Dreißignochwas #17

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 15. März 2014

Letztes Wochenende haben mein Freund und ich eine Party gefeiert. Bei uns zu Hause. Eine richtige Party, mit vielen Bierkästen auf dem Balkon und einem Buffet mit einfachen Speisen, die man von Papptellern essen musste, weil wir mehr Gäste eingeladen haben, als wir Geschirr besitzen. So etwas macht kaum einer mehr, der so alt ist wie wir, es sei denn, es ist ausnahmsweise mal Silvester.

 

Früher, als ich noch in WGs wohnte, wurden dauernd Partys gefeiert. Gründe gab’s genug: Ein neuer Mitbewohner ist eingezogen, die Hausarbeit ist abgegeben, es ist Samstag oder die letzte Party liegt schon fünf Monate zurück – das reichte, um etwa 50 bis 70 Leute zu sich nach Hause einzuladen. Die Nachbarn wurden über einen Zettel im Treppenhaus informiert, dass es „ausnahmsweise etwas lauter werden könnte“, was eine lächerliche Untertreibung war. Auf solchen Partys wurden Soundsysteme für die bestellten DJs ausgeliehen, manchmal spielten auch Bands. Immer kamen doppelt so viele Leute, wie man eingeladen hatte, jedes Mal außerdem auch die Polizei. Einmal, und das ist wirklich wahr, war eine dieser Partys so voll, dass ein Rosenverkäufer reinkam und den Gästen Blumen andrehen wollte. An dieser Stelle möge der Leser bitte das Lied „Those were the days“ von Mary Hopkin einspielen.

Wenn man heute zu Freunden nach Hause eingeladen wird, sieht das so aus: Drei Paare sitzen auf Arne-Jacobsen-Stühlen an einem großen Tisch, trinken Wein aus Gläsern, die nicht von Ikea sind und essen sieben aufwendige Gänge, die meist vom männlichen Part des Gastgeberpaares gekocht wurden. Um zwölf gehen alle nach Hause, weil die Babysitter Feierabend machen wollen (wahrscheinlich müssen die noch auf eine WG-Party).

 

Unsere Wohnungsparty war auch nicht mehr so wild wie die Feste früher. Wir haben vorher bei allen Nachbarn geklingelt und sie persönlich eingeladen, die Musik war gemäßigt laut, auf dem Buffet gab es Gerichte für Vegetarier und für Schwangere (bloß an die schwangeren Vegetarier hatten wir nicht gedacht) und im Schlafzimmer konnten Babys abgelegt werden. Gäste fragten vorher per SMS, ob sie noch einen Bekannten mitbringen dürften. Unser neues Sofa musste danach nicht auf den Müll, der Flur nicht gestrichen werden und die Polizei habe ich auch nicht wirklich vermisst. Es war ein sehr schöner Abend, weil wir mal wieder alle Freunde auf einen Haufen gesehen haben, das ist selten geworden. These are the days.