Dreißignochwas #14

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 22. Februar 2014

Eigentlich habe ich den Anspruch, diesen Platz mit Themen zu füllen, die außer mir noch ein paar andere Menschen bewegen, aber in dieser Woche ist das nicht so einfach. Ich bin nämlich am Wochenende umgezogen und habe außer Kisten einpacken, Kisten runterschleppen, Kisten rumfahren, Kisten hochschleppen, Kisten auspacken nichts erlebt. Um trotzdem ein bisschen Substanz in diesen Text zu bringen, möchte ich Shakespeare zitieren: „Wer stets zu Hause bleibt, hat auch nur Witz fürs Haus.“ So ein Hochkulturzitat wertet die eigenen banalen Gedanken immer auf, das weiß jeder, der schon einmal eine Grußkarte formulieren oder ein "Streiflicht" schreiben musste. Außerdem lässt es sich schnell mit den Stichwörtern „Wohnung“ und „Zitate“ googlen.

 

In der neuen Wohnung lebt es sich bisher hervorragend, auch wenn sie einen so langen Flur hat, dass ich vom Schlaf- ins Wohnzimmer gerne eine Station mit dem Bus fahren würde. Aber sonst ist alles gut, ich bin erleichtert. Man mietet ja trotz Besichtigung immer die Katze im Sack. Es gibt viele Faktoren, die man nicht beurteilen kann, während man sich mit einer eifrig zwitschernden Maklerin („Beide Fensterflügel zum hübschen Frühstücksbalkon lassen sich öffnen! Beachten Sie die Pitchpine-Dielen!“), zwanzig anderen Paaren und missmutig schauenden Nochmietern, die Angst haben, dass ihnen einer die Löffel klaut, zehn Minuten durch eine vollgestopfte Wohnung drängelt.  

 

Es sind Faktoren, die einem den Alltag vermiesen könnten: mangelnder Wasserdruck etwa. Wenn man Pech hat, muss man die nächsten Jahre unter einem tröpfelnden Rinnsal versuchen, das Shampoo wieder aus den Haaren zu kriegen. Wenn man noch mehr Pech hat, kommt ein zickiger Durchlauferhitzer dazu, der einem selbständig brühheiß-eiskalte Wechselduschen verordnet. Leider ist Probeduschen bei den wenigsten Besichtigungsterminen möglich. Auch die Gewohnheiten der Nachbarn lernt man erst nach dem Einzug kennen, es wäre unhöflich, vorher zu klingeln und zu fragen, ob sie vielleicht dazu neigen, nächtelang Pornos über die Surround-Anlage zu gucken oder ob ihr Kind gerne sonntagmorgens um sieben Bobbycar auf den Pitchpine-Dielen fährt oder ob sie manchmal den etwa drei Kilometer langen Flur an Kegelvereine vermieten.

 

Manche Leute glauben, dass der Traum, den man während der ersten Nacht in der neuen Wohnung träumt, wahr wird. Meiner ging so: Ich habe mir auf dem Flohmarkt eine tolle, alte Vintage-Zugabteiltür gekauft, die ich danach bei Zugfahrten immer mitgenommen habe, um sie in ICEs vor mein jeweiliges Abteil zu bauen. Was das jetzt bedeuten soll, weiß ich leider auch nicht.