Dreißignochwas #16

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 8. März 2014

Das Wort altersgerecht ist kein schönes, meistens wird es nur noch benutzt, wenn es darum geht, ob etwas einem sehr jungen Menschen schon zuzumuten ist (Spielzeug, detailliertes Weltwissen) oder einem sehr alten Menschen noch (Treppenstufen, Windows 8 verstehen). Davon abgesehen, kann man heute eigentlich in jedem Alter alles machen. Man kann mit vier Jahren Designermäntel tragen und mit 40 Tretroller fahren, man kann mit 13 alle mit Altklugheit nerven und sich mit 50 pubertär aufführen. Kann man, aber dann ist man auch peinlich.

 

Eine Folge der Fernsehserie „How I met your mother“ handelt davon, was man nicht mehr machen sollte, wenn man über 30 ist, weil man „zu alt für den Scheiß“ sei: sich die Haare lustig färben, Bierbong trinken, beim Umzug in den sechsten Stock helfen und dafür nur Pizza und Bier kriegen, bei den Eltern Wäsche waschen, bei Freunden auf der Gästematratze statt im Hotel schlafen. Ich möchte noch ergänzen: mit der Mitfahrzentrale reisen, Hostel-Mehrbettzimmer buchen, sich ein Bauchnabelpiercing stechen lassen, Regale aus Brettern und Backsteinen haben. Eine meiner Freundinnen würde handgeschriebene Klingelschilder hinzufügen, sie hat sich gerade ein sehr erwachsenes Metallschild anfertigen lassen. Und würde man meine Eltern fragen, für was man mit über 30 zu alt ist, würden die sagen: fast alles, was unsere Tochter macht.

 

Eine neue Sache, die nicht mehr geht, habe ich vor ein paar Tagen wehmütig gelernt: bei H&M einkaufen. Der Laden war jahrzehntelang eine Verheißung, selten kam ich da unter fünf Teilen raus. Mit Ende zwanzig habe ich zum ersten Mal nichts gefunden, erst dachte ich noch, dieses Frühjahr sei halt nicht meine Modesaison. Ich habe es seitdem mehrfach versucht, aber beim letzten Mal wurde mir klar: Ich bin raus, nicht mehr die Zielgruppe. Alle anderen, die hier zwischen den seltsam bedruckten und unförmig geschnittenen Klamotten herumstreifen, haben ihre Teenager-Beinchen in Leggings und falsche Uggboots gesteckt, tragen komisch hochstehende Wollmützen und haben diese nervigen Cara-Delevingne-Augenbrauen. (Das ist dieses Model, das aussieht wie die Ochsenknecht-Söhne.) Ich bin zu alt für den Scheiß. Es war eine ähnlich seltsame Erkenntnis wie auf der Tanzfläche seines Lieblingsclubs zu stehen und plötzlich zu realisieren, dass alle anderen zehn Jahre jünger sind.

 

Viele meiner Freundinnen kaufen trotzdem noch bei H&M ein: wenn sie schwanger sind. Das sei der einzige Laden, in dem man gute Umstandsmode bekäme, sagen sie. Aber die gehen ja auch wieder auf den Spielplatz, in dem Alter bin ich noch nicht.