Dreißignochwas #1

Süddeutsche Zeitung, SZ am Wochenende, 9. November 2013

Hillary und Bill Clinton und meine Eltern haben sehr viel gemeinsam. Na gut, „sehr viel“ ist vielleicht übertrieben, aber zumindest eines: Sie haben eine Tochter Anfang 30, die sie mit ihrem Wunsch nach Enkelkindern nerven. „Von meinen Eltern gibt es absolut unmissverständlichen Druck. Privat und öffentlich“, sagte Chelsea Clinton kürzlich in einer amerikanischen Talksendung.

Nun sind meine Eltern im Gegensatz zu den Clintons glücklicherweise nicht in der Lage, öffentlichen Druck auf mich auszuüben, aber der private reicht mir schon.

 

Meine Mutter fing an meinem 30.Geburtstag damit an. Auf der Karte, die sie mir schickte, waren außen Sonnenblumen und innen dieser Text: „Jetzt wirst Du 30, mein Liebes. Als ich 30 war, habe ich mich gerade auf Dich, mein zweites Kind, gefreut.“ Bamm.

 

Mittlerweile bin ich 34, zwischen der Sonnenblumen-Geburtstagskarte und der mit den Tulpen drauf, die meine Mutter mir in diesem Jahr schickte, liegen diverse berufliche Veränderungen (Karriereschritte, wie man so sagt), drei Umzüge (von München nach Hamburg nach München nach Berlin) und zwei beendete Beziehungen. Was nicht in diesen Zeitraum fiel: gebären.

 

Nach dem dritten Umzug hat meine Mutter aufgehört nachzufragen, wohl aus Resignation. Stattdessen erzählt sie mir Geschichten von meinem alten Schulfreund Erik, dessen zwei Kindern und der Freude, die seine Eltern an ihren Enkeln haben (auch wenn sie deren neumodische Namen nicht richtig aussprechen können).

 

Das Zeitfenster, in dem man als Frau mit Studium ordentlicherweise Kinder kriegen sollte, ist nicht sehr groß. Es liegt etwa zwischen 28 und 35. Davor ist man gerne zu jung, zu unreif, zu arm und soll im Beruf Fuß fassen, danach ist man eine von diesen Egoistinnen, die aus Karrieregeilheit und Hedonismus dem Kind eine alte Mutter zumuten, die dann verkrampft ist, weil sie zu viele Erziehungsratgeber liest. Beim richtigen Zeitpunkt, Mutter zu werden, scheint jeder mitreden zu dürfen: die Eltern, Tante Uschi, Freunde, Eltern von Freunden, Internet-Kommentatoren, Leserbriefschreiber. Individuelle Gründe (neuer Job, Fernbeziehung, Geldsorgen, Angst) gelten nicht: Den perfekten Zeitpunkt gibt es eh nicht!

 

Meinen letzten Geburtstag feierte ich an einem Sonntagnachmittag, wegen der Freunde mit den Kindern. Babys glucksten und sahen süß aus, Kleinkinder räumten die Bücherregale aus, mein Freund und ich hatten einen leichten Kater, weil wir am Vorabend lange aus waren. Es war ein schöner Geburtstag. Vielleicht wird der nächste ganz anders sein. Vielleicht aber auch noch nicht.