Dreißignochwas #20

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 12. April 2014

Mit Mitte dreißig kommt man in das Alter, in dem man sich von einigen möglichen Lebensentwürfen verabschieden muss. „Kind, dir stehen alle Wege offen“, bekam man im Grundschulalter von wohlmeinenden, förderfreudigen Eltern und Lehrern versichert, aber nun liegen einige Abzweigungen schon so weit zurück, dass man nicht mehr umkehren kann, um noch eine vollkommen neue Richtung einzuschlagen. Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich niemals mehr in meinem Leben Primaballerina oder Astronautin werden werde, und höchstwahrscheinlich werde ich auch nicht mehr sehr reich werden – mit acht Jahren erschien all das noch möglich. Schlimm ist das nicht, ich glaube, dass Journalist dann doch ein besserer Beruf ist als Primaballerina. Zumindest hat man schönere Füße. Nur die Sache mit dem Reichtum, die wurmt mich manchmal. Als Post-Printkrisen-Journalist wird man nicht reich, da lebt man prekär und auch mit über dreißig noch mit Ikea-Möbeln.

 

Kürzlich durfte ich berufsbedingt mal ein paar Tage ausprobieren, wie sich das Leben als reicher Mensch so anfühlt. Fazit: Es ist weicher und flauschiger als das des Normalverdienenden. Immer hat man mehr Platz, die Sitze von Verkehrsmitteln sind besser gepolstert, und nie muss man sich die Hände mit harten Papiertüchern abtrocknen, denn wo reiche Menschen aufs Klo gehen, dort gibt es Baumwollhandtücher zur Einmalbenutzung. Außerdem scheinen Reiche viel Wert darauf zu legen, dass das Ende ihres Toilettenpapiers zu einem Dreieck gefaltet wurde. Ich habe mal als Zimmermädchen in einem Hotel gejobbt, da musste ich das auch immer machen. Warum, fragte ich. Nicht fragen, arbeiten, antwortete man mir.

 

Absurderweise ist das Leben als reicher Mensch auch billiger. Im Flughafen geht man in eine Lounge mit Buffet und Bar, statt grollend eine kleine Flasche Wasser zum Abflugbereich-Wucherpreis von 3,50 Euro zu kaufen. In Hotels haben die Leute mit den teureren Zimmern ebenfalls so eine Lounge und müssen nicht grummelnd ein Minibar-Bier zum Wucherpreis von sechs Euro trinken. Reiche Menschen haben in Hotels bessere Schokolade auf ihren Kopfkissen liegen, manchmal sogar Macarons.

 

Offenbar muss man nur ein einziges Mal die Schwelle des Reichtums übertreten und ist dann für immer drin – schließlich kriegt man danach ja alles geschenkt. Doch ich bin mittlerweile zu alt, um einen reichen Mann zu heiraten oder eine Karriere als It-Girl zu machen, und auch die anderen Berufe, mit denen man an Geld kommen könnte, sind mir eher unsympathisch. Es ist Zeit einzusehen, dass mein Leben wohl ohne gefaltetes Klopapier seinen Gang gehen wird.