Dreißignochwas #2

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 16. November 2013

Sylvie van der Vaart – ich bitte um Entschuldigung für diesen Einstieg, bitte lesen Sie trotzdem weiter – hat einen Identitätswechsel hinter sich. Nach der Scheidung hat sie ihren Namen geändert, nun heißt sie wieder Sylvie Meis, als die wurde sie geboren.

 

Man muss sich nicht darüber wundern, dass eine Frau, deren Mann jetzt mit ihrer besten Freundin zusammen ist, nicht mehr bei jeder Unterschrift an den Typen erinnert werden will. Wundern kann man sich allerdings schon darüber, warum überhaupt so viele Frauen immer noch mit der Hochzeit ihren bisherigen Namen in den Wind schießen. Alle meine verheirateten Freundinnen heißen wie ihr Ehemann. Dabei litt keine von ihnen vorher unter Nachnamen wie Hühnerbein oder Goebbels oder Nahasapeemapetilon. Romantische Verschmelzungsphantasien als Gründe könnte ich ja noch nachvollziehen, so Romeo-und-Julia-mäßig, siehe Julia: „Verleugne deinen Vater, deinen Namen! Willst du das nicht, schwör dich zu meinem Liebsten, und ich bin länger keine Capulet!“ Schon die haben also über ihren zukünftigen gemeinsamen Namen diskutiert, wenn auch aus anderen Gründen.

 

Meine Freundinnen wollten aber weder ihre Eltern verstoßen, noch haben sie sich vom dem einlullen lassen, was der Pfarrer Befremdliches bei der Traupredigt gesagt hat („Ihr seid jetzt ein Fleisch.“). Stattdessen sagen sie: Das sei halt praktischer, auch wegen der Kinder, wenn alle gleich heißen. Wenn man erst mal die Formalitäten erledigt hätte (Pass ändern, Bankkonto ändern, Mailadressen ändern, Unterschrift neu lernen, von der Oma auf Kissenbezüge gestickte Monogramme korrigieren), dann sei das alltagstauglicher. Mag sein. Auffällig ist aber, dass sich kein Paar, das ich kenne, für den Nachnamen der Frau entschieden hat.

 

Meine Freundinnen und ich stammen noch aus der Zeit, in der das, was heute als Geburtsname bezeichnet wird, Mädchenname hieß. Wenn man eine Frau ist und geheiratet wird, legt man ihn ab. Wir haben in der Pubertät ausprobiert, wie unser Vorname in Kombination mit dem Nachnamen unseres Schwarms klingt („Judith Catalano“). Auch wenn damals die Zeiten vorbei waren, in denen man noch einen Schritt weiter ging und der Ehefrau nicht mal mehr einen Vornamen zugestand (Mrs. Don Draper, Frau Hofmarschall von Spiegel), ein bisschen etwas davon steckt noch in unseren Köpfen. Die Frau gibt ein Stück ihrer bisherigen Identität auf und wird Teil des Mannes.

 

Zurück zu Sylvie ehemals van der Vaart. Sie macht diesen Namens- und Identitätswechsel also nun zum zweiten Mal durch. Vielleicht fiele die Trennung ein bisschen leichter, wäre sie auch in ihrer Ehe weiterhin Sylvie Meis treu geblieben.