Dreißignochwas #12

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 8. Februar 2014

Das Jahr 2014 gibt es noch nicht lange, und bisher musste es hauptsächlich dafür herhalten, dass viel über andere, ihm vorausgehende Jahre geredet wurde. Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor zehn Jahren wurde Facebook gegründet, so weit reicht die Spannbreite an gesellschaftlich relevanten Ereignissen, die sich gerade in runder Zahl jähren und die zum Anlass genommen werden, über damals und heute und warum alles so gekommen ist, zu reden. Auch ich möchte hier eines besonderen Jahres gedenken: 1994. Denn 1994 ist zwanzig Jahre her.

 

Nach diesem Satz muss man einen Absatz machen, damit seine Schwere noch ein wenig nachwirkt. Ältere Leser mögen mir mein Pathos bitte verzeihen, aber ich bin noch nicht so lange in einem Alter, in dem ich über die Vergangenheit sprechen und dabei den Satz „Ach, das ist jetzt auch schon zwanzig Jahre her“ sagen kann. Das ist ein Satz, wie ihn meine Eltern benutzt haben, wenn sie aus einer Zeit erzählt haben, in der mein Vater einen hippen Vollbart trug und meine minirocktragende Mutter in einem Ford Taunus abholte und sie gemeinsam in ein Tanzlokal fuhren, in dem die Tanzfläche mit Puder bestreut wurde, damit man besser twisten konnte. Solche Sachen sind in meinem Kopf noch mit „zwanzig Jahre her“ verknüpft, und nur langsam sehe ich ein, dass das schon seit zwanzig Jahren nicht mehr stimmt. Zwanzig Jahre her ist nun nämlich meine eigene Jugend.

 

Ich bin in einem sehr kleinen Dorf sehr weit von der nächsten Stadt entfernt aufgewachsen. Die Schauplätze, an denen sich da jugendliches Leben abspielte, waren folgende: die Bushaltestelle, an der die Prolljungs Dosenstechen machten, der Kellerraum des Dorfgemeinschaftshauses, den man für Partys mit Flaschendrehen mieten konnte, und das Hochbehälterhäuschen draußen auf den Feldern, wo diejenigen, die von den Bushaltestellenjungs als Gymnasiastensäue beschimpft wurden, schlecht gedrehte Joints rauchten. In solch einem Umfeld kann man sich seine Einflüsse nur bedingt aussuchen, da kann man auch Pech haben – einmal in den falschen Typen verknallt und schon ist man Böhse-Onkelz-Fan und hängt die nächsten Jahre mit Golf-GTI-Fahrern auf Supermarktparkplätzen rum. Zum Glück erreichte Grunge via Satellitenschüssel und MTVs „120 Minutes“ irgendwann auch den Hintertaunus, und so verliebte ich mich in Kurt Cobain, der sich leider wenige Wochen danach erschoss. Das war 1994, vor zwanzig Jahren. In diesem Jahr starb nicht nur Kurt Cobain, es wurde auch Justin Bieber geboren. Ich bin froh, dass ich damals 15 Jahre alt war und nicht erst 2014, es hätte schlimm enden können.