Dreißignochwas #13

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 15. Februar 2014

Den gerade verstrichenen Valentinstag nimmt der kritisch denkende Mensch ja gerne zum Anlass, um reflexartig etwas von Kommerz, Blumenhändler-Erfindung und importierten Traditionen zu murmeln, denn zu solchem Gemurmel hatte er schon seit Halloween (Ja, sind wir denn in Amerika?!) und Weihnachten (Alles von Coca-Cola ausgedacht!) keine Gelegenheit mehr. Man kann den Valentinstag aber auch zum Anlass nehmen, um über Herzen nachzudenken. Genauer gesagt: über die Herzchengeste.

 

Jedes Jahrzehnt hat seine typischen Gesten. Ende der 60er war es die Peace-Geste, also der gestreckte Zeige- und Mittelfinger des ursprünglichen Victory-Zeichens, das die Hippies für sich okkupierten. Dann kam die gehörnte Hand, der gestreckte Zeige- und Kleinfinger der Rock- und Metalfans, schließlich machte der Fußballer Stefan Effenberg den Mittelfinger noch berühmter, als der es eh schon immer war. In den Nullerjahren erfand Facebook den „Gefällt mir“-Daumen, der allerdings ein virtuelles Phänomen ist, im realen Leben benutzt diese tumbe Geste kaum jemand. (Außer Fallschirmspringer. Die halten, wenn sie gefilmt werden, mit einer bemerkenswerten Frequenz den nach oben gereckten Daumen in die Kamera. Schauen Sie sich das mal auf Youtube an.)

 

Seit einiger Zeit formen Hände dauernd Herzen, indem die geknickten Finger und die gestreckten Daumen aneinander gehalten werden. Angefangen hat damit angeblich Taylor Swift, das ist eines dieser jungen Popsternchen, von denen man als älterer Mensch zwar weiß, dass sie Teenager zum Hyperventilieren bringen und 39 Millionen Twitter-Follower haben, aber nicht, wie ihre Musik klingt. Taylor Swift jedenfalls benutzt die Geste, um ihren Anhängern, die sich Swifties nennen, weil sich Fans von jungen Popsternchen neuerdings immer so religionsgemeinschaftsmäßige Namen geben, zu zeigen, wie sehr sie sie liebt. Auch die Fans von Justin Bieber (Beliebers), Lady Gaga (Little monsters), Miley Cyrus (Smilers) und Demi Lovato (Lovatics) werden von ihren Stars mit Herzchenhänden bedacht. In Deutschland gestikuliert der Schlagersänger Michael Wendler auf diese Art ins Leere. Das Zeichen ist in kurzer Zeit so penetrant präsent geworden, dass sich Google die Geste sogar patentieren ließ, als Gefällt-mir-Befehl für seine Datenbrille.

 

Wir leben also im Jahrzehnt der Liebe. Die Zeit des ablehnenden Mittelfingers ist vorbei, stattdessen verbreiten Facebook-Daumen und Herzchenhände Zustimmung und Zuneigung in der virtuellen und in der realen Welt. Vielleicht sollte auch Angela Merkel neu über ihre Rauten-Geste nachdenken. Sie müsste nur mal ein paar Finger krumm machen und schon könnte sie die Kanzlerin der Herzen sein.