Dreißignochwas #18

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 22. März 2014

Die Zeit zwischen Fasching und Ostern ist keine einfache Zeit, um sich auf ein Bier oder zum Essen zu verabreden. Einige meiner Freunde sind nämlich der Meinung, sie müssten diese Wochen zum Anlass nehmen zu fasten. Nicht, weil sie zu dick sind, sondern einfach so, „um auch mal auf etwas zu verzichten“.

 

Mir ist das fremd, ich freue mich lieber darüber, dass ich etwas habe. Sie hingegen trinken gerade keinen Alkohol, essen keine Süßigkeiten oder kein Fleisch, zwei sind Facebook-abstinent, bestimmt hat auch noch einer, von dem ich es nicht weiß, sein Smartphone stillgelegt und telefoniert vorübergehend mit so einem alten Ding, bei dem der Akku die ganze Woche hält und man beim SMS-Schreiben mehrmals auf eine Taste drücken muss, bis der richtige Buchstabe erscheint (die Älteren erinnern sich vielleicht noch an diese absurde Technik).

 

Keiner meiner Freunde ist ernsthaft religiös, die meisten sind seit Jahren (beziehungsweise seit dem ersten eigenen Einkommensbescheid) aus der Kirche ausgetreten. Vielleicht hätten sie auch mal googlen sollen, warum man laut Kirche ein paar Wochen auf lieb gewonnene Gewohnheiten verzichten soll: um dem Heiligen Geist Raum zu geben. Na hallo. Das war mir auch nicht klar, dass der Heilige Geist da wohnt, wo mein Körper sonst die Schokolade hinpackt oder wo mein Gehirn die auf Facebook geteilten Katzenvideos verarbeitet.

 

Die Fastenden, die ich kenne, sagen, dass sie sich selbst beweisen wollen, dass sie auch ohne eine bestimmte Sache auskommen können. Ich finde das fragwürdig. Wenn ich das latente Gefühl hätte, von etwas abhängig zu sein, zum Beispiel von Alkohol, dann würde ich doch eher grundsätzlich etwas an meinem Konsum ändern, statt ein paar Wochen gar nicht und anschließend weiter so zu saufen wie vorher. Anderen geht es darum, bewusst auf Annehmlichkeiten zu verzichten, weil sie der Meinung sind, dass die Askese Charakterstärke zeige – deshalb also etwa kein Smartphone. Für mich ist ein Smartphone ein sehr, sehr praktischer Alltagsgegenstand, ähnlich wie Socken. Es sagt ja auch keiner (jedenfalls kein halbwegs normaler Mensch), dass er jetzt mal ein paar Wochen ohne Socken in den Schuhen unterwegs ist, weil er sich beweisen möchte, dass er auch ohne warme Füße existieren kann.

 

Mir fehlt der Sinn dafür, freiwillig Entbehrungen und Unannehmlichkeiten auszuhalten und darin dann einen Mehrwert für mein Seelenleben zu entdecken. Vielleicht bin ich auch einfach zu faul und zu bequem. Ich möchte gar keinen Raum in mir schaffen, ich fühle mich ausgefüllt ganz wohl.