dann doch irgendwann nicht mehr ganz so schrecklich findet. So ein Weintrinkabend mit befreundeten Pärchen muss nicht immer ablaufen wie ein Yasmina-Reza-Theaterstück, mit den richtigen Leuten kann man dabei durchaus Spaß haben oder gar im Anschluss noch wild ausgehen, also mit elektronischer Musik und Tanzen und Bumsfallera.

 

Trotzdem haftet Paaren der Ruf an, totale Langweiler zu sein. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass sie und ihr Freund erst mit 40 heiraten wollen – weil sie darauf hofft, dass dann die ersten Freunde schon wieder getrennt oder geschieden sind und somit ein paar Singles unter den Gästen sein werden, die die Party unterhaltsamer machen sollen. Ich finde nicht mehr, dass man automatisch langweilig wird, nur weil man eine feste Beziehung hat, allerdings muss man sich auch ein bisschen Mühe geben, diese Entwicklung zu verhindern. Ja, das Sofa ist ein phantastischer und verlockender Ort, von dem man sich besonders freitags nach der Arbeit nur schwer wieder lösen kann, aber zumindest an einem Abend der Woche sollte man auch mal mit Menschen reden, mit denen man nicht in Jogginghosen unter einem Plaid liegt. Außerdem sollte man vermeiden, dauernd in der Wir-Form von sich und seinem Partner zu sprechen, und auf keinen, auf gar keinen Fall, sollte in der Öffentlichkeit jemand mitbekommen, in welchem säuselnden Tonfall und mit welchen Kosenamen man miteinander redet, wenn man zu zweit ist. Ich schwöre hiermit feierlich: Sollte ich jemals mit anderen Menschen über meinen Freund sprechen und dabei Formulierungen wie „mein Schatz“ verwenden, werde ich danach für immer schweigen. Ein letztes bisschen Würde sollte man auch als Paar noch wahren – zumindest nach außen.