Ein Herz für den Herbst
Warum Bratapfel-Sex schöner ist als sommerliche Begegnungen mit Sand im Po
Der Herbst ist herrlich. Er ist der König unter den Jahreszeiten. Leider wissen das nur wenige Leute. Die denken immer nur: »Bäh, Herbst. Sommer weg, muss ich ganz schnell depressiv werden, macht man so.«
Dabei ist das ganz falsch. Der Herbst ist die beste Jahreszeit überhaupt.
Alle anderen Jahreszeiten werden komplett überbewertet, allen voran der Sommer. Ich frage mich immer, warum ihn alle herbeisehnen. Dabei ist doch das einzig Gute am Sommer, dass es die letzte Jahreszeit vor dem Herbst ist.
Im Sommer ist vieles furchtbar beschwerlich, was im Herbst ganz einfach ist. Für mich zumindest. Ich bin einfach kein Mädchen für heiße Tage. Ich fange an zu schwitzen, sobald ich bei mehr als 26 Grad Außentemperatur meinen kühlen Keller verlasse - schön sieht das nicht aus. Ich gehe nicht schwimmen, denn im Bikini kommen meine Schokoladenseiten voll zur Geltung - alle 54 Tafeln des letzten halben Jahres. Wenn ich versuche, braun zu werden, überzieht sich meine Haut nach spätestens zehn Minuten mit fiesen roten Quaddeln - Sonnenallergie.
All das führt dazu, dass Männer im Sommer für mich mit besonderen Schwierigkeiten verbunden sind. Sommermänner wollen Beachbunnys, die mit ihnen am Strand Volleyball und im Park Frisbee spielen. Und nicht das weiß leuchtende Etwas, dass mit hochrotem Kopf und juckendem Ausschlag im Schatten seine Problemzonen zu verstecken versucht.
Und so besteht mein sommerliches Liebesleben aus Verzweiflungstaten am nächtlichen Strand mit windigen Eisverkäufern namens Gianni oder Fernando, die routiniert alles nehmen, was nicht bei drei im Wasser ist. So schmeckt der Sommer, sag ich nur.
Der Herbst hingegen ist meine Jahreszeit. Ich kann den schmierigen Sommerflirt endlich eintauschen gegen eine handfeste Herbstaffäre. Männer sind im Herbst sowieso besser. Sie tragen Rollkragenpullover, die ihnen sehr gut stehen, sie setzen sich Mützen auf und sehen niedlich aus, außerdem stecken sie ihre Füße nicht mehr nackig in Flipflops, sondern verpacken sie dankenswerterweise wieder in ihre Sneakers.
Auch das Kennenlernen ist kein Problem mehr. Männer mögen dann wieder Herbstmädchen, denn sie haben die Nase voll von den vielen Beachbunnys und sind müde geworden von dem ganzen Frisbee-Hinterhergerenne. Nun habe auch ich wieder Saison: Lange Mäntel kaschieren gnädig meine Rundungen, ich kann mir hübsche Schals und Handschuhe zulegen, vielleicht sogar einen Muff. Hüte stehen mir auch ganz ausgezeichnet.
Mit Herbstmännern lässt es sich toll über neblige Wiesen spazieren oder in raschelnden Laubhaufen herumhüpfen. Danach setzt man sich mit ihnen ins Café und trinkt Kakao mit Amaretto aus großen Schalen, an denen man sich gleichzeitig die kalten Händchen wärmt. Männer finden so was meistens süß. Was sie auch süß finden: Wenn man ihnen blank glänzende Kastanien in die Jackentasche steckt. Später hat man dann Sex vor dem Kamin (oder der Nachtspeicherheizung) und genießt endlich wieder ein nicht zu unterschätzendes Detail: Man hat keinen Sand im Po.
Im Herbst werden die Männer ruhiger und anlehnungsbedürftiger. Kommen mit mir nach Hause, weil es da warm ist und sie sich darauf freuen, mich aus dem Schal zu wickeln, mir die Mütze abzunehmen und aus dem Mantel zu helfen. Lassen sich von mir Tee kochen und Bratäpfel machen und bleiben ganz wunderbar zahm. So mag ich das. Mein ganz persönlicher Herbsttyp. Und vielleicht ist ja dieses Jahr sogar endlich mal einer dabei, mit dem es sich gut überwintern lässt.
UniSPIEGEL 6/2004