Dreißignochwas #19

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 5. April 2014

Es gibt Herausforderungen, denen man sich als Paar in der heutigen Zeit stellen muss, mit denen sich frühere Generationen noch nicht herumschlagen mussten. Dazu gehört etwa die Frage, wie oft der Partner auf sein Smartphone starren darf, während man neben ihm sitzt und eigentlich seine Aufmerksamkeit will – für dieses Phänomen existiert bereits der Name „iFersucht“. Und auch diese phantastischen amerikanischen Serien, die man als trendbewusster Mensch gefälligst zu kennen hat und die wahrscheinlich in ein paar Jahrzehnten eine ähnliche kulturelle Bedeutung haben werden wie der einst von Marcel Reich-Ranicki veröffentlichte Literaturkanon, auch sie erfordern neue Regeln in Beziehungen.

 

Denn Serien guckt man meist zu zweit, schon aus Gründen der Zeitökonomie. Würde man sich entschließen, alleine alle sechs Staffeln „Sopranos“ zu gucken, wäre man (bei realistisch gerechneten jeweils zwei Episoden am Stück) damit fast sechs Wochen lang jeden Abend beschäftigt. Besonders beziehungsfördernd ist das nicht. Also widmet man sich den wichtigen Serien („House of Cards“, „Homeland“, „Mad Men“, „Treme“, „Breaking Bad“) gemeinsam – und zwar nur gemeinsam. Heimlich fremdgucken ist das neue Fremdgehen. Die meisten Paare sind aber so tolerant, dass jeder auch noch kleinere, eigene Serien nebenbei haben darf, für einsame Nächte auf Geschäftsreisen oder lange Zugfahrten. Bei mir sind das, ganz dem Geschlechterklischee entsprechend, „Girls“, „Gossip Girl“ und „Gilmore Girls“.

 

Eine gemeinsame Serie verbindet wie ein gemeinsames Hobby. Als ich meinen jetzigen Freund gerade kennengelernt hatte, haben wir ganz verzückt festgestellt, dass wir beide zufällig auf genau dem gleichen Episodenstand bei „Bored to death“ waren – ein Zeichen, ein Zeichen! Von da an haben wir natürlich – Vorsicht, Kitsch – nur noch zusammen weitergeschaut. Und weil wir damals noch eine Fernbeziehung München-Hamburg hatten, bedeutete das oft, dass jeder mit dem Telefonhörer am Ohr zu Hause auf dem Sofa lag, und wir versucht haben, möglichst in der gleichen Sekunde auf Play zu drücken.

 

Ein bisschen seltsam wird es, wenn Serien länger laufen als Beziehungen. Bei mir zählt „How I met your mother“ dazu – diese Sitcom, in der es passenderweise um die Suche nach der großen Liebe geht, habe ich schon mit zwei Ex-Freunden geschaut. Gerade läuft die neunte und letzte Staffel, in der die Hauptfigur Ted endlich die Frau seines Lebens trifft. Dass ich dieses Serienende gemeinsam mit meinem heutigen Freund ansehen werde, nehme ich - Vorsicht, noch mal Kitsch - einfach wieder als überdeutliches Zeichen.