»Schönsein ist so uninteressant«

Titelgeschichte im MISSY MAGAZINE 1/2009

Sandra Hüller ist die Frau für harte Rollen: In »Requiem« spielte sie eine Epileptikerin, am Theater die Kindsmörderin Medea und jetzt Courtney Love. Das liegt ihr mehr, als für die Medien auf dem roten Teppich zu posieren.

Wie Sandra Hüller wirklich aussieht, weiß keiner so genau. Als wolle sie sich absichtlich jeder Einordnung entziehen, wirkt sie auf jedem der Fotos, die von ihr kursieren, anders inszeniert: mal burschikos mit Kapuzenpulli, mal Nouvelle Vague mit Jean-Seberg-Haarschnitt, mal ganz zart mit altrosa Seidenbluse. Man muss zweimal hinschauen, um erkennen zu können, dass alle diese Gesichter der gleichen Person gehören. Und doch ist Sandra Hüller all das. Die Wandelbarkeit gehört zur großen Begabung der 30-jährigen Schauspielerin. Sie passt in keine Schublade.

 

Heute beim Interviewtermin in einem italienischen Eiscafé ist es Hüller offenbar ziemlich gleich, wie sie aussieht: Die blonden Haare hat sie irgendwie nach hinten gebunden, der blaue Schlabberpulli ist eher bequem als schön. Hinter ihr liegt ein langer Probentag.

»For Love« heißt das Stück am Theater Freiburg, an dem sie gerade arbeitet, eine Hommage an die Sängerin Courtney Love. Tanz, Schauspiel, Gesang, auf der kleinen Bühne, sie und ein Tänzer. Ausgangsmaterial sind Courtney Loves Tagebücher, Lieder und Videos. Entstanden ist die Idee zu dem Projekt bereits 2004, als der Regisseur Tom Schneider am Theater Basel, an dem Hüller damals engagiert war, einen Abend über Loves mittlerweile verstorbenen Ehemann Kurt Cobain inszenierte.

»Courtney Love kam darin gar nicht vor. Wir haben damals öfter diskutiert, warum eigentlich nicht, schließlich war sie der Mensch, der Cobain am nächsten stand, bevor er gestorben ist. Aber irgendwie gab es in dem Abend keinen Platz für sie.« Später wurde Love von vielen Fans für den Tod Cobains verantwortlich gemacht. Hüller hält nicht viel von dieser »Yoko- Onoisierung« der Sängerin und auch das Stück versucht, Love aus dieser Ecke zu holen. »Ihr Mann hat sich einfach erschossen, weil er Probleme hatte.« »Courtney war für mich schon damals viel wichtiger als Nirvana«, sagt Hüller. »Mich hat diese direkte, schmutzige Art, auf Dinge zuzugehen, fasziniert. Der Schmerz, der in ihren Texten steckt, ist für ein pubertierendes Mädchen toll. Ich finde sie auch heute noch sehr spannend, gerade weil sie so abgestürzt ist und um Anerkennung kämpfen muss.«

 

Ihre Pubertät mit Courtney Love verbrachte Hüller, 1978 geboren, in einem Luftkurort im Thüringer Wald. Die Schule war direkt neben dem Elternhaus, nachts hörte man nichts als das Schlagen der Kirchturmuhr. Idyllisch war das, aber auch eng. »Ich habe nie wirklich versucht auszubrechen. Vielleicht war das Schauspielstudium der erste Ausbruch, aber selbst da bin ich immer noch am Wochenende nach Hause gefahren.«

Zur Schauspielerei kam sie ganz klassisch übers Schultheater. Mit 16 machte sie einen Workshop, in zehn Tagen erarbeitete die Gruppe ein Theaterstück, wurde damit zum Jugendtheatertreffen nach Berlin eingeladen. »Da kam das erste Mal die Idee, das wirklich zu versuchen – Schauspielerin zu werden.« Zu jung, lauteten die Kommentare derjenigen, die sie fragte, wie man das am besten anfangen könnte. »Und ich dachte nur: Nee, bin ich nicht. Ich versuche das jetzt einfach und wenn es nicht geht, werde ich halt Hebamme.« Auf dem Arbeitsamt hat sie »Schauspielerin« in die Suchmaske des Berufsberatungsprogramms eingegeben und so die Adressen von Schulen gefunden. An der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« , an der auch Corinna Harfouch, Henry Hübchen und Nina Hoss studiert haben, hatte sie ihr erstes Vorsprechen und wurde sofort genommen.

Die Eltern, beide PädagogInnen, hatten kein Problem mit dem Berufswunsch ihrer Tochter. »Ich musste aber erst einmal beweisen, dass ich das ernst meine. Sie kannten von mir, dass ich viele Interessen hatte, die leicht wieder verblasst sind: Gitarre spielen zum Beispiel. Aber dann haben sie mich unterstützt, immer, bis heute.« Ein Hang zum Künstlertum liegt in der Familie, Hüllers 28-jähriger Bruder ist Fotograf und singt in einer Band.

 

Direkt nach dem Abi, mit 18, zog Sandra Hüller nach Berlin. »Mir ist auf der Schauspielschule schon vermittelt worden, dass ich ein spezieller Typ bin. Ich hatte ganz kurze, rot gefärbte Haare, und weil meine Augenbrauen zu buschig waren, habe ich sie bis zur Hälfte weggezupft. Ich sah echt ziemlich komisch aus.« Sandra Hüller lacht laut auf, das macht sie selten. Sehr bedacht beantwortet sie Fragen, lässt sich Zeit zum Nachdenken, nimmt sehr ernst, was sie sagt. Oft legt sie die Stirn in Falten, bis sie einen Satz findet, den sie für relevant genug hält, ihn auszusprechen.

 

Nach der Schauspielschule ging sie erst ans Theater Jena, dann nach Basel. Mit 25 wurde sie als Beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet für ihre Rolle als Shakespeares Julia. Dann kam der Filmregisseur Hans-Christian Schmid und »Requiem«, Hüllers Hauptrolle als epilepsiekranke Studentin Michaela Klingler. Und plötzlich ging alles sehr schnell: Bayerischer Filmpreis, Silberner Bär und Deutscher Filmpreis, alle im selben Jahr. »Mir war gar nicht bewusst, was nach ‚Requiem’ auf mich zukommen würde. Es hat mich extrem erschreckt – diese Maschinerie, die da läuft, in der man entweder funktioniert oder nicht.«

Damals, kurz nach dem Erfolg von »Requiem«, sagte Hüller der ZEIT: »Ich habe das Gefühl, man hat im Moment nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht sich total zurück. Oder man ist immer freundlich, sieht gut aus, ist toll geschminkt. Ob es einen dritten Weg gibt?«

 

Diesen dritten Weg sucht sie noch immer, sagt sie, wenn auch optimistischer: »Bei Veranstaltungen achte ich natürlich darauf, wie ich aussehe – auch wenn ich gerne die Chuzpe hätte, einfach aus dem Bett aufzustehen und da hinzugehen. Ich glaube schon, dass man seinen Platz finden kann, den muss aber jede für sich selbst ausloten. Ich bin da etwas langsam, fange jetzt erst an, zu diesen ganzen Partys zu gehen. Ich schaffe noch nicht, das als Teil der Arbeit zu sehen. Gerade bei Schauspielern ist das Medieninteresse ein schwieriges Thema: Wenn man arbeitet, öffnet man sich vollkommen. Aber wenn der Film erscheint, muss man anfangen sich zu schützen. Diese Gratwanderung muss man hinkriegen.«

 

Sich öffnen und sich schützen: Diese beiden Wörter tauchen immer wieder auf, wenn Sandra Hüller über ihre Arbeit spricht. Das Sich-Öffnen, dieses bedingungslose Ausliefern an eine Rolle, mit all ihren Konsequenzen, auch wenn sie hässlich oder verstörend sind – genau das istHüllers Talent. »Wer beim Spielen über Äußerlichkeiten nachdenkt, macht etwas falsch. Es geht darum, einen Charakter zu erforschen und die Wendungen, die er in der Geschichte nimmt, mitzugehen. Wenn das doof, schmerzhaft oder erbärmlich aussieht, dann ist es eben so. Würde ich anfangen, mich davor zu schützen, könnte ich nicht mehr richtig arbeiten.«

 

An dieser besonderen Begabung liegt es wahrscheinlich auch, dass Sandra Hüller immer extreme Frauen gespielt hat: vermeintlich vom Teufel Besessene wie Michaela in »Requiem«, Kindsmörderinnen wie Medea gleich zweimal, eine kriminelle, überforderte Mutter im Kinofilm »Madonnen«, eine Lesbe, die sich 1945 als Mann ausgibt, um nicht von russischen Soldaten vergewaltigt zu werden, in der Literaturverfilmung »Anonyma«.

In eine bestimmte Ecke gestellt fühlt sie sich damit nicht: »Ich glaube, dass ich durch mein Aussehen und meine Art, mich zu artikulieren, nicht in ein weibliches Klischee passe. Selbst wenn ich die Rolle einer klassischen Schönheit in einem Abendkleid angeboten bekommen würde, würde ich der noch etwas Schräges mitgeben. Ich glaube schon, dass ich schön sein kann, das ist nicht die Frage, aber es ist so uninteressant.«

 

Dass sie ebenso gut auch eine »normale« Rolle spielen kann, zeigt Hüller in ihrem aktuellen Film »Der Architekt«: Die 24-jährige Reh ist zwar zerrissen von den Bemühungen, die Spannungen in ihrer Familie auszugleichen – aber welche Tochter aus bürgerlichem Hause ist das nicht.

Nach »Requiem« hat sich Sandra Hüller erst einmal ein Jahr Pause gegönnt, ist vorübergehend zu ihrer Mutter gezogen und hat einfach gar nichts gemacht, außer viel zu schlafen, ein bisschen Sport, Musikhören. Wenn sie über ihren Musikgeschmack spricht, dann beschreibt sie damit, ohne es zu merken, auch ihre Art zu spielen: »Ich mag selbst gemachte Sachen, LoFi- Kram, bei dem man noch hört, wie jemand das Instrument in der Hand hält. Ich will auch nicht hören, dass jemand versucht, ein Gefühl herzustellen, in dem er nicht wirklich drin ist. Leute, die sich in einen Prozess versenken, finde ich spannend.« Fragt man sie nach Bands, zögert sie kurz und sagt dann: »Radiohead, Portishead, zum Beispiel.« Pause. »Obwohl die ja gar nicht LoFi sind.« Pause. »Aber ich mag die Authentizität, den Aufwand, den sie betreiben, die Schmerzen, um an den Punkt zu kommen, wo es einfach stimmt. An dem man nicht mehr etwas vorgibt, sondern da ist, wo man ist.« Treffender als mit diesen Worten kann man auch Sandra Hüllers Schauspiel nicht beschreiben.

 

Auch heute, nach ihrer Auszeit, lehnt sie noch viele Rollen ab. »Ich mache kaum Fernsehen, mag keine Krimis. Ich verstehe den Sinn dieser Art von Unterhaltung nicht.« Zu den wenigen Rollen, die sie angenommen hat, gehörte die der Clärenore Stinnes, die 1927 mit nur 27 Jahren als erste Frau mit dem Auto die Erde umrundete. Wieder so eine ungewöhnliche Rolle. Der Dokumentarspielfilm »Fräulein Stinnes fährt um die Welt« von Erica von Moeller läuft im Frühjahr in den Kinos und wird danach im WDR gezeigt.

Auch mit Schorsch Kamerun, Sänger der »Goldenen Zitronen« und Theaterregisseur, hat sie zusammengearbeitet, bei der Ruhrtriennale 2008: »Westwärts«, ein Projekt mit Texten von Rolf Dieter Brinkmann, gesungen von Sandra Hüller. »Schorsch Kamerun habe ich immer aus der Ferne bewundert, ich finde seine Band toll und kenne seine Inszenierungen von den Münchner Kammerspielen. Die Arbeit mit ihm hat mich sehr beeindruckt. Er gibt einem das Gefühl, dass alles möglich ist, dass man keine Fehler machen kann.«

 

Wen möchte sie spielen, wenn sie es sich aussuchen könnte? »Ingeborg Bachmann und Helmut Schmidt«, sagt Hüller, diesmal ohne lange zu überlegen. »Die Gedichte von Bachmann lese ich seit Jahren. Oft kapiere ich sie nicht, aber sie berühren einen Punkt in mir. Und der gerade erschienene Briefwechsel mit Paul Celan ist toll. Mir fehlt heute eine Person wie sie. Sie war so direkt und furchtlos, ohne hart zu sein. Und Helmut Schmidt finde ich cooler als so manchen jungen Menschen. Eine extrem kluge Person, auch furchtlos. Ich würde einfach gerne wissen, wie der funktioniert.«

 

Der SPIEGEL schrieb 2007 in einer Theaterkritik über »Mamma Medea« an den Münchner Kammerspielen: »die kolossal seltsame Schauspielerin Sandra Hüller«. Die so Beschriebene lacht darüber laut auf. »Ich finde es toll, wenn jemand einen anguckt und sagt: Ich find dich seltsam. Ich bin dafür wahnsinnig dankbar, weil ich dadurch nicht einzuordnen bin. Unter seltsam kann man sich nichts vorstellen. Wer danach wissen will, wie ich bin, der guckt es sich an.«