Dreißignochwas #15

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 1. März 2014

Seltsame Dinge passieren in meinem Freundeskreis, seitdem fast alle Kinder haben. Ich meine damit nicht, dass die Neu-Eltern stets drei Oktaven höher sprechen, sobald sie sich an ihren Nachwuchs wenden, oder dass sie, statt in irgendeiner verrauchten Karaokebar besoffen „I will survive“ ins Mikro zu brüllen, mit Hingabe das Lied von den zehn kleinen Krabbelfingern aus dem Pekip-Kurs singen. Das ist schon okay, das kann ich nachvollziehen. Bei einer Sache hört mein Verständnis für hormongesteuertes, alle bisherigen Lebenseinstellungen über den Haufen werfendes Verhalten allerdings auf: beim Reihenhaus auf dem Land.

 

Mit einem positiven Schwangerschaftstest scheint zwangsläufig auch das Bedürfnis nach einem eigenen Haus mitgeliefert zu werden. (Kleiner Tipp an Banken: Der Beipackzettel wäre der perfekte Ort für Kredit-Werbung.) Ein Neu-Elternpaar nach dem anderen verlässt die Stadt, um sich in einem Reihenmittelhaus einzurichten. Natürlich ist der Exodus kein ganz freiwilliger, meine Freunde lassen sich aus finanziellen Gründen verdrängen. Ich weiß nicht, wer diese Menschen sind, die es sich leisten können, im Hamburger Stadtgebiet ein Haus zu kaufen, manchmal versuche ich durch ihre Fenster zu gucken, um dieses Mysterium aufzudecken. Vielleicht sind es Leute mit richtigen Berufen in wirtschaftlich relevanten Branchen. Die meisten meiner Freunde aber haben statt BWL bloß IMM (irgendwas mit Medien) studiert, damit wird man nicht zum Hamburger Hausbesitzer.

 

Leider scheinen Alternativen wie eine Erdgeschosswohnung mit Garten, die man mit Glück noch innerhalb der Stadtgrenzen finden kann, nicht zu gelten. Das Kind braucht ein Haus, finden die Eltern, und so ziehen sie fort, in Siedlungen, die aussehen, als wären sie aus Lego, und in deren Mittelpunkt ein kleines Einkaufszentrum steht, in dem es einen Supermarkt, eine Drogerie, eine Friseurkettenfiliale und ein schlechtes griechisches Restaurant gibt. In diesem Lebensraum, glauben die Eltern, hat es das Kind gut. Was sie dabei verdrängen: wie sehr das Kind es dort hassen wird, sobald es anfängt, eigenständig zu denken. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin in einem Dorf im Hintertaunus aufgewachsen, was so war, wie der Name der Gegend klingt. Bis der Führerschein meine 18 Jahre Gefangenschaft dort beendete, pöbelte ich sehr oft meine Eltern an, warum sie so unfassbar gemein seien, mich mit diesem Wohnort zu bestrafen.

 

Ich finde es auch schade, dass ich mir wohl nie ein Haus in Hamburg leisten werden kann. Aber deshalb nach Bargteheide, nach Fischbek, nach Neuallermöhe-West ziehen? Niemals. Bloß: So haben meine Freunde auch mal gedacht. Dann wurden sie Eltern.