Ich bin ansprechbar
Es ist gar nicht so schwer, ein Mädchen kennen zu lernen. Man darf es nur nicht so plump anstellen wie die Typen, die Judith über den Weg laufen.
»Hallo, ich bin Ulf, und das ist der Name, den du heute Nacht stöhnen wirst.« Ich drehe mich um, und vor mir steht auffordernd grinsend ein Typ, der tatsächlich so guckt, als würde er ernst meinen, was er da gerade gesagt hat. Vor Schreck fällt mir fast mein Long Island Ice Tea aus der Hand. »Äh, nein, lieber tot sein«, stammele ich und flüchte zu meiner Freundin Anna, um sie zum hundertsten Mal heute Abend dafür zu beschimpfen, dass sie mich überredet hat, sie auf eine Single-Party zu begleiten.
»Ach komm, Judith, nur einmal, so zum Spaß«, redete sie auf mich ein, als wir wie jeden Samstag auf ihrem Sofa saßen und überlegten, wie diese Nacht weitergehen sollte. Zwei Wodka-Lemon später gab ich mich geschlagen. Anna freute sich: »Das wird sicher lustig.«
Lustig. Hm. Zugegeben, anfangs gibt es wirklich viel zu lachen. Besonders, als sich ein Mann Anfang dreißig vor mir aufbaut, das Innenfutter seiner Jeanstaschen herauszieht, seitlich nach oben hält und mich fragt, ob ich schon einmal einen Hasen auf die Nase geküsst hätte. Erfolg hat er damit nicht, aber es ist wenigstens origineller als all die abgestandenen Klassiker, die ich danach serviert bekomme: »Dein Vater muss ein Dieb gewesen sein, er hat die Sterne vom Himmel gestohlen und sie dir in die Augen gezaubert« - gähn, wer will denn so was noch hören? Ich jedenfalls nicht, und schon gar nicht von den Männern, die auf dieser Party unterwegs sind. Das Angebot erinnert ein bisschen an »Rudis Resterampe«, und eigentlich mag ich auch keine Situationen, in denen zu offensichtlich ist, auf was es hinauslaufen soll. Da kann man sich das ganze Gesülze auch gleich sparen und direkt »Ficken?« fragen.
Am besten gefällt es mir, wenn jemand über belanglose Kleinigkeiten mit mir ins Gespräch kommen möchte. »Hast du mal Feuer?«, »Kennst du den Song, der da gerade läuft?« und sogar »Bist du öfter hier?« werden immer gern genommen.
Es gibt allerdings auch viele Orte, an denen ich einfach nicht angesprochen werden möchte. Außerhalb von Bars und Clubs bin ich nur selten auf Flirten eingestellt. Etwa, wenn ich mit hochrotem Kopf auf dem Laufband im Fitnessstudio keuche und dabei ausgebeulte, peinliche Jogginghosen trage. Oder wenn ich im Waschsalon gerade meine hundert Jahre alte Baumwoll-Blümchen-Unterwäsche aus der Trommel ziehe. Oder im Supermarkt, wenn vor mir auf dem Kassenband mein Einkauf liegt, der aus drei Tafeln Schokolade, Superplus-Tampons, Waschgel für fettige Problemhaut und der neuen »Gala« besteht. Das sind alles intime Einblicke in mein Privatleben, die ich mit möglichst wenigen Menschen teilen möchte. Und am allerwenigstens mit Flirtpartnern.
»Kennen wir uns nicht irgendwoher?«, säuselt es da schon wieder in mein Ohr und reißt mich aus meinen Gedanken. »Ja, deshalb gehe ich da auch nicht mehr hin«, kontere ich und lasse den Säusler stehen. Mir reicht's, ich werde jetzt Anna aus dieser Hölle der einsamen Herzen zerren, so viel notgeiles Geschnulze auf einen Haufen erträgt ja kein normaler Mensch.
Anna lässt sich überraschenderweise auch problemlos zum Aufbruch bewegen. »Ja, ist vielleicht besser so", sagt sie. "Ich wollte eben mal offensiv rangehen und hab einem Typen 'Fick mich' ins Ohr geflüstert. Leider hat der Gute aber wegen der lauten Musik 'mickrig' verstanden und wurde daraufhin etwas ausfallend, weil er dachte, ich wollte ihn beleidigen.« Offenbar handelt es sich um den Dunkelhaarigen, der leicht verkrampft an der Bar steht und Anna mit tödlichen Blicken bombardiert.
Kichernd flüchten wir von der Party. Endlich an der Theke meines Lieblingsclubs angelangt, bitte ich den gut aussehenden Conor Oberst-Verschnitt neben mir um Feuer. „Ich bin übrigens Daniel“, stellt er sich prompt vor, „weißt du zufällig, welcher DJ hier gerade auflegt?“ Na also, denke ich und habe zum ersten Mal an diesem Abend das Gefühl, dass da doch noch was gehen könnte.
UniSPIEGEL 2/2005