Gespaltenes Herz

Selbstverständlich ist Treue ganz wichtig. Auch im Skiurlaub, wenn der Freund zu Hause sitzt und Judith Liere eng mit Sebastian tanzt. Oder?

"Vergiss es!"

"Ach bitte! Warum denn nicht?"

"Weil ich das nicht mache. Du kriegst mich nicht dazu. Da kannst du Bambi-Augen machen, soviel du willst, ich werde definitiv nicht irgendwelche Berge runterrutschen. Egal, ob auf einem Brett oder auf zweien. Fahr du mal lieber allein."

 

Alles Betteln und Flehen war umsonst - Holger blieb hart. Und deshalb stehe ich jetzt einsam und allein auf einer Skipiste, in einem Haufen anderer Hamburger Studenten, die ich alle nicht kenne: Verreisen mit dem Unisport.

Wenigstens konnte ich Anna in letzter Minute noch zum Mitkommen überreden. Nur hat die bereits vor drei Stunden Ski gegen Après-Ski eingetauscht, liegt auf irgendeiner Sonnenterrasse und lässt sich das Näschen bräunen. Zum Teil aus Faulheit, zum Teil aber auch, weil sie mein "Gejammer" nicht mehr ertragen wollte: "Holger, Holger, Holger, und dann auch noch dieser weinerliche Tonfall. Ich kann's nicht mehr hören. Ihr seid noch nicht mal 24 Stunden getrennt, habt bereits dreimal telefoniert und etwa 350 SMS geschickt, und du tust trotzdem so, als wäre er vor Jahren von nepalesischen Wasserbüffelhirten verschleppt worden und seitdem verschollen. Werd mal wieder normal, Judith."

 

Hmm. Recht hat sie ja irgendwie. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es in Nepal überhaupt Wasserbüffel gibt. Aber ich verhalte mich schon ein bisschen so wie die Mädchen, die ich früher verachtet habe. Die "Mein Freund"-Mädchen, die nur noch über ihren "Süßen" reden und immer so unvollständig wirken, wenn sie nicht sein Händchen zum Halten neben sich haben. So wollte ich nie werden. Ich muss dagegen angehen, bevor nichts mehr zu retten ist. Wenn Holger mir nur nicht so wahnsinnig fehlen würde ...

 

Tapfer schlucke ich den Kloß in meinem Hals runter, setze die Skibrille wieder auf und düse los. Ablenkung tut Not. Und tatsächlich schaffe ich es, volle 60 Minuten nur über meine Wedeltechnik und nicht über Holgers Wangengrübchen nachzudenken.

 

Bei der nächsten Schleppliftfahrt wäre ich aber fast wieder rückfällig geworden. Die Jacke des Snowboarders neben mir kommt mir verdammt bekannt vor.

"Tolle Jacke hast du da an", strahle ich ihm zu und hole schon Luft für den nächsten Satz, der eigentlich "Mein Freund hat genau die gleiche" lauten sollte. Gerade noch rechtzeitig verschlucke ich den Rest, und der Typ kriegt nur noch ein etwas blödes Grinsen hinterher.

"Äh, danke", murmelt er ein bisschen perplex. "Deine ist aber auch ganz schön. Ich bin übrigens Sebastian."

 

Sebastian ist richtig nett, und zufällig ergibt es sich, dass wir uns noch ein paar Mal im Lift begegnen. Und wie es das Schicksal so will, auch gleich noch am Abend im einzigen Club am Ort. Der Wodka ist billig, die Musik furchtbar, und Sebastian und ich finden heraus, dass wir beide gleich peinlich zu noch peinlicheren Liedern tanzen können. Anna hüpft fleißig mit und ist begeistert: "Endlich kann man mit dir mal wieder so viel Spaß haben wie früher, im Prä-Holger-Zeitalter! Aber sag mal, dieser Sebastian, der gräbt dich ja schon ziemlich an. Hast du dem nicht gesagt, dass du einen Freund hast?"

 

Nee, hab ich nicht. Ich wollte ja nicht mehr über Holger reden! Außerdem ist es jetzt auch zu spät, um noch ein unauffälliges "Mein Freund ..." einfließen zu lassen. Und ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Ich genieße es gerade sehr, ganz unverbindlich zu flirten. Zu mehr würde ich es ja sowieso nicht kommen lassen. Ich bin ja treu.

 

Drei Wodka später legt der DJ "Dreams Are My Reality" vom "La Boom"-Soundtrack auf, und Sebastian und ich stürzen eifrig zur Tanzfläche, um uns gegenseitig vorzumachen, dass wir beide perfekt den Engtanz der französischen Teenies aus dem Film nachahmen können. Erst kichern wir noch dabei, aber dann wird er plötzlich still, guckt mir in die Augen und fragt: "Hast du eigentlich einen Freund?"

 

Und ich weiß, dass ich etwa zehn Sekunden Zeit für eine Antwort habe, bevor er versuchen wird mich zu küssen. Bei Sekunde fünf schließe ich die Augen.

 

UniSPIEGEL 2/2006