Hit-Single

Fuck the pain away?

Ein bisschen Fremdgehen reicht, und - zack - ist Cobra ihren Freund los. Mitsamt Wohnung. Nach ein paar tristen Nächten im alten VW-Bully findet sie zum Glück ein Zimmer in einer netten WG im Hamburger Schanzenviertel. Und außerdem findet sie: Wenn schon verlassen, dann aber auch wildes Singlemädchen-Leben. Doch auch bei Männern, Wodka und Rock'n'Roll gilt die alte Regel: Leichter gesagt als getan...

Wie konnte es bloß dazu kommen? - Ein Werkstattbericht

Noch vor zwei Jahren hätte ich gelacht, wenn mir jemand gesagt hätte, dass mein Name mal auf einem Rowohlt-Taschenbuch stehen würde. Aber jetzt liegt mein erster Roman in allen Buchhandlungen.

 

Eigentlich begann alles mit einem gebrochenen Herzen. Nach einer mehrjährigen Beziehung saß ich plötzlich da als unfreiwilliger Single. Und nachdem der erste Schmerz vorbei war und meine rotgeweinten Augen wieder abschwollen, kam die Verwunderung über das, was ich da sah – das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit. Und ich war plötzlich mittendrin.

 

In dieser Phase meines Lebens geschahen die absurdesten Dinge – irgendwann habe ich angefangen, ein paar davon zu kürzeren Texten zu verarbeiten und bei Online-Communitys wie jetzt.de oder neon.de zu posten. Ich war überrascht über die Resonanz. Anscheinend schienen einige der Texte einen Nerv zu treffen. Einer davon kam besonders gut an: ein Pamphlet über knutschende Pärchen in der Öffentlichkeit, das ich eines Abends aus aktuellem Anlass voller Wut und Neid in die Tastatur gehackt hatte. Irgendwann bekam ich dann eine Mail mit der Anfrage, ob ich Interesse daran hätte, diesen Text im UniSPIEGEL zu veröffentlichen. Ich dachte erst, da wolle mich jemand veralbern, aber als ich die angegebene Telefonnummer anrief, ging da tatsächlich ein SPIEGEL-Redakteur dran.

 

So fand der Text dann schließlich auch seinen Weg zu SPIEGEL ONLINE – und ich war komplett überwältigt, was da alles an Reaktionen kam. Knapp 500 E-Mails habe ich bekommen, zum Teil wüste Beschimpfungen, aber auch viel Lob, Date-Anfragen, sogar drei Heiratsanträge. (An dieser Stelle ein Gruß an alle Bauingenieurstudenten aus Karlsruhe, die waren besonders häufig vertreten.) Plötzlich unterhielten sich mir unbekannte Menschen in diversen Foren darüber, wo man meine  Telefonnummer herkriegen könnte. Sogar die Betreiber von »Jesus online« reagierten auf den Text, allerdings attestierten sie mir eher mitleidig meine mangelnde Liebes- und Bindungsfähigkeit …

 

Tollerweise kam bald darauf das Angebot vom Uni-SPIEGEL, regelmäßig eine Kolumne zu schreiben – und dadurch eröffneten sich ganz neue Welten: Jemand bezahlte tatsächlich Geld für das, was da in meinem Kopf und auf meiner Tastatur entstand. Und es gab wirklich Leute, die es regelmäßig lesen wollten. Das machte richtig Spaß. Plötzlich rückte ich aber auch ein Stück weit in die Öffentlichkeit, und neben vielen netten Kommentaren kam natürlich auch einiges an Häme und Bösartigkeiten. Am Anfang war es total befremdlich, plötzlich im Netz über Texte zu stolpern, in denen mein Charakter und mein Leben analysiert wurden – anhand von vier oder fünf zugespitzt formulierten Glossen glaubten einige Menschen, sehr genau zu wissen, wer ich bin und was ich so den ganzen Tag mache. Aber auch an so was gewöhnt man sich.

 

Als dann nach ein paar Kolumnen plötzlich ein

Lektor vom Rowohlt Verlag bei mir anrief, dachte ich zunächst wieder an einen Witz. War aber auch keiner. »Frau Liere, könnten Sie sich vorstellen, einen Roman zu schreiben?« Ich, äh, öh, hab ich noch nie drüber nachgedacht, das kann ich doch gar nicht – das schoss mir als Erstes durch den Kopf.

Es sollte in den Bereich Frauenunterhaltung gehen, klar, Probleme zwischen Männern und Frauen wie in der Kolumne, das schien irgendwie zu meinem Thema zu werden. Um einen Eindruck davon zu bekommen, was die von mir wollten, bekam ich ein kleines Buchpaket vom Verlag mit entsprechenden Titeln aus ihrem Programm – und musste erst mal schlucken. Immerhin hatte ich jahrelang Germanistik studiert, Schnitzler, Fontane, Mann, Frisch, Bernhard, Bachmann – und jetzt soll ich »Trivialliteratur« schreiben? Sollte ich nicht lieber das Angebot ablehnen, warten, bis ich in 20, 30 Jahren vielleicht irgendwann mal so weit wäre, eine zweite »Auslöschung« zu verfassen? Lieber erst mal Nächte lang verzweifelt über der Schreibmaschine hängen, Rotwein trinkend, rauchend, lauernd auf den perfekten Satz, auf den Roman, der die Weltliteratur neu erfindet? Und dann mein 2500-Seiten-Manuskript jahrelang von Verlag zu Verlag tragen, bis Suhrkamp irgendwann mein wahres Genie erkennt? So, wie das richtige Schriftsteller halt so durchmachen? Och nö.

Klar wäre das irgendwie ein interessanteres

Schicksal gewesen als meine Zufall-Glückspilz-Geschichte, aber dafür bin ich dann doch ein bisschen zu pragmatisch. Außerdem scheint mein Talent definitiv eher im Unterhaltungsbereich zu liegen (meine frühpubertären, hochliterarisch verrätselten und von Allegorien durchzogenen Kurzgeschichten haben zu Recht nie den Weg raus aus der dunklen Schublade in die Öffentlichkeit gefunden) – warum nicht zugreifen?

 

Also setzte ich mich hin und überlegte, was ich an den zugeschickten Büchern mochte und was nicht. Ich wollte keinen Tussi-Roman schreiben, wollte kein Caipi-trinkendes Schickimicki-Mädchen, das sich mit Freundinnen über die perfekte Bodylotion und Weltprobleme wie abgebrochene Fingernägel unterhält.

Das musste doch auch anders gehen. Ich wollte etwas, das mit mir, mit einer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Es sollte um die Suche nach Orientierung, nach dem richtigen Platz zwischen all den Möglichkeiten gehen, ums Ausprobieren, Scheitern und Herausfinden. Wer bin ich, und wie will ich eigentlich leben? Das beschäftigte mich.

Ich schrieb ein Exposé – steckte meine Heldin Cobra, eine Studentin, in eine Hamburger Schanzenviertel-WG mit einem finnischen Akkordeonspieler, einem dauerkiffenden Jurastudenten und einem Romani-stikmäuschen, mischte eine gute Portion Liebeskummer, peinliche One-Night-Stands, den Golden Pudel Club und eine Vorliebe für Mafia-Filme dazu –, und der Verlag fand das super.

 

Das Schreiben selbst ging dann auch viel besser als gedacht, statt nächtelangem Brüten tippte ich einigermaßen fröhlich in meine Laptop-Tastatur – wobei die Universal-Literatenmittel Rotwein und Zigaretten auch mir so manches Mal geholfen haben.

Wenn ich ein paar Seiten fertig hatte, druckte ich sie aus und rannte damit sofort ins Zimmer meiner Mitbewohnerin, zum Vorlesen. Wenn sie lachte, war ich beruhigt, guckte sie verständnislos, hab ich noch mal überarbeitet.

Mal schrieb ich fünf Stunden am Stück, mal ging eine Woche lang gar nichts – aber am Ende konnte ich pünktlich nach gut fünf Monaten meine 207 Seiten abliefern.

 

Natürlich steckt da eine ganze Menge von mir selbst drin – eine Autobiografie ist es trotzdem nicht. Ein paar Dinge, die Cobra widerfahren, sind mir oder Freunden aber tatsächlich passiert – lustigerweise sind das dann meistens gerade die Sachen, die manchmal als »ein bisschen unrealistisch und übertrieben« kritisiert werden.

 

An der Uni habe ich das Ganze unter Verschluss gehalten. Mein Freundeskreis wusste natürlich,

womit ich mir neuerdings die Nächte um die Ohren schlug, aber sonst habe ich es nur wenigen erzählt. Eine Germanistikstudentin, die nebenbei an ihrem Roman arbeitet – gähn, das ist genauso einfallsreich wie die Kunstgeschichtestudentin, die nebenbei noch Aquarelle malt.

 

Das war 2005. Der Roman lag also fast ein Jahr beim Verlag, zwischendurch tat sich nicht viel – aber jetzt prangt er seit Anfang September in fast allen Buchhandlungen.

Als ich das Buch das erste Mal im Laden gesehen habe, fand ich das total absurd. Ich hab kurzzeitig sogar überlegt, ob ich wahllos Menschen ansprechen soll: »Gucken Sie mal, das hab ich geschrieben, da ist auch ein Foto von mir hinten drauf. Verrückt, oder?« Natürlich habe ich das nicht gemacht. Ich fürchte aber insgeheim, dass meine Eltern das vielleicht tun. Die haben jedenfalls schon Fotos in Buchhandlungen gemacht.

 

Ich bin gespannt, wie es jetzt so weitergeht. Bis jetzt sind noch keine richtig aufregenden Dinge passiert, keine Lesungen mit schlangestehenden Groupies, keine Orgien auf Buchmessenpartys mit gutaussehenden Popliteraten.

Das Autorendasein ist eben auch weniger schillernd, als man denkt. Meins jedenfalls. Zwei Interviews habe ich gegeben, das war ganz interessant, und ich bin zweimal von professionellen Fotografen mit großem Tamtam an öffentlichen Orten fotografiert worden. Für echte Starallüren oder Divenanfälle reicht das aber noch nicht. Wäre mir aber wahrscheinlich auch zu anstrengend.

 

Ob das Schreiben tatsächlich irgendwann ein

richtiger Beruf werden könnte, von dem man eventuell sogar mal leben kann, wird sich zeigen. Toll wäre es. Ich sitze jedenfalls schon am zweiten Roman. Klischeegerecht mit Rotwein und Zigaretten.

(UniSPIEGEL 5/2006)