Dreißignochwas #10

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 25. Januar 2014

Seit vergangener Woche hüpft ein lebensphilosophisches Video durchs Internet, an dem sich all die Menschen wärmen, die gern ihre Wände (oder Unterarme) tätowieren mit Sinnsprüchen wie „Carpe diem“, „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ oder „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ (keiner weiß, was dieses aus dem Zusammenhang gerissene Nietzsche-Zitat eigentlich bedeuten soll, aber egal, klingt voll wild, frei und kreativ). Bei dem Video handelt es sich um den Poetry-Slam-Auftritt der Studentin Julia Engelmann. Sie trägt ein Gedicht vor, in dem es darum geht, dass man sich im Leben was trauen soll, damit man am Ende, wenn man alt ist, was zu erzählen hat. Marathon laufen, Buddenbrooks lesen, wach bleiben bis zum Morgengrauen, aufs Hausdach klettern, Gefühle offen aussprechen und schief singen – das sind die legendären Anekdoten, die sie später mal zum Besten geben möchte. „Wer genau guckt, sieht, dass Mut auch nur ein Anagramm von Glück ist“, sagt Engelmann, und schon fangen davon emotional erschütterte junge Menschen an, daraus auf ihrem Collegeblock eine Vorlage fürs nächste Wand- oder Unterarmtattoo zu zeichnen.

 

Auch mit mir hat dieses Gedicht etwas gemacht. Nämlich: gähn. Und: Ich bin keine zwanzig mehr. Dieser Yolo-Kram ficht mich nicht mehr an, genauso wenig wie das ganze Gefasel, man müsse seine „Komfortzone“ verlassen, weil sonst keine magischen, aufregenden Dinge passieren würden. Ich habe das Alter von etwa 18 bis 30 außerhalb meiner Komfortzone verbracht, die Postpubertät und der Mid-Twenties-Breakdown haben mich schwer gebeutelt. Meine Alltagsdramen hatten Soap-Qualität, ich litt dauernd Liebeskummer, zog ständig um, wechselte den Beruf, suchte in allen möglichen Ecken nach mir selbst und fand mich doch nicht, schrieb heulend Tagebuch, war wie die Protagonistin eines Frauenromans. Natürlich passierte viel in dieser Zeit, lustige Dinge, aber auch oft Scheiß: betrunkene Blamagen, morgens an unbekannten Orten aufwachen, so was. Das verkauft man dann als verrückte Yolo-Abenteuer, offensiv lachend und selbstironisch, um den eigentlich peinlichen Abstürzen den Schrecken zu nehmen und dem Spott oder Mitleid der anderen zuvorzukommen.

 

Je ne regrette rien, vielleicht habe ich das auch gebraucht, aber ich sehne mich nicht in diese Zeit des Getriebenseins zurück. Ich bin total froh, endlich die emotionale Komfortzone zu genießen: mit dem Mann meines Lebens auf dem Sofa Serien gucken, in der Stammkneipe rumhängen, das vier Wochen alte Baby meiner besten Freundin im Arm schuckeln. Denn wer genau guckt, sieht, dass Entspanntheit auch nur ein Anagramm von Glück ist.