Vorsicht, Freunde!
Wenn zwei sich gefunden haben, treffen irgendwann auch die Freundeskreise aufeinander. Judith Liere über seltsame Begegnungen der dritten Art.
»DU bist also Judith. Ich hab ja schon viel von dir gehört.«
Bei unserer ersten Begegnung hielt Martin meine Hand ein paar Sekunden länger als nötig fest und musterte mich von oben bis unten.
»Äh, ich freu mich auch, dich kennenzulernen«, gab ich zurück und lächelte ihn etwas verunsichert an. Was meinte er denn damit? Egal, ich musste mich von meiner charmantesten Seite zeigen. Martin ist Holgers bester Freund. Und das Verhältnis zu ihm kann somit entscheidend für den weiteren Verlauf meiner neuen Beziehung sein.
Seitdem Holger und ich nun offiziell den Status »Pärchen« tragen, haben wir auch entsprechende Pflichten. Repräsentieren in der Öffentlichkeit zum Beispiel. Vorher gab es nur unsere kleine Wir-Welt, er und ich. Wenn wir uns trafen, dann in geschlossenen Räumen, privat, unter uns, ohne äußere Einflüsse oder Störfaktoren. Solange alles noch unbestimmt und frisch war und wir uns erst mal gegenseitig kennenlernen mussten, haben wir einander nicht auch noch unsere jeweiligen Freundeskreise zugemutet.
Doch seit ich ihn nun als »meinen neuen Freund« vorstellen kann und nicht mehr länger rumstottern muss (»Das ist Holger, mein ... äh, ein ... äh, der Typ, mit dem ich, äh, gerade was habe ...«), wurden meine Freundinnen und seine Kumpels immer neugieriger. Sie wollten sehen, wer da plötzlich so wichtig ist, dass gemeinsame Kneipentouren oder Kickerabende kurzerhand abgesagt werden. Dagegen ist ja prinzipiell nichts einzuwenden. Im speziellen Fall bei Holger und mir gibt es allerdings ein Problem: Unsere Freunde sind, na ja, ein wenig verschieden. Das wurde schnell klar, als ich Martin zum ersten Mal sah und er dann irgendwann meiner Freundin Anna begegnete.
Als ich Holger damals kennenlernte, war ich froh, alle Vorurteile, die ich über BWL-Studenten so hatte, als unbestätigt über Bord werfen zu können. Nachdem ich seine Freunde getroffen hatte, tauchten sie allerdings alle wieder auf. Rosa Polohemden mit hochgestelltem Kragen würden in meinem Geisteswissenschaftler-Freundeskreis nicht einmal die Mädchen tragen. Und die »Financial Times« kommt mir höchstens dann ins Haus, wenn darin das letzte Schnäppchen vom Fischmarkt steckt. Aus gutem Grund haben wir die Begegnung unserer beiden Welten immer weiter hinausgezögert.
Doch nun ist es passiert: Ich bin mit meinen Mädels im Schlepptau auf dem Weg zum Kiez, Holger und seine Jungs wollten eigentlich einen Bar-Abend im Schanzenviertel machen. Und genau dazwischen sind wir uns begegnet. Plötzlich ist alles wie in der »West Side Story«, wir sind die Sharks und sie sind die Jets, Holger ist Tony, und ich bin Maria, hinter uns die rivalisierenden Gangs - Jungs in Hemden mit Karrieregedanken gegen Mädels in Secondhand-Shirts mit Weltverbesserungsideen.
Fast warte ich darauf, dass Holger anfängt, »Maria, Maria, Maria« zu singen, doch nach einer kurzen Schrecksekunde begrüßt er mich mit einem schüchternen Kuss. Aber nun müssen wir auch unsere Freunde miteinander bekannt machen. Gebannt beobachte ich die erste Kontaktaufnahme. Was kommt nun? Erbitterte Grundsatzdiskussionen und Wertediskurse über Kapitalismus und Kultur? Abfällige Bemerkungen über ausgelatschte Chucks oder fiese Kommentare zu massiven Armbanduhren?
Doch stattdessen lächelt Martin Anna an: »Wir wollten gerade in die Bar da drüben gehen. Wollt ihr nicht mitkommen?«
Zu meiner großen Überraschung sagt Anna ja. Und so kommt es, dass Germanistinnen und BWLer einträchtig nebeneinander am Tresen sitzen und sich tatsächlich angeregt unterhalten.
»Ach, mit einem Germanistik-Studium kann man später auch im PR-Bereich arbeiten? Wusste ich gar nicht.«
»Echt, du schreibst deine Diplomarbeit über die Projektfinanzierungen bei Greenpeace? Das ist ja interessant!«
Holger und ich betrachten das Ganze perplex.
»Hm, da haben wir uns wohl umsonst Sorgen gemacht«, brummt er.
Ich grinse ihn an: »Man soll Leute eben nicht nach ihrem Äußeren oder ihrem Studienfach beurteilen. Hab ich dir doch gleich gesagt.«
UniSPIEGEL 1/2006