Dreißignochwas #11

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 1. Februar 2014

Dass ich eigentlich ein geselliger Mensch bin, habe ich hier schon einmal erwähnt. Dieser Zustand setzt allerdings erst gegen Mittag ein, zu früheren Uhrzeiten bin ich hochgradig soziophob und versuche alles Zwischenmenschliche zu vermeiden. Das geht aber nicht, weil in die Morgenstunden die Beschaffung des Frühstücks fällt.

 

Es ist noch nicht lange her, dass ich bei einem USA-Urlaub vollkommen irritiert war, weil die Frau an der Coffeeshop-Kasse nach meinem Namen fragte. Mir war nicht klar, warum sie den wissen wollte, ob das vielleicht so eine amerikanische Höflichkeitsfloskel war, wie die ständige Fragerei nach meinem Gemütszustand, und so antwortete ich zögerlich. (Ich sage meinen Namen ungern auf Englisch, ich habe ein th-Problem.) Die Frau kritzelte „Judy“ auf einen Pappbecher und gab ihn an die Kollegin an der Maschine weiter. Mittlerweile machen das auch deutsche Coffeeshops, und ich kann es auch ohne th-Problematik nicht leiden. In meinem morgenmuffeligen Zustand ist mir schon die Preisgabe meines Vornamens zu intim, ich möchte gefälligst anonym bleiben, und vor allem: Ich möchte mit niemandem reden.

 

Als ich noch täglich ins Berliner Büro der SZ ging, kaufte ich mein Frühstück immer an denselben Orten. Ein Brioche an der Bäckertheke im französischen Supermarkt gegenüber und in einer Cafébar nebenan einen Cappuccino. Da fragte mich zwar niemand nach meinem Namen, aber die Menschen, die dort arbeiteten, haben mich irgendwann wiedererkannt. Dann fragte der Kaffeeverkäufer nach meiner Arbeit, und von da an musste ich jeden Morgen der Höflichkeit halber smalltalken. Die Backwarenverkäuferin flötete: „Ein Brioche mit Zucker, wie jeden Morgen!“ Besonders dann, wenn neben mir an der Theke diese bleistiftdünnen, reichen Frauen standen, die sich gerade ihre monatliche Sünde in Form eines einzelnen Macarons gönnten. Ich will nicht, dass all diese Menschen meine Gewohnheiten kennen, ich will ihnen nicht erklären, warum ich mal später dran bin, oder umständlich thematisieren, dass mir heute ausnahmsweise mehr nach Puddingteilchen als nach Brioche ist. Ich möchte einen anonymen Raum für Frühstückskäufer mit Morgen-Soziophobie.

 

Einmal traf ich an der Briochetheke übrigens den Gatten der Kanzlerin, der mir nicht aufgefallen wäre, hätte die Verkäuferin nicht „Ah, Herr Dr. Sauer!“ geflötet. Er kaufte eine größere Menge Gebäck und wollte gerne etwas mit Mohn, Mohn gab es aber nicht. Ich als altes Gossip Girl habe diese Beobachtung natürlich gleich getwittert. Auch Joachim Sauer wünscht sich nun sicher manchmal, er könnte seine Quarktaschen anonym im Darknet kaufen.