Das Prepaid-Verhältnis
Wann gilt eine Beziehung als eine Beziehung? Judith Liere über eine schwierige Statusbestimmung
»Du, Judith, ich muss dir was sagen: Meine Eltern kommen am Samstag nach Hamburg.« Holger schaut mich entschuldigend an.
»Oh. Da ist doch diese tolle Party, zu der wir gehen wollten. Schade, aber dann nehme ich eben Anna mit. Ist nicht so schlimm.«
Er guckt zerknirscht. »Äh, ich wollte dich eigentlich fragen, ob du sie kennen lernen willst.«
»Deine Eltern?! Warum das denn?«
»Na ja, immerhin bist du meine Freundin.«
Freundin?! Moment mal! So im Sinne von feste Freundin, Semestergefährtin, Verlobte, Lebenspartnerin, bis dass der Tod uns scheidet? Wann haben wir das denn bitte festgelegt? Er muss mich doch fragen, bevor er eigenmächtig eine Statusbestimmung vornimmt! Nur weil wir uns nun schon eine ganze Weile treffen, sehr gern mögen und fast jeden Tag miteinander einschlafen und auch wieder aufwachen, bedeutet das doch wohl noch nicht, dass wir jetzt zusammen sind! Das heißt doch noch gar nichts!
Ich habe mein Verhältnis zu Holger bisher ähnlich gesehen wie das zu meiner Prepaid-Karte: Ohne Vertragsbindung, ohne Grundgebühr, einfach abverlustieren! Und nun geht er davon aus, dass er bei mir die Super-XXL-Flatrate mit unbegrenzter Downloadmenge gebucht hat, oder was? Ich habe nichts unterschrieben!
Früher war das alles irgendwie einfacher. Da gab es klare Indizien, die den Eintritt in eine Beziehung kennzeichneten. In der fünften Klasse wusste man, dass man einen neuen Freund hat, wenn der auf dem »Willst du mit mir gehen?«-Zettel das Kästchen unter »ja« angekreuzt hatte. Mit 15 war man zusammen, wenn man sich mit Zunge geküsst hatte, und bis vor ein paar Jahren noch bedeutete zumindest der erste gemeinsame Sex, dass man ein Paar ist.
Heute hingegen sind solche Faustregeln hinfällig geworden. Meine Kommilitonin Julia etwa schläft regelmäßig, aber unverbindlich, mit ihrem Sandkastenkumpel; »friends with benefits« nennt sie das. Und meine Freundin Anna hat sich letztes Jahr über mehrere Wochen hinweg fast täglich mit einem Typen getroffen, den sie ganz selbstverständlich als ihren festen Freund bezeichnete - bis er ihr plötzlich eröffnet hat, dass er ihre »Affäre« leider beenden müsse, da er zu seiner Frau nach Berlin ziehen würde. Eines habe ich daraus gelernt: Da kann man sich noch so pärchenmäßig verhalten, ein Paar ist man erst, wenn man es sagt. Vorher gilt es nicht. Um vom Affäremodus in den Beziehungsstatus zu wechseln, bedarf es einer klaren Ansage. Das weiß doch jeder.
Außer Holger, offenbar. Und ich bin jetzt gezwungen, entweder »Ich, deine Freundin?! Du spinnst wohl, wir ficken doch nur!« zu schreien oder »Ja, gern, Schatz, ich will deine Eltern auch endlich kennen lernen« zu säuseln. Bei beidem wäre mir nicht ganz wohl.
Wenn ich darüber nachdenke, ist der Gedanke an eine feste Beziehung mit Holger gar nicht so schlecht. Das hat ja auch Vorteile: Verlässlichkeit, Beständigkeit, ich muss nicht mehr bei jedem Treffen darauf achten, welche Unterwäsche ich anhabe, er muss sich um mich kümmern, wenn ich mal krank bin, mir Regale anbringen und Getränkekästen hochschleppen. Ich muss nicht mehr gleich auf jede seiner Kommilitoninnen eifersüchtig sein, wir können uns gemeinsam lustige Vornamen für unsere zukünftigen Kinder ausdenken und sonntags zusammen »Tatort« gucken.
Unschöne Verpflichtungen bringt so was »Festes« natürlich auch mit sich: Ich darf nicht mehr heimlich mit dem Nachbarn knutschen, muss seine bekloppten Kumpels nett finden und womöglich mit zu St.-Pauli-Spielen ins Stadion gehen. Ich kann nicht mehr sofort den Kontakt abbrechen, wenn er einmal einen geschmacklosen Pulli trägt. Ich muss seine Referate mit ihm einüben und einen Geburtstagskuchen für ihn backen. Seine Eltern kennen lernen. Und Letzteres vielleicht schon in drei Tagen - wenn ich nicht Einspruch gegen die Kennzeichnung »Freundin« erhebe.
»Judith? Warum sagst du denn gar nichts? Stimmt irgendwas nicht? Willst du meine Eltern gar nicht treffen?« Holger setzt seinen herzerweichenden Dackelblick auf, und plötzlich wird mir klar, dass ich eigentlich schon längst seine Freundin bin, nämlich seit dem Moment, in dem er das erste Mal so geguckt hat.
»Das nächste Mal vielleicht«, sage ich und lächle ihn an. »Am Samstag gehe ich lieber mit Anna zur Party. Die ist schon sauer, weil ich nur noch mit meinem Freund unterwegs bin.«
Ein Schritt nach dem anderen. Man muss ja nichts überstürzen.
UniSPIEGEL 6/2005