Du, ich muss dir was sagen

Der Augenblick der Wahrheit rückt näher. Wie, fragt sich Judith Liere, macht man am besten Schluss?

"Heute hü, morgen hott", hat meine Mutter früher immer zu mir gesagt, wenn ich mal wieder von einem Tag auf den anderen komplett meine Meinung geändert habe. Darin war ich immer gut. Nur dieser Lebensmaxime scheine ich treu geblieben zu sein - und habe dadurch gerade ein ziemliches Problem. Denn Holger, mein Freund Holger, der das letzte halbe Jahr total "hü" war, ist nun leider "hott" und gar nicht mehr heiß.

 

Nach sechs Monaten kommt fast jede Beziehung an den neuralgischen Punkt, an dem entschieden wird, ob sich die Verliebtheit in Liebe wandelt, ob noch etwas übrig bleibt, wenn die Hormonüberdosis langsam wieder auf Normalpegel sinkt und die rosaroten Wolken wieder blaugrau werden. Entweder man beginnt dann an Haus, Kinder, Hund und Volvo-Kombi zu denken, oder es passiert das, was gerade bei mir mit Holger abläuft: Er fängt an, mir wahnsinnig auf die Nerven zu gehen.

 

Dieses knackende Geräusch, das sein Kiefer beim Essen macht! Dieser furchtbare karierte Pullover! Die Art, wie er mir seinen Arm um die Schultern legt! Und wie habe ich es geschafft, ein halbes Jahr lang diesen grauenhaften Musikgeschmack zu ignorieren?! Ich kann nicht ganz bei Sinnen gewesen sein, aber jetzt, wo ich wieder klar denken kann, quält mich nur noch eine Sorge: Wie verklickere ich ihm, dass es vorbei, bye-bye-Junimond ist? Wie macht man am besten Schluss?

 

Indem man es sagt. Ja, ja, ich weiß, aber ich bin feige. Ich habe einfach Angst vor der Situation. Am Ende beschimpft er mich, womöglich auch noch zu Recht! Gibt es da keinen anderen Weg, um sich - im wahrsten Sinne des Wortes - aus der Affäre zu ziehen?

 

Vielleicht könnte ich viele kleine Andeutungen machen. Beim nächsten Karaoke-Abend Abba singen: "Breaking up is never easy, I know, but I have to go". Oder doch lieber Libertines: "Won't you please forgive me, but I no longer hear the music, music when the lights go out"? Hm, aber damit überschätze ich eventuell seinen interpretatorischen Scharfsinn. Unsensibel war er ja sowieso schon immer.

 

Mir tut es leid, dass es zwischen Holger und mir nicht geklappt hat. Wirklich. Aber das kann ich nicht ändern. "Mein Kopf ist ein Flughafen, und mein Herz ist ein Hotel", sang schon Funny van Dannen. Vor kurzem noch war ich total verknallt, und jetzt will ich ihn nur noch loswerden, so bitter wie das ist.

 

Ob ich es doch mit dem Klassiker versuchen sollte? Die einfühlsame Nummer, "du, wir müssen reden", und dann koch ich uns einen schönen Tee, je nach Temperatur geht auch Eistee, und dann rassele ich das ganze Floskelrepertoire runter: "Es liegt nicht an dir." "Du bist viel zu gut für mich." "Ich bin nach meiner letzten Trennung noch nicht so weit." "Ich bin beziehungsunfähig." "Ich habe verlernt zu lieben." "Ich werde Nonne/lesbisch/asexuell." "Es ist besser für uns beide, glaub mir." "Ich habe nur noch drei Monate zu leben und sag dir schon mal jetzt tschüs." All diese ganzen Lügen, die man nur sagt, damit es einem selbst bessergeht. Die Botschaft bleibt ja letztlich die gleiche: Ich finde dich nicht toll genug, um länger mit dir zusammenzusein.

 

Da ist es vielleicht sogar ehrlicher, man macht es kurz und knackig. Per SMS. Oder per Post-it: "I'm sorry, I can't, don't hate me." 34 Zeichen, die es auf den Punkt bringen. Aber mein Leben ist ja keine amerikanische Fernsehserie, das ginge dann doch zu weit.

 

Ich könnte ihm einen Brief schreiben. "Sehr geehrter Herr Schulze, leider müssen wir Ihnen mitteilen ..." Aber das dauert, und wie bitte schön verhalte ich mich dann während der drei Tage zwischen Briefeinwurf und -ankunft? Gelten E-Mails auch, oder ist das wieder zu herzlos?

Hach, ich bin so verdammt feige. Am Ende bleibe ich noch mit ihm zusammen, bloß weil ich nicht weiß, wie ich's ihm sagen soll.

 

Aber Moment, wozu bin ich denn hier eigentlich Fräulein Karla Kolumna?

 

Lieber Holger, vielleicht liest du das ja. Es war schön mit dir, aber irgendwie ist auch mal wieder Zeit für was Neues. Hü und hott, so bin ich halt. Wenn du reden willst, kannst du ja anrufen.

Judith.

 

UniSPIEGEL 4/2006