Was bisher geschah
Geboren 1979. Froh, noch ein Kind der 70er zu sein.
Kindheit im ländlichen Hessen. Viel im Wald gespielt, Bachwasser getrunken, Kühe geschubst, Kränze aus Gänseblümchen geflochten. Jahrelanger Klavierunterricht ohne jegliche Fortschritte. Eine Tierhaar-Allergie bewahrt mich davor, auf dem Ponyhof zum Pferdemädchen zu mutieren. Manchmal Hänseleien wegen dicker Brillengläser. Meine erste CD: Das New Kids on the Block-Weihnachtsalbum. An meinem zwölften Geburtstag nehme ich endlich das David Hasselhoff-Poster von der Wand.
Jugend, noch immer im ländlichen Hessen. Denke oft: "Immer regnets, immer gibts Fisch, immer muss ich mich langweilen, ich will andere Eltern." Fühle mich unverstanden von der Dorfjugend, die immer nur Dosenstechen in der Bushaltestelle macht. Ich bekomme Kontaktlinsen, entdecke Nirvana und Pearl Jam und Soundgarden und mein neues Lebensgefühl. Fortan wird gelitten und verhalten bürgerlich rebelliert. Geht allerdings nicht über E-Gitarren-Unterricht, rot gefärbte Haare, bisschen kiffen und ein PLO-Tuch hinaus. Wir waren ja alle keine Revolutionäre. Und um 23 Uhr haben uns die Eltern abgeholt.
Frühes Erwachsenenalter: Der Führerschein beendet 18 Jahre Gefangenschaft und eröffnet neue Welten. Frankfurt, zum Beispiel. Und elektronische Musik. Das Robert Johnson. Die Box. Die Ostparkstraße. Alles mit Mamas blauem 3er-Golf. Der hatte sogar Alufelgen. Ein bisschen Prolette steckte schon immer in mir.
Studium 1. Ich will weg, raus, ganz weit weg - und lande in Marburg. Nicht mal über die Bundeslandgrenze geschafft, der NC der Hamburger Uni ist fieser als jeder Ausreiseantrag. Deshalb: Germanistik, Medienwissenschaft, Italienisch; mit lauter jonglierenden Hippies und Lagerfeuer an den Lahnwiesen. 6er-WG mit Ungeziefer in der Küche und Campingdusche auf Backsteinen im Badezimmer. Nebenbei Lokalreporterin bei der "Taunus Zeitung". Bekomme schlimmen Allergie-Anfall auf Kaninchenzüchter-Treffen. Überlebe nur knapp.
Studium 2. Hamburg, endlich. Hauptstudium. Mein Leben wird ein besseres. Willkommen zuhause. Willkommen im Pudel, in der Mutter, im Revolver, im Thalia, am Elbstrand, im Saal 2, im Isekanal-Tretboot. Eher gemieden: der Philturm wegen spontaner Depression nach erstem Betreten.
Intermezzo: Vom DAAD bezahlte neun Monate Urlaub in Florenz. Lerne absurde Menschen kennen, habe den schlimmsten Liebeskummer ever. Wende Ablenkungstaktik an. Funktioniert partiell und temporär.
Back in the valleys of the green and the grey. Hamburg erscheint furchtbar nach so langer Zeit im Süden, will auswandern und dauerschwanger in Tomatensoßentöpfen rühren. Breche dann doch nicht das Studium ab. Die Kuschel-WG in der Schanze rettet mich. Bekomme Auszeichungen für innovative WG-Ideen wie: schon morgens einen Schluck Amaretto in den Kaffee kippen. Flüchtige Männerbekanntschaften. Erste Schreibversuche, bald darauf Kolumne im UniSPIEGEL, bald darauf Romanauftrag von Rowohlt. Im September 2006 erschein mein erster Roman "Hit-Single". Staunend schaue ich auf mein Leben.
Wien. Verlasse Haus und Hof und wandere aus für eine Arbeitsstelle. An einem großen deutschsprachigen Theater. 12-15 Stunden-Arbeitstage. Ist es das jetzt, das Leben? Bin unentschlossen. Zukunftsängste. Nebenbei Arbeit am zweiten Roman, der im März 2008 bei Piper erscheint und mit "Probezeit" auch einen besseren Titel als der erste hat.
Alles wieder zurück. Back to the Prekariat. Nach drei Jahren Berufstätigkeit tausche ich eine Festanstellung gegen temporäre Arbeitslosigkeit, meine eigene Wohnung gegen ein Zwischenmiete-WG-Zimmer, meine Vespa gegen ein klappriges Damenrad. Und eine 60-Std.-Arbeitswoche gegen ein bisschen mehr Selbstbestimmung.
Und dann: Schule!! Ja, richtig. Man lernt ja bekanntlich ein ganzes Leben lang, und so ist es nur konsequent, dass ich wieder Klassenzimmer, Pausenhof und Hausaufgaben zu Bestandteilen meines Lebens gemacht habe. Von November 2008 bis April 2010 war ich fleißige Schülerin der Deutschen Journalistenschule München. Praktikumsmarathon inklusive. Zehn waren es übrigens insgesamt.
Und jetzt? Verdiene ich mit Schreiben Geld. Und finde, dass das Beste ist, was mir passieren konnte.